Blue Holes, Backroads und Buschbrände - Florida und Bahamas 2026

Alles über andere Länder abseits der Seychellen - Infos, Berichte, Anfragen...
Benutzeravatar
Suse
Beiträge: 3581
Registriert: 19 Aug 2009 22:07
Wohnort: zwischen Tegel und Trabrennbahn

Re: Blue Holes, Backroads und Buschbrände - Florida und Bahamas 2026

Beitrag von Suse »

Der erste Tag dient erstmal der Hausarbeit. Seit Andros schleppen wir unsere tropenfeuchten verschwitzten Sachen mit, endlich Zugang zu einer Waschmaschine, das wird ein Fest!

Tide habe ich schon besorgt und genügend Quarter habe ich auch. In den Pool würde ich jetzt gern, da aber Samstag ist, sind wir nicht allein im Motel, am Wochenende sind so gut wie immer mehrere Gäste auf der Durchreise da und angesichts der Hitze sind die natürlich alle im Wasser. Also vertrödele ich die Zeit mit Lesen und Breezer Trinken, während die Waschmaschine ihre Arbeit tut.

Auch der Grillpavillon ist bis spät in die Nacht besetzt, und dabei grillen die Leute dort nicht einmal, sondern hängen nur herum und kiffen. Aber morgen sind sie bestimmt alle weg!

Und genau so kommt es auch, am Sonntag sind wir schon wieder allein auf der gesamten Anlage. Einen zweiten Tag in Serie wollen wir hier aber nicht mehr vertrödeln. Wir waren lange nicht hier und da ist so einiges, das wir machen wollen. Zuallererst: Zum Suwannee, dem magischsten aller Flüsse Floridas.

https://www.youtube.com/watch?v=I0_h3Fy ... rt_radio=1

White Springs, eine Kleinstadt nördlich von Lake City, haben wir vor vielen Jahren beim Herumcruisen über die Landstraße des Columbia County per Zufall entdeckt. Daß diese verschlafene Stadt mit ihren schönen alten Häusern einmal die Hochburg des Tourismus in Florida war, lange vor Micky & Co., wußten wir damals noch nicht.

Bild

Seitdem zieht es uns immer wieder hierher, und jedesmal, wenn man den Suwanee überquert, ist es, als würde man durch ein Portal in eine andere Zeit eintreten.

Bild

Bild

Bild

Kleine Veränderungen gibt es. White Springs liegt auf dem Florida Quilt Trail

https://www.historicwhitesprings.com/quilting

und viele der Gebäude hier sind mit „Barn Quilts“, auf die Wände gemalten klassischen Quilt-Mustern, geschmückt.

Bild

Adam's Country Store hat statt dessen jetzt Murals, die die Natur Nordfloridas darstellen.

Bild

Bild

Das Outdoor Café ist leider immer noch nicht fertig renoviert

Bild

Und in der River Street steht eine beim letzten Mal noch bewohnte Holzvilla zum Verkauf. Es ist eines der prächtigsten Gebäude in der Straße.

Bild

Wenn man sich das leisten könnte…

Auch das Telford Hotel, einstmals Dreh- und Angelpunkt des Nachtlebens in White Springs, hat immer noch keinen Abnehmer gefunden

Bild

Hier zu leben wäre für mich durchaus vorstellbar. Neben den einsamen Inseln, die wir auf unseren Reisen besucht haben, ist der Ort, an den ich zuhause am häufigsten zurückdenke, tatsächlich der Swanee.

https://www.youtube.com/watch?v=LsGygMw ... rt_radio=1

Direkt am Fluß gelegen, die Badeanstalt an den White Sulphur Springs, deretwegen die Leute einstmals in Scharen hierherkamen.

Bild

Heute nur noch ein Relikt, das halbwegs instand gehalten wird. Aber gewisse Anzeichen des Verfalls sind schon zu sehen.

Bild

Man kommt derzeit auch nicht mehr hinein und kann es nur von außen betrachten. Also steigen wir mal runter zum Fluß

Bild

Unten am Flußufer wird uns dann schlagartig vor Augen geführt, was wir beim Anflug von Andros über die Everglades schon ahnen konnten: Die Dürre, die ganz Florida seit letztem Herbst im Griff hat.

Bild

Der Swanee hat mehrere Meter Wasser verloren und ist hier an dieser Stelle fast nur noch ein Schatten seiner selbst in einem engen Flußbett, ganz anders, als wir ihn zuletzt gesehen haben.

Bild

Bild

Abends im Motel lesen wir es dann in der Zeitung, wie wenig es seit letztem September geregnet habe. Noch wird das Wasser nicht rationiert, aber es gilt bereits die höchste Waldbrandwarnstufe und ein Verbot offenen Feuers ist in Kraft. Die Grills in den Parks dürfen nicht genutzt werden und auch privat sind lediglich geschlossene Grills erlaubt.

Das erklärt, weshalb vorgestern so viele Leute Kugelgrills aus dem Walmart geschleppt haben.

Bild

Den Grill am Parkplatz des Motels dürfen wir aber weiter nutzen, so daß sich am Abend noch eine Tour zu Aldi anschließt. Auch in diesem Jahr ist das die beste Adresse für Fleisch, man muß es leider so sagen, für uns ist das Preis-Leistungs-Verhältnis auch in diesem Jahr nirgends so gut gewesen.

Wir hoffen, so oft wie möglich grillen zu können, bevor es vielleicht ganz verboten wird, also legen wir direkt los. Während die Steaks brutzeln, haben wir immer eine alte Eistee-Gallone mit Wasser offen danebenstehen. Auch wenn der Grill am asphaltierten Parkplatz steht, sicher ist sicher.
Wenn du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

https://s12.directupload.net/images/210215/bx7vkcag.jpg
Benutzeravatar
Suse
Beiträge: 3581
Registriert: 19 Aug 2009 22:07
Wohnort: zwischen Tegel und Trabrennbahn

Re: Blue Holes, Backroads und Buschbrände - Florida und Bahamas 2026

Beitrag von Suse »

Wir sind natürlich jetzt sehr gespannt, wie die anderen, normalerweise wasserreichen Ecken Nordfloridas aussehen, in denen wir uns gern aufhalten. Aber bevor wir eine längere Tour machen können, haben wir morgen erstmal etwas auf dem Zettel, das wir nicht aufschieben können, denn auch das ist wieder so eine Sache, von der man nicht weiß, ob sie im nächsten Jahr vielleicht wieder nicht möglich sein wird.

Es gibt in Lake City seit ein paar Jahren ein kleines Heimatmuseum, das nur durch Freiwilligenarbeit am Leben erhalten wird. Wie überall sonst auch wird es immer schwieriger, Volontäre zu finden, die ihre Freizeit opfern wollen, um etwas Ehrenamtliches zu tun. So war das Museum mangels Mitarbeitern bei unserem letzten Besuch auch geschlossen, aber aktuell ist es an wenigen Tagen in der Woche geöffnet und einer davon ist morgen.

Bild

Das Holzhaus aus dem 19. Jahrhundert, ein klassisches Foursquare mit einem Küchenanbau hinten dran, kennen wir von außen schon, standen wir doch letztes Mal hier vor verschlossener Tür.

Diesmal läßt uns ein Herr herein, der aussieht, als hätte er selbst noch im Bürgerkrieg mitgekämpft, und der, also der Bürgerkrieg, ist dann hier auch das wesentliche Thema.

Bild

Natürlich ist das nicht das Haus eines typischen armen Crackers, sondern ein relativ feudales Stadthaus, aber die zahlreichen Bilder und Einrichtungsgegenstände geben einen Eindruck, wie man sich das Leben hier vorzustellen hatte.

Bild

Historisches Lake City:

Die Marion Street, einstige Flaniermeile und Einkaufsstraße. Man beachte mal links, wie weit die USA uns seinerzeit voraus waren. Riesige Kühlschränke, zu einer Zeit, zu der die Leute in Deutschland ihre Lebensmitteln noch in Speisekammern aufbewahrten.

Bild

Das Blanche Hotel bei seiner Eröffnung. Hier stieg sogar Al Capone regelmäßig ab. Und im zweiten Stock spukt es. 👻

Bild

So schaut das Blanche übrigens heute aus. Nachdem es jahrelang leer stand, ist es nun eine Hochzeitsvenue. Was das Gespenst aus dem zweiten Stock dazu meint, weiß man nicht so genau. 👻

Bild

Im Untergeschoß des Museums viele Artefakte aus dem Bürgerkrieg, nicht wenige davon hat man aus dem Lake De Soto gezogen, so wie diese Musketen und auch die Baumstämme, aus denen die Vitrinen gefertigt wurden, in denen sie ausgestellt sind.

Bild

Meinen inneren Monk hat ja sehr gestört, daß die eine Muskete aus der Halterung gefallen ist. Ich habe mich früher schon mal um Haaresbreite in einem Museum in einem anderen Teil der Welt in Schwierigkeiten gebracht, weil ich ein schief stehendes Ausstellungstück geradegerückt habe. Also lasse ich schön die Finger von der Vitrine.

Der Lake De Soto vor 100 Jahren, ein Ort für romantische Bootstouren. Man kann sich heute übrigens auch nicht mehr vorstellen, daß der See einmal crystal clear gewesen sein soll.

Bild

Aber neben all den patriotischen Räumen

Bild

gibt es im Obergeschoß zu meiner Überraschung auch Raum für diejenigen, die hier im Land damals einen schweren Stand hatten: Schwarze und Indigene.

Ich glaube, es gibt keinen Florida-Reisebericht, in dem ich nicht einmal Aunt Aggie erwähnen mußte, deren Knochengarten eine morbide Faszination auf mich ausübt. Die aus Tierknochen zusammengebastelten Skulpturen waren Anfang des 20. Jahrhunderts die Sensation in der Gegend, hierhin ging man, egal welcher Hautfarbe, um sich unterhalten oder von Aunt Aggie aus der Hand lesen zu lassen.

Bild

Die noch in der Sklaverei geborene Agnes „Aggie“ Jones war eine angesehene Geschäftsfrau in der Gegend und brachte es mit dem Boneyard zu etwas Wohlstand. Und auch hier im Museum wird sie mit einem großen Gemälde, das sie vor ihrem Knochengarten zeigt, gewürdigt.

Noch mehr Platz wird den Seminolen eingeräumt. Ein ganzes Seminolendorf in Puppenstubengröße ist aufgebaut, Kunstgegenstände, Spielzeug.

Bild

Das Leben der Seminolen vor Ankunft der Europäer wird detailliert dargestellt. Und der Teil nach der Ankunft auch.

Klassenzimmer:

Bild

Und natürlich immer wieder er: Chief Alligator.

Bild

Oder politisch korrekt: Halpatter Tustenuggee, der Namensgeber der Stadt Lake City, die früher Alligator City hieß.

Bild

Halpatter oder manchmal auch in der Schreibweise Allapattah ist das Seminolenwort für Alligator. Und so war Halpatter Tustenuggee, der Alligator Warrior, dann auch nicht nur irgendein Provinzhäuptling, sondern ein historisch bedeutender Krieger, der insbesondere während des Zweiten Seminolenkrieges an der Seite von Osceola und Micanopy die weißen Eroberer ziemlich lange Zeit daran hindern konnte, sein Volk in die Reservate im Westen abzudrängen.

Das Museum hat mich überrascht. Es ist sehr liebevoll gemacht, umfangreich, und überhaupt nicht so auf konservative Themen beschränkt, wie ich es vermutet hatte. Uns hat es so gut gefallen, daß wir gern wieder herkommen würden. Zu bestimmten Feiertagen gibt es kleine Events, wie eine Halloweenparty, und das Museum beteiligt sich zum Jahrestag der Schlacht von Olustee an den Feierlichkeiten. Aber das liegt außerhalb unserer Reisezeit.

Bild

Lake City ist eine Stadt mit vielen Problemen und gerade deshalb ist es schön zu sehen, daß so ein Ort sich halten kann und von der Bevölkerung auch angenommen wird.

Für morgen haben wir wieder eine längere Tour vor. Wir wollen am Nachmittag zum besten Fotolicht in die Payne’s Prairie fahren. Wir sind gespannt, was die Dürre dort angerichtet hat. Wir werden somit morgen nicht grillen können und fahren zum Walmart, Proviant besorgen. Inspiriert vom Museum und den Seminolenkriegen kommt uns beim Einkaufen die Idee, morgen nicht die Autobahn nach Gainesville zu nehmen, sondern lieber gemütlich über die Landstraße bis nach Micanopy zu fahren.

Man könnte meinen, daß Osceola, als berühmtester der Seminolenhäuptlinge, sich jetzt übergangen fühlt, denn als wir beladen mit Sandwiches, Süßigkeiten und Getränken wieder herauskommen, bringt er sich in Erinnerung. Man merkt man sofort, daß etwas in der Luft liegt. Es riecht nach Rauch und die Sonne liegt wie hinter einem Schleier verborgen.

Und dann kommen sie auch schon, eine ganze Karawane Feuerlöschzüge rast mit ohrenbetäubendem Lärm die US90 entlang nach Osten in Richtung Wald. Der Osceola Forest brennt.

Bild

Näher am Wald kommt der Verkehr auf der US90 aufgrund eingeschränkter Sicht zeitweise zum Erliegen und die Bevölkerung wird aufgefordert, nicht notwendige Fahrten zu unterlassen. Wir fahren also auf direktem Wege ins Motel zurück.

Der Rauch kommt gleichzeitig mit uns im Motel an und wabert über den Parkplatz. Wir schließen Türen und Fenster und sitzen bei ausgeschalteter Klimaanlage im Zimmer. Und freuen uns über die Sandwiches, die eigentlich für morgen gedacht waren, denn weder können wir in den Grillpavillon noch in den Pool. Aber das sind Luxusprobleme. Der Osceola Forest ist riesig, ein zusammenhängendes Waldgebiet, das sich bis über die Grenze nach Georgia zieht. In der Nähe des Feuers liegt auch noch ausgerechnet der Schießstand von Lake City. Wenn das außer Kontrolle gerät, werden wir womöglich evakuiert.

Gegen Abend klart es langsam auf und die Nachrichtensender geben Entwarnung, das Feuer sei zunächst unter Kontrolle. Gottseidank, frische Luft!
Wenn du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

https://s12.directupload.net/images/210215/bx7vkcag.jpg
Antworten