Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

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Suse
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Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Suse »

Im März dieses Jahres, als das ganze Reiseglück noch von diesem einen Moment abhing, in dem man das hoffentlich negative Testergebnis in den Händen hielt, trauten wir uns kaum, uns irgendwie auf die Reise vorzufreuen. Es machte uns abergläubisch, als würde es nicht wahr werden, so wie wenn man seine Wünsche beim Anblick einer Sternschnuppe laut ausspricht.

Also beschäftigten wir uns eher indirekt mit den Reisezielen, während wir in selbst auferlegter Quarantäne zuhause saßen, und bekämpften den aufkommenden Lagerkoller mit alten Fotos, Alben und Videos. Dabei stolperte ich irgendwann über ein längst vergessenes Foto, das das Schaufenster eines Antiquitätengeschäfts in Key West zeigte. Ich erinnere mich noch, daß ich mich damals fragte, mit welcher Auswandererfamilie dieses Geschirr wohl in Key West gelandet sein mochte, wo es überhaupt keinen weißen Spargel gibt.

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Oder vielleicht doch? Die Frage wurde auf einmal wieder interessant. Die Antwort, die ich während der Reise bekam, bestätigte meine Vermutung, daß ich dieses Jahr keinen Spargel essen und übrigens auch keinen Flieder würde klauen können. Denn unsere Reise würde nicht drei Wochen, nicht sechs Wochen, sondern die gesamte Spargelsaison lang sein und hatte schon im Zuge der Vorbereitungen so viele Sorgen aufgeworfen, daß der Verzicht auf ein Luxusgemüse eigentlich das geringste Problem war.

Schon seit Jahren hatte mich der Wunsch nach einer längeren Auszeit umgetrieben; einmal richtig lange reisen können, ohne Zeitdruck. Ende 2019 war die Zeit reif, und nicht zuletzt angestoßen durch die stetige Ermutigung durch Forumsmitglied belize unterschrieb ich den Teilzeitvertrag für ein dreimonatiges Sabbatvierteljahr von April bis Juni 2022. Wie freuten wir uns und malten uns aus, was wir alles würden tun können. Florida sollte natürlich dabei sein, den Rest der Zeit wollten wir für schwer erreichbare Inseln im Pazifik aufwenden, Inseln mit komplizierter An- und Abreise, für die man viel Zeit ohne Druck braucht, um sie richtig kennenlernen zu können.

Aber auch Florida sollte etwas Besonderes werden, endlich einmal richtig viel Zeit haben, um Orte zu besuchen, die Aufwand erfordern, zum Beispiel Fort Jefferson mit Übernachtung. Eine komplizierte Angelegenheit, zu der man alles, inklusive sein eigenes Trinkwasser selbst mitbringen muß. Bei so vielen Wochen würden wir die ganzen notwendigen Vorbereitungen realisieren können. Und als Reiseauftakt eine gute Woche Bahamas.

Für kurze Zeit waren wir euphorisch und glücklich. Um genau zu sein: zwei Monate. Und dann reckte die Pandemie ihr häßliches Haupt über den Horizont und ließ alle Pläne zerplatzen. Ich bin mir selten in meinem Leben so betrogen vorgekommen. Neben den üblichen Sorgen, die wir mit dem Rest der Welt teilten, wie kranke Verwandte im Ausland, die wir nicht besuchen durften, eine Beerdigung, zu der niemand kommen durfte, neben all diesen traurigen Dingen hatten wir nun noch eine Reise, die uns keine Freude, sondern nur noch mehr Sorgen machte.

24 Monate Ansparphase mit reduziertem Gehalt bei gleichzeitigem Wunsch, ein Maximum an Geld für die Reise zu sparen, sich jeden Monat einschränken und jeden Pfennig umdrehen, und das alles mit der Aussicht, die drei Monate dann vielleicht in Bad Lauterbach zu verbringen?

Aber die Rettung nahte in Form von Französisch Polynesien. Das Land hatte nach der Wahlkampftour von Macron im Frühjahr 2021 eine massive Coronawelle durchlaufen, nach deren Abklingen man zur Normalität überging. Die Grenzen wurden unter hohen Auflagen geöffnet, die sie nach und nach lockerten. Im Sommer 2021 trauten wir uns dann, konkrete Pläne zu machen, wir recherchierten und wurden fündig, tatsächlich ergaben sich so viele Möglichkeiten, daß wir uns vorkamen, wie Kinder im Süßigkeitenladen. Hier ein bißchen Tuatomus, da ein bißchen Marquesas und zum Schluß als Highlight die Australes.

Allerdings hatte das Ganze auch seine Schattenseiten, denn Französisch Polynesien ist wohl so eines der teuersten Reiseziele, die man sich aussuchen kann, und das hatte dann auch seine Auswirkungen auf die Florida-Pläne, denn hier war es eher so, als müßten wir die Süßigkeiten, die wir uns schon ausgesucht hatten, wieder zurück ins Regal stellen.

Als erstes flogen die Bahamas von der Liste. Nicht nur, weil wir die Florida-Zeit zugunsten der vielen Inseln in „EffPe“ kürzen mußten, auch pandemiebedingt gab es hier einige Unsicherheiten, die Anreise, damals nur mit British Airways über London nach Nassau, die Fährverbindungen ab Fort Lauderdale nach Grand Bahama waren eingestellt, da die Grenzen der USA seinerzeit ja noch fest verschlossen waren. Das war schon alles so vage und unsicher und hätte uns enorme Mehrkosten verursacht - die Bahamas wurden gestrichen.

Als nächstes mußte Key West dran glauben. Auch hier empfanden wir nicht nur Bedauern. Die Preise waren in dermaßen schwindelerregende Höhen geschossen, daß wir entschieden, die Regeln der freien Marktwirtschaft auch für uns anzuwenden, und Key West einfach mal eine Weile nicht nachzufragen. Ohnehin wären die Dry Tortugas nicht in die verbliebene Zeit zu stopfen gewesen, und auf eventuell nicht stornierbaren Tickets für die Yankee Freedom wollten wir auch nicht sitzen bleiben, falls die USA ihre Grenzen bis zu unserer Abreise nicht öffnen würden. Key West folgte dem Beispiel der Bahamas: Gestrichen! Übrig blieb am Ende nur der Flug und die erste Unterkunft in Miami, um die Voraussetzungen der "Pauschalreise" zu erfüllen.

Denn daß wir uns überhaupt trauten, die USA zu buchen lag nur daran, daß wir den gesamten Reiseverlauf, nachdem wir ihn zusammengestellt hatten, dem Reisebüro des Vertrauens übergaben, das auch tatsächlich alles, was wir uns wünschten, realisieren konnte. Wäre die Einreise in die USA am Ende doch nicht möglich gewesen, wäre hier der Veranstalter in der Verantwortung gewesen, uns eine Alternative beispielsweise in Form einer früheren Anreise in den Pazifik anzubieten. Und zusammen mit einer ebenso mühsam wie kostspielig zusammengestellten Reiserücktritts- und -abbruchversicherung mit Corona-Schutzpaket fühlten wir uns nun eigentlich in alle Richtungen gut abgesichert.

Aber selbst als im November dann die erlösende Nachricht kam, daß man im Weißen Haus nun „Science folgen“ und die Grenzen öffnen würde, ließ die Anspannung nicht nach. Trotz aller Entwicklungen stand das Reisekonstrukt ja weiterhin auf wackeligen Füßen, nicht zuletzt aufgrund der Risikofaktoren, die man selbst mitbringt.

Jeden Tag in der überfüllten Berliner U-Bahn, einkaufen gehen, berufstätig sein. Wir waren dreimal geimpft, aber wie man sah, nützte das nicht wirklich etwas, die Menschen infizierten sich ja trotzdem, also wurde weiter gestrichen, was das Zeug hält.

Dinge, die man sonst so vor Antritt einer Reise tut, die sonst teil der Vorbereitungen und Vorfreude sind, besonders, wenn es in die Tropen geht. Vorher mal aufs Münzmallorca oder in die Kabelkaribik, sich von Freunden und Verwandten mit einem Treffen verabschieden, die Reise mit einem Restaurantbesuch einläuten: Gestrichen, gestrichen und schon dreimal GESTRICHEN! Statt dessen 14 Tage selbst auferlegter Quarantäne in Gesellschaft unserer Sofakissen und alten Fotos.

Nun hätte ich den Reisebericht ja kaum angefangen, wäre nicht am Ende alles gut ausgegangen. Und ja, so war es dann, am 3. April 2022 hielten wir die negativen Tests in den Händen und feierten virtuell mit allen, die daran Anteil nahmen. Nach all den Streichungen ist wenig Neues übriggeblieben, sondern vor allem das uns Altvertraute, und der Bericht wird dem Reisebericht von 2018 ähneln. Die Fotos sind wieder zum weitaus überwiegenden Teil vom mr.minolta.
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

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Vielen vielen Dank. Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, dass ihr hier einen Reisebericht einstellen würdet, freue mich riesig, den gewohnt wohlformulierten, erheiternden Bericht lesen zu dürfen und das Schaufensterfoto macht auch Lust auf mehr.
LG
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Suse
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Suse »

Klara hat geschrieben: 30 Aug 2022 10:25 Vielen vielen Dank. Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, dass ihr hier einen Reisebericht einstellen würdet, freue mich riesig, den gewohnt wohlformulierten, erheiternden Bericht lesen zu dürfen und das Schaufensterfoto macht auch Lust auf mehr.
LG
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Es gab schon Nachfragen, auch von Leuten, die im Forum selbst nicht mehr aktiv sind, da dachten wir, wir machen es doch. Es macht uns ja auch Spaß. Schön, daß Du auch dabei bist.

Das Verhältnis Text/Bilder kehrt sich ja dann noch irgendwann um. :D
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Klara »

Suse hat geschrieben: 30 Aug 2022 11:25 Es gab schon Nachfragen, auch von Leuten, die im Forum selbst nicht mehr aktiv sind, da dachten wir, wir machen es doch.
Ich hatte auch schon gedacht zu fragen, ob man irgendwo einen Bericht von euch lesen kann, wollte dann aber nicht aufdringlich sein.
Freue mich schon auf die Fortsetzung.
LG
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Suse »

Der Abreisetag beginnt stressig. Wir laufen zwanghaft durch die Wohnung und checken dies und das, bis wir sicher sind, daß alles für die lange Abwesenheit in Ordnung zurückgelassen wird. Dann Kontrolle des Gepäcks, das umfangreiche Foto- und Videoequipment, neben dem Koffer schleppen wir beide noch jede Menge Zeug, das nicht ins Aufgabegepäck darf. Als wir endlich unten sind, wartet das Taxi schon auf uns, denn mit all dem Plunder haben wir überhaupt keine Lust auf die Anreise mit der BVG und zweimal Umsteigen.

Während wir früher je nach Abreisetag zu zweit mit meiner BVG-Karte nach Tegel gefahren sind, kostet es uns somit einiges über 50 Euro, um zum BER zu kommen. Nachdem wir bei Ankunft die Koffer in Windeseile vor die Füße gestellt bekommen und ich gerade noch einen Blick auf die Rückbank werfen darf, ob da auch nichts liegengeblieben ist, rauscht der Taxifahrer schon davon, das Zeitfenster, in dem er Gäste absetzen darf, ohne bezahlen zu müssen, ist offenbar mehr als kurz.



Eine kurze Gedenkminute für Tegel später sind wir am Lufthansa-Schalter. Hochgeladen haben wir nichts, nachdem schon das erste Formular zweimal nicht klappen wollte, hatte ich direkt die Nase voll. Der Check-in dauert dementsprechend lange, nach allem, was wir bereits ausgefüllt haben, werden noch jede Menge Kontaktdaten vor Ort abgefragt, deren Sinn ich erst nicht verstehe, weil das ja alles schon im ESTA steht. Bis ich Doofi dann auch mal kapiere, daß es hierbei jetzt um die Corona-Kontaktverfolgung geht.

Der Flug nach München verläuft ereignislos. Bayern liegt unter einer Schneedecke und während des Transit schicken wir einer gemeinsamen Freundin, die seit vielen Jahren auf den Seychellen lebt, ein Foto von der weißen Landschaft ihrer alten Heimat und bekommen zur Antwort, sie bedanke sich für die Erinnerung daran, weshalb sie ausgewandert sei. Uns geht es ähnlich, wir haben genug von dem langen, ziemlich kalten, verregneten Winter.

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Auf dem Flug nach Miami sitzt ein junger Franzose neben mir, sehr angenehmer Sitznachbar. Er bestellt sich Champagner, Franzosen sind doch immer wieder gut dafür, einen an die Leichtigkeit des Seins zu erinnern. Wir bestellen uns traditionell Bloody Mary, irgendwas scheint an der urbanen Legende, Tomatensaft schmecke bei Kabinendruck anders, dran zu sein, sonst mag ich nämlich keinen. Essen ist nichtssagend, es gibt nur ein Gericht, vegetarische Lasagne, geschmacklich geht es, aber nicht weiter erwähnenswert.

Ansonsten ist der Flug halbwegs erträglich, ich besitze seit Jahren ein J-Pillow, das mir das Reisen erheblich erleichtert und zur Nackenentspannung beiträgt. Nur die kalte Zugluft ist mal wieder unerfreulich. Der Ehemann mit seinem kurz geschorenen Haupt leidet unter Maske und Mütze.


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Toll dafür sind wieder die Filme, in diesen Entertainmentprogrammen entdecke ich oft Sachen, die sonst an mir vorbeigegangen wären. Diesmal ist es ein neuseeländischer Film, Hunt for he Wilderpeople, mit einem grandiosen Kinderdarsteller und einem ebenso tollen Sam Neill. Das neuseeländische Englisch ist teilweise schwer zu verstehen, aber an manchen Stellen muß ich laut lachen, daß der champagnerselige Franzose neben mir erschrocken rüberguckt.

In Miami angekommen sind wir in Minutenschnelle bei einem freundlichen Officer, der in Plauderlaune ist und wissen will, was wir so vorhaben. In den Norden zu den Quellen, erzählen wir, das quittiert er mit einem interessierten Nicken, und zwar nur einem Nicken. Keinem Stempel in den Paß, seltsam. Aber wir sind drin. Wir haben es geschafft, trotz aller Widerstände, es ist wahr geworden: Wir sind in den USA!

Vorbei an den bunten Fenstern, hinein in den Mover zum Rental Car Center. Da eine größere Wagenklasse nicht nur etwas, sondern exponentiell teurer gewesen wäre, haben wir uns wieder für einen Kleinwagen entschieden. Eigentlich sind wir mit unserem Yaris Sondermodell letztes Mal ganz gut klargekommen, auch wenn der Ehemann alles andere als begeistert ist, von dem, was uns da an Auswahl präsentiert wird. Ein kleiner Japaner und drei Chevrolet Spark stehen da, die wir am liebsten alle ablehnen würden, da wir den Türgriff im oberen Drittel der Tür zuerst nicht sehen und glauben, das seien alles Zweitürer. Als wir dann kapiert haben, wählen wir einfach den ersten silbernen in der Reihe und wuppen die Koffer hinein, mit umgeklappter Rückbank geht das auch problemlos. Dazu die vielen Fotosachen, paßt alles. Bis wir soweit sind, ist es früher Abend und nach der mäßig leckeren Verpflegung unterwegs haben wir Hunger.

Als erste Unterkunft haben wir uns wieder das Lexington in Miami Beach ausgesucht, wir waren sehr zufrieden hier, die Preise sind nach wie vor gemäßigt und die Lage ist gut. Außerdem punktet das Hotel mit einem eigenen Parkplatz.


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Vom Flughafen immer geradeaus über den Julia Tuttle Causeway und dann einmal links ab in die Collins Avenue. Unterwegs passiert man mehrere Fastfood-Ketten, das ist alles unverändert seit 2018, wir freuen uns über jedes Geschäft, das wir wiedererkennen. Es ist alles noch ein bißchen unwirklich.
Zuletzt geändert von Suse am 31 Aug 2022 12:27, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Suse »

Links der Subway ohne eigene Parkplätze, rechts der Burger King mit großem, halb leerem Parkplatz. Da der Ehemann fährt, bin ich jetzt dran, das Essen zu besorgen und mich nach vier Jahren das erste Mal am amerikanischen Englisch zu versuchen. Eigentlich würde ich von mir selbst behaupten, einigermaßen gut Englisch zu sprechen. Und zumindest im britischen Raum auch zu verstehen. In den USA habe ich mich da bisher gerade nicht mit Ruhm bekleckert, und die Geschichte von Suse und den Burgerbestellungen ist somit auch eine Geschichte voller Mißverständnisse.

Etwas mißmutig trabe ich also hinein, gottseidank ist es im Laden leer, also gute Chancen, daß sich hinter mir keine Schlange genervter Zeugen aufbauen wird, die sich wünschen, ich hätte nie ein Flugzeug gen Miami betreten.

Nachteil: ich habe keine Zeit, mir das Display der angebotenen Burger durchzulesen. Whopper mit Käse, haben Sie die? frage ich. Nein, sagt sie knapp, und schüttelt den Kopf. Na dann nehme ich zwei Doppel-Cheeseburger, die der Ehemann als Alternative geordert hat, und für mich dann eben einen Whopper ohne Käse

Wonäääddon? Fragt sie zurück?

Say it again, please?

Wonäääddon? Wiederholt sie, diesmal mit Betonung.

Schweißausbruch. Ich wußte es doch, daß wieder irgendsowas passiert

Sie dreht sich zur Anzeigetafel und zeigt auf die Menüauswahl. Der pinke Gelnagel erfüllt dabei den Zweck eines Laserpointers, denn jetzt sehe ich es. Ad-ons gibt es, auf medium oder large. Das also meint sie. Nein, will ich nicht, und vor allem will ich keine Menüs, nur die Sandwiches, Himmel, das wäre jetzt beinahe wieder richtig schief gegangen. Aber mit Getränken. Ach so, hier haben sie so eine Selber-Zapfstelle, wie heißt das noch gleich, ach ja, Fountain-Drink, steht oben an der Tafel. Also zwei medium Fountain-Drinks zu den Burgern.

Die künstlichen Wimpern ziehen sich gereizt zusammen. Ok, Fountain-Drink ist wohl nur schriftsprachliches Burger-Englisch, das gesprochene Wort weicht hier offenbar ab. Also probiere ich es mit Soda. Zwei Sodas zu den Burgern, einzeln, keine Menüs, ohne Ad-on, die Sodas aber medium. Und das alles als take-out.

Für einen Moment hält das Universum den Atem an. Dann nennt sie mir anstandslos den Betrag, knallt mir zwei Pappbecher auf den Tresen und fügt hinzu: The Drinks are from the Fountain. Ach nee?

Draußen hat der Ehemann bereits das Entertainment-Center des Spark mit seinem Smartphone verbunden, so können wir zum Essen schon Musik von der Playlist hören.

Vor dem Lexington parken wir den Spark auf der Rampe und ich stelle mich in der Schlange an der Rezeption an. Es ist richtig voll hier und ich habe ein mulmiges Gefühl, was die Parkplätze angeht, die nach dem Prinzip first come first serve vergeben werden.

Und ich soll recht behalten, der Parkplatz ist voll, ab morgen 12 Uhr mittags, Check-out-Zeit, werden frühestens die nächsten Plätze frei, bis dahin müssen wir zusehen, wo wir bleiben. Die freundliche junge Dame, die an der Rezeption herumlümmelt und offenbar bei Bedarf als Gepäckträgerin fungiert, sagt uns, das sei aber kein Problem, ab 21 Uhr abends seien die Parkplätze bis 9 Uhr morgens kostenlos. Das kommt uns komisch vor, aber sie beharrt darauf, von 9 bis 9 sei parken gratis. Also bekommt der Spark einen Platz auf der gegenüberliegenden Straßenseite und wir vertrauen mal darauf, daß sie recht hat. Wohl ist uns aber nicht.

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Das Zimmer ist genau wie vor vier Jahren, ein bißchen abgewohnt, aber nichts, was bei direkter Strandlage ungewöhnlich wäre. Alles sauber, jede Menge Kissenauswahl, wunderbar für nackenverspannungsgeplackte Bürohocker wie mich. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, dazu hätten wir ein de Luxe-Zimmer mit Balkon nehmen müssen, wir haben aber nur Superior mit Meerblick. Also muß der Ehemann als Vaper immer nach unten vors Haus in die Raucherecke, wo er die Autoshow genießt, die sich jede Nacht auf der Collins Avenue abspielt.

Wir haben drei Nächte hier, nur so zum Aufwärmen, und weil ich mir Miami Beach gewünscht hatte. Aus Gründen.

Wenn nun morgen kein Parkplatznutzer auscheckt, was machen wir dann? Eigentlich wollten wir ja wenigstens den ersten Tag am Pool entspannen, wir haben keine Lust, gleich am ersten Tag zwanghaft herumcruisen zu müssen bis es 21 Uhr wird. Wenn das mal überhaupt stimmt, was die uns da erzählt hat. Wir googeln herum und natürlich steht im Internet nichts von ab 21 Uhr gratis parken. Welche Alternativen haben wir also? Am nördlichen Ende der Straße gibt es eine Mietgarage, Charles‘ Garage, nur wenige Meter zu Fuß. Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein.

Ist es auch. Die Bewertungen von Charles‘ Garage sind dermaßen unterirdisch, daß sie schon zum Lachen sind, von Hotel-Valets, die mit den Gästeautos Rennen auf den Rampen veranstalten und Schlimmerem ist da die Rede. Liest sich amüsant, ist aber ein absolutes No-Go.


https://www.yelp.com/biz/charles-garage-miami-beach


Alternative wäre eine Park-App, die wir mehrmals vergeblich zu laden versuchen. Auf die Idee, die deutsche Version zu laden, kommen wir nicht. Wir vertrauen auf unser Glück ab morgen Mittag.

Tatsächlich sind wir diesmal nicht so sehr vom Jetlag geplagt wie bei den letzten Fernreisen, und können gut schlafen. Dementsprechend früh sind wir auf und erleben den ersten Sonnenaufgang über dem Atlantik.

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Richtig entspannt sind wir trotzdem nicht. Aber das Auto ist noch da und hat weder eine Kralle noch ein Knöllchen, uff.


Erstmal wieder mit Miami Beach vertraut machen. Wir fahren die Collins Avenue hinauf, passieren Surfside und Haulover Park, bis zu unserem Stamm-Subway, in dem wir schon früher oft gefrühstückt haben.


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Zuletzt geändert von Suse am 31 Aug 2022 12:25, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Suse »

Verständigungsprobleme gibt es hier keine wesentlichen, die beiden Damen, die die Sandwiches belegen, sprechen selbst kaum Englisch, also geht sowieso alles sehr langsam und deutlich und das kommt mir sehr entgegen. Zu meiner Enttäuschung ist die Eisteemaschine defekt. Dabei hatte ich mich schon so gefreut.

Wir verdrücken unsere Subs und gucken im Anschluß ein bißchen in der Gegend herum. Das Autofahren ist nicht einfacher geworden, seit wir das letzte Mal hier waren. Viele Kleinwagen, die aggressiv die Spur wechseln. Als uns auf unserer Spur ein Obdachloser entgegenkommt, der sich abmüht, einen Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten den Bordstein hochzuwuchten, bringt der Umstand, daß wir den Mann nicht einfach über den Haufen fahren, sondern abbremsen und ihn passieren lassen, die Fahrerin eines Minis so in Rage, daß sie mit einem Hupkonzert an uns vorbeibraust.

Aber nicht nur das Fahren, auch das Nicht-Fahren hat so seine Tücken. In Haulover Park, wo wir immer gern mal gesessen und den Fischern und Pelikanen zugesehen haben, ist kein Parkautomat weit und breit. Auf der nördlichen Hälfte des Parkplatzes ist ein Corona-Testzentrum eingerichtet worden, davor gleich vier Polizisten, die das bewachen. Wir fahren da mal hin und fragen, bekommen aber zur Antwort, nee, also Parkautomaten gäbe es eigentlich gar nicht mehr, jeder hätte jetzt diese App. Ja, jeder, außer uns. Ob hier noch ein Automat wäre, nein, das wissen sie nicht. Sind ja auch keine Streifenpolizisten.

Das Dumme ist, jetzt, wo wir sie auf uns aufmerksam gemacht haben, trauen wir uns nicht mehr, den Wagen einfach mal kurz so hinzustellen und ein paar Minuten Hafenluft zu schnuppern. Wir trödeln also weiter, die Zeit bis 12 Uhr rumkriegen.

Surfside ist ein Teil von Miami Beach, der uns besonders gut gefällt. Die kleinen alten Bungalows und die Condos im Stil des Miami Modern und natürlich der Turtle Walk. Die Stelle, an der im vergangenen Jahr das Hochhaus eingestürzt ist, ist nicht gekennzeichnet, aber wir glauben, zu sehen, wo das gestanden haben muß.

Weil wir die Lebensmittel nicht so lange im Kofferraum herumfahren wollen, heben wir uns den ersten Einkauf bis zum Schluß auf. Der Publix hier hat auch einen großen Liquor Store, das ist gut. Wir decken uns mit den ersten Lebensmitteln ein, schließlich wollen wir nicht jeden Morgen bis zum Subway fahren, und das Frühstück im Lexington hat zwar einen guten Ruf, ist aber auch sehr teuer.

Im Publix jede Menge Auswahl an gesunden Sachen, vor allem Hummus in Familiengrößen, auch in meinen Lieblingssorten geröstete Pinienkerne und Sweet Chili. Einerseits finde ich das großartig, andererseits ist mir das viele Gesundfutter fast schon ein bißchen zu – unamerikanisch. Zusammen mit dem Gehabe im Straßenverkehr ist es ja fast wie zuhause. :lol: Ich kaufe natürlich trotzdem jede Menge Kram, vor allem in der Health & Wellness-Abteilung werden die Lücken in der häuslichen Versorgung geschlossen, Cortisonsalbe, Benadryl, daily dose Augentropfen, Halstabletten mit Kirschgeschmack, alles ist hier so viel billiger als zuhause. Und weil bald Ostern ist und um das ernährungstechnische Ungleichgewicht wieder ein bißchen auszugleichen, gibt es noch eine Packung Peeps obendrauf, Geschmacksrichtung Gelb. Ich bin sehr gespannt, was diese traditionelle Ostersüßigkeit, die die amerikanische Gesellschaft genauso zu spalten scheint, wie in Deutschland das Zartbitterei mit Eierlikörfüllung, so kann.

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Dazu iced coffee und eine Gallone Eistee. Der Mann möchte Hawaiian Punch, wir kaufen roten und grünen. Was ich nicht finde, ist die hellblaue White Water Wave. Das Problem, womit ich dann meinen Naked Turtle Rum mischen werde, löst sich nebenan im Liquor Store gleich in Luft auf, denn auch den gibt es nicht mehr, wie uns die Verkäuferin bestätigt.

Und da mich hier, anders als am BER, niemand herumhetzt, nochmals eine ausgiebige Gedenkminute:

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Hawaiian Punch White Water Wave und Naked Turtle Rum – ihr wart tolle Reisebegleiter. Ich werde Euch vermissen. :(

Zurück im Lexington verstecken wir den Spark zunächst auf der Rampe und ich stelle mich wieder in die Schlange an der Rezeption. Viele Leute die auschecken, das macht Hoffnung. Und ja, es klappt, es sind mehrere Plätze frei, wir sind gerettet. Ein Foto vom Nummernschild später haben wir unseren Parkausweis und sind die Sorge los.

Nun nur noch die Einkäufe in den Kühlschrank und dann an den Pool. Noch ist hier am frühen Nachmittag nicht viel los, jede Menge Liegen sind frei. Ich fange das erste von ungefähr 10 Büchern dieses Urlaubs an, gelobt sei der Kindle! Der Ehemann stöpselt die Kopfhörer ein, zwei Seagrams Breezer werden entkorkt. Die Sonne Miamis leuchtet hinter dem Lexington hervor, ein laues Lüftchen weht vom Strand hinter uns.

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Wenn der Start in den Urlaub etwas holprig war – jetzt ist der Moment gekommen, in dem die Anspannung endlich abfällt. Wir sind in Florida.

https://www.youtube.com/watch?v=juFeK2wm1OY
Zuletzt geändert von Suse am 31 Aug 2022 12:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von mr.minolta »

Klara hat geschrieben: 30 Aug 2022 12:56Ich hatte auch schon gedacht zu fragen, ob man irgendwo einen Bericht von euch lesen kann, wollte dann aber nicht aufdringlich sein.
Du bist nie aufdringlich! :D

Es hat ja auch ziemlich lange gedauert, bis wir hier zu Potte kamen. Da haben zu unserer Freude so einige drauf gewartet, aber nach dem täglichen Löschen des Fotoausschusses vor Ort sind wir immer noch mit mehr als 10.000 Bildern nachhause gekommen. Nicht aus Florida allein, versteht sich, sondern aus allen Destinationen der langen Reise. Tatsächlich habe ich in den letzten acht Wochen kaum etwas anderes getan, als Fotos zu bearbeiten, bis ich rechteckige Augen hatte.


Wir freuen uns, daß Du dabei bist!
Es scheint, daß es neben der Republik der Seychellen auf der Welt kein zweites Land gibt, das für sich selbst derart ausdrücklich mit besonderem Umweltschutz wirbt und in der Realität so unfaßbar dreist das absolute Gegenteil davon praktiziert.
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von mr.minolta »

Suse hat geschrieben: 30 Aug 2022 15:31 Essen ist nichtssagend, es gibt nur ein Gericht, vegetarische Lasagne, geschmacklich geht es, aber nicht weiter erwähnenswert.

Ansonsten ist der Flug halbwegs erträglich, nur die kalte Zugluft ist mal wieder unerfreulich. Der Ehemann mit seinem kurz geschorenen Haupt leidet unter Maske und Mütze.
Diese moderate Beschreibung kann ich natürlich nicht so stehen lassen! :lol:

Das Essen war nicht mehr und nicht weniger als die übliche Hundefraß-Katastrophe und ich weiß gar nicht, ob ich mich über die Jahre nun daran "gewöhnt" habe, oder ob es der pure Überlebensdrang war, der mich dazu zwang, einen beträchtlichen Teil dieses vegewürgischen Gebildes herunterzuschlingen. Wahrscheinlich war es Letzteres, denn wenn man auf einem simplen Transatlantikflug, der früher mal achteinhalb Stunden dauerte und heute spritsparblödmäßige zehneinhalb Stunden währt, auf das Foltergericht verzichtet, wird man am Ende vielleicht mit den Füßen zuerst aus der fliegenden Tiefkühltruhe herausgetragen.

Dabei sollte es eigentlich egal sein, ob man auf dem Weg in's tropische Miami nun an Hunger oder an Kälte stirbt, wobei wir gleich beim nächsten Punkt angelangt sind. Was Suse "unerfreulich kalte Zugluft" nennt, war im Klartext ein sibirisches Terrorgebläse auf Rekordniveau, das später nur von den polynesischen Inselfliegern noch übertroffen werden sollte. Nun haben wir zwar etliche Flugbegleiter und Piloten im Familien- und Freundeskreis, aber über die Jahre konnte mir bisher noch niemand eine nachvollziehbare Erklärung für das Bestehen dieses ungeschriebenen Gesetzes geben, das die Fluggesellschaften dazu verpflichtet, ihre Kunden ausschließlich in gefrostetem Zustand am Zielort abzuladen.

Auf dem Fluginfo-Display der Frusthansa ist somit ganz klar ein Tippfehler zu erkennen. Statt "Aussentemperatur" müßte es nämlich heißen, na Ihr wißt schon... :wink:

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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von foto-k10 »

mr.minolta hat geschrieben: 31 Aug 2022 00:49 ... war im Klartext ein sibirisches Terrorgebläse auf Rekordniveau, das später nur von den polynesischen Inselfliegern noch übertroffen werden sollte. Nun haben wir zwar etliche Flugbegleiter und Piloten im Familien- und Freundeskreis, aber über die Jahre konnte mir bisher noch niemand eine nachvollziehbare Erklärung für das Bestehen dieses ungeschriebenen Gesetzes geben, das die Fluggesellschaften dazu verpflichtet, ihre Kunden ausschließlich in gefrostetem Zustand am Zielort abzuladen.
Schon viele Jahre vor Corona habe ich in den Fliegern der Scheichairline Emir-ates gefroren!
Keine Ahnung, warum ausgerechnet diejenigen, die den Sprit am günstigsten bekommen, bei der Heizung knausern müssen. Bei Condor in der Holzklasse war es wesentlich angenehmer ... temperaturmäßig zumindest. Seitdem habe ich eine Fleecejacke mit Kapuze, heißt heute wohl Hoodie.

Ganz nebenbei: gestunken wie nach verbranntem Öl hat es auch schon mal. Jahre später gingen Artikel durch die Presse über "fume events", bei denen Abgase durch undichte Leistungen in die Kabine kommen. Zapfluftsystem oder "leed air" heißt der Mist.
Klara
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Klara »

Suse hat geschrieben: 30 Aug 2022 15:31 Als wir endlich unten sind, wartet das Taxi schon auf uns, denn mit all dem Plunder haben wir überhaupt keine Lust auf die Anreise mit der BVG und zweimal Umsteigen.

Ich gönne mir inzwischen auch Taxifahrten zum Flughafen, man gibt unterwegs so viel Geld aus und die Taxifahrer hier können das Geld glaube ich auch gut gebrauchen.
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Klara »

mr.minolta hat geschrieben: 31 Aug 2022 00:49 Dabei sollte es eigentlich egal sein, ob man auf dem Weg in's tropische Miami nun an Hunger oder an Kälte stirbt, wobei wir gleich beim nächsten Punkt angelangt sind. Was Suse "unerfreulich kalte Zugluft" nennt, war im Klartext ein sibirisches Terrorgebläse auf Rekordniveau, das später nur von den polynesischen Inselfliegern noch übertroffen werden sollte. Nun haben wir zwar etliche Flugbegleiter und Piloten im Familien- und Freundeskreis, aber über die Jahre konnte mir bisher noch niemand eine nachvollziehbare Erklärung für das Bestehen dieses ungeschriebenen Gesetzes geben, das die Fluggesellschaften dazu verpflichtet, ihre Kunden ausschließlich in gefrostetem Zustand am Zielort abzuladen.
Ich glaube, das Temperaturempfinden ist da sehr unterschiedlich. Ich bin durch meine ehemalige Erdgeschossstudentenbude mit Ölöfen, die man mit einer Kanne gefüllt und dann in Betrieb genommen hat an geringere Temperaturen gewöhnt und gefroren habe ich im Flieger glaube ich noch nie, obwohl man sich um mich herum eingemummelt hat. Die Plätze am Fenster sind glaube ich auch fußkälter und dann gibt es da ja noch den Spruch vom Säufer und dem... die im wärmsten Rock frieren :mrgreen:
Ich hatte eher das Gefühl, dass aufgeheizt wird, damit die Leute schläfrig werden. Allerdings alles vor Corona, mag jetzt ganz anders sein.
LG
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Klara »

mr.minolta hat geschrieben: 31 Aug 2022 00:05 Du bist nie aufdringlich! :D
Danke für die aufmunternden Worte.
LG
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von foto-k10 »

Klara hat geschrieben: 31 Aug 2022 18:04 gefroren habe ich im Flieger glaube ich noch nie, obwohl man sich um mich herum eingemummelt hat.
Häufig wollen Frauen, dass ihre Ehemänner ihnen im Bett die kalten Füße wärmen.
Anscheinend ist es bei euch umgekehrt und Dein Göttergatte kann sich bei Dir die Füße wärmen? :wink:
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Suse
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Suse »

Wenn ich ehrlich bin, habe ich zunächst von Miami nicht viel gehalten. Weil ich natürlich glaubte, es zu kennen, ohne je dagewesen zu sein. Miami Vice, Miami Sound Machine, Gloria Estefan und Sheila E., das war ja nicht nur Popkultur, das war ein Lebensgefühl, mit dem wir in den 80er Jahren groß wurden. Aber eben auch eines, das die Stadt in eine Schublade preßte, ein bißchen oberflächlich, keine echte Kultur weil eben keine richtige Geschichte, eine pastellfarbene Plastikwelt ohne Substanz. Bevor ich das erstemal hinfuhr, glaubte ich, dort wenig zu finden, das mich interessieren könnte.

Eigentlich interessierte mich zunächst nur eines: Jai Alai. Kennengelernt hatte ich es Anfang der 90er im alten Casino in Macao und wußte von daher schon, daß Miami einer der wenigen Plätze auf der Welt war, in dem es noch einen aktiven Fronton gibt, in dem am Wochenende live Spiele stattfinden.

Jai Alai ist das schnellste Ballspiel der Welt, nicht ganz ungefährlich (außer für die Zuschauer) und hatte bis in die 90er Jahre seine Blütezeit, vor allem in Florida. Vermutlich stirbt es aus und das wird auch vielleicht gar nicht mehr lange dauern. Wir waren, genau wie bei der letzten Reise, auch diesmal wieder nicht über ein Wochenende in Miami und somit gar nicht bei einem Spiel, von daher gehört es auch diesmal eigentlich wieder nicht hier her. Aber wenn es der Sache nützt, will ich die Aufforderung gern zum Running Gag im Reisebericht machen: Geht hin, schaut es Euch an. Es ist kostenlos, der Fronton ein historisches Gebäude, es gibt ein kleines Museum und Ihr sitzt garantiert als einzige Touristen unter Locals. Das Spiel ist spannend (mit etwas undurchschaubaren Wettregeln) und der Fronton auch leicht zu finden, gar nicht weit vom Flughafen.

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Dann zeigte mein Mann mir den Ocean Drive. Und anstelle von Schuhkartonbutzen, die pink und rosa angeleuchtet werden, damit sie nicht ganz so „flimsy“ aussehen, standen da diese wunderschönen Gebäude im Stile des Miami Modern, die ich so gar nicht erwartet hatte und die mich, als jemanden der das Bauhaus und modernistische Architektur sehr schätzt, wirklich umhauten. Ich glaube, ab diesem Moment kam das Interesse auf an der Stadt, an der mehr dran zu sein schien als auf den ersten Blick erkennbar war. Nachdem wir gemeinsam mit sich auf Kreyol unterhaltenden Menschen im McDonalds in Little Haiti gestanden, die historischen Motels auf dem Biscayne Boulevard und die Wynwood Walls gesehen hatten, war mir längst klar, daß meine ursprünglichen Vorurteile mich gar nicht gründlicher hätten täuschen können. Den Stadtteil Miamis, der mich so neugierig machen sollte wie kein anderer, hatte ich bis dahin aber noch gar nicht entdeckt.

Im Rahmen einer Facebookgruppe erhielten wir Mitglieder vor einiger Zeit die Bitte, uns an einer Petition zum Erhalt eines historischen Conch-Hauses in Miami zu beteiligen. Die Petition unterschrieb ich natürlich, kaum daß ich ein Bild des betroffenen Holzhauses aus dem späten 19. Jahrhundert und ein Video über die bislang darin lebenden und von Vertreibung bedrohten Bewohner sah. Als Berliner, ganz besonders als jemand, der selbst zugezogen ist, ist es ja irgendwie oberste Bürgerpflicht, ein Herz für von Gentrifizierung bedrohte Menschen zu haben.

Aber der ersten Petition folgten in den kommenden Monaten viele weitere und die meisten waren nicht erfolgreich. Die Häuser wurden abgerissen, die Bewohner umgesiedelt. Der vom Verlust seiner historischen Wurzeln bedrohte Stadtteil, um den es da ging, war Coconut Grove. Coconut Grove, das war für mich bis dahin der Titel eines Liedes von den Lovin‘ Spoonful, das ich bislang für eine Hippiephantasie von einem Ort gehalten hatte, an dem man die Türen nicht verschließen muß, weil sich alle lieb haben.

https://www.youtube.com/watch?v=bncb8hvpslg

Daß tatsächlich der real existierende Bezirk Miamis damit gemeint sein mußte, wurde mir schnell klar, als ich anfing, mich für die Conch-Häuser und ihre Geschichte zu interessieren, von denen ich bis dahin gar nicht gewußt hatte, daß sie in Miami überhaupt zur traditionellen Architektur gehörten. Und je länger ich mich damit beschäftigte, desto spannender wurde es. Hatte man eine Geschichte entdeckt, taten sich zahlreiche weitere auf, die alle irgendwie zusammenhingen wie in einer Telenovela, bis man bei den Ursprüngen angelangt war, als die ersten, von den Bahamas stammenden Auswanderer, sich hier in den Hammocks niederließen.

Nicht nur, weil die Bahamas und auch Key West nicht mehr Teil der Reise waren und ich Conch-Häuser sehen wollte, war also ein Besuch in Coconut Grove Pflicht, sondern auch, weil ich den Stadtteil um seiner selbst willen sehen wollte, der mir nach all den Petitionen und dem Mitfiebern, ob es gelingen würde, ein Haus zu erhalten, schon unbekannterweise ans Herz gewachsen war.

Am nächsten Tag sitzen wir also vor dem Lexington, schauen dem Treiben vor dem Raucherplatz zu und sichten die Google-Maps-Ausdrucke mit der Wegbeschreibung. Das ist sehr entspannt, weil wir jetzt keinen Zeitdruck mehr haben, den angeblich kostenlosen Parkplatz am Straßenrand um 9 Uhr räumen zu müssen.

Wir haben kein Navi und brauchen normalerweise auch keines, weil wir mit einem Florida Atlas & Gazetteer von DeLorme unterwegs sind, der uns auch auf dieser Reise manchmal bessere Dienste als jedes Navi leisten wird. Schon morgen werden wir froh sein, ihn zu haben. Einziges Manko ist, er hat keine Stadtpläne, daher die Ausdrucke.

Kurz hinter der Abzweigung zum Key Biscayne kommt die Abfahrt, die uns nach Coconut Grove hineinführt. Der Bayshore Drive ist gesäumt von großen, prächtigen Häusern, die an Pflanzervillen erinnern, aber die Atmosphäre ist ruhig, fast dörflich. Erst als wir den CocoWalk erreichen, das Einkaufszentrum und heutige Herzstück von Coconut Grove, wird es belebter. Bis hierhin kommen die meisten Besucher und diese Stelle ist es auch, die die meisten meinen, wenn sie sagen, sie waren in Coconut Grove. Mit dem historischen Teil des Viertels hat das aber nur mehr wenig zu tun. Wir fahren die Hauptstraße ein Stück weiter, wo man unser Ziel schon von weitem hellblau leuchten sehen kann: Das Coconut Grove Playhouse.

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Das Playhouse ist von allen vom Abriß bedrohten Gebäuden hier wohl dasjenige, das den Anwohnern am meisten am Herzen liegt. Auch hierzu gab es eine Petition und zum Zeitpunkt unseres Besuches ist über sein weiteres Schicksal noch nicht entschieden. Still gelegt ist es schon lange, der Parkplatz hinter dem Gebäude ist jetzt ein öffentlicher und hat sogar einen Parkautomaten. Zum Glück habe ich ja noch das Foto unseres Nummernschilds, das ich vorm Lexington gemacht habe, damit registriere ich den Wagen und zahle mit der Kreditkarte. Warum kann das nicht immer so einfach sein?

Wir parken im Schatten am Ende des Parkplatzes, von wo aus man schon Stirrup’s Haus sehen kann. Ich bin genau da, wo ich hinwollte!

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Der Ehemann findet das alles nur mäßig interessant, er wäre die Straßen gern nur mit dem Auto abgefahren, mir reicht das aber nicht, ich will herumlaufen, die Häuser in Ruhe anschauen und fotografieren. Wir verabreden also, uns für die nächste Stunde zu trennen und später vor dem kleinen State Park gegenüber zu treffen. Daß er sich dann entscheidet, im Auto sitzen zu bleiben und Musik zu hören, wird sich später noch als Glücksfall herausstellen, als eine Politesse kommt und den Wagen aufschreiben will, weil wir nicht über die App im System registriert sind. Ob auf dem Armaturenbrett ein aus dem Automaten gezogener Parkschein liegt, kontrolliert sie von sich aus gar nicht. Parkautomaten scheinen inzwischen überall so selten zu sein, daß sie auch hier, wo es noch einen gibt, gar nicht mehr genutzt werden und man statt dessen wild auf ihren Smartphones herumwischende und über die mangelhafte Funktionalität der App fluchende Amerikaner herumstehen sieht.

Zu dem Zeitpunkt bin ich schon lange am Playhouse vorbei in der Charles Avenue unterwegs. Hier ist niemand auf der Straße, es ist wie ausgestorben. Es ist tatsächlich wie in den Nebenstraßen von Key West hier, nur daß die Einnahmen aus dem Tourismus nicht üppig sprudeln, das merkt man. Die Häuser sind nicht alle in gutem Zustand, hier hat kaum jemand einen Pool, dafür sind die Gärten üppig, teilweise verwildert, die Zäune mit Bougainvillea überwuchert, in den Bäumen große Geweihfarne, ein auf die Straße geschobener Basketballkorb, die Autos betagt. Genau so habe ich es mir vorgestellt.


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Daß ich hier herumlaufe und die Häuser fotografiere wundert oder besorgt niemanden. Die Videokamera wird erst morgen zum Einsatz kommen, hier ist es dazu zu unbelebt, aber ich glaube, auch das hätte hier niemanden gestört. Immerhin stehen hier zwei der ältesten Häuser Miamis, neben dem Haus von E.J. Stirrup das von Mariah Brown, zweier der ersten Auswanderer von den Bahamas, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hier niederließen und – für Schwarze eine damals ja ungeheure Errungenschaft – Land- und Hausbesitzer waren.

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Eigentlich beginnt die Geschichte von Coconut Grove aber ganz woanders, nämlich auf Long Island vor New York. Hier lebte der Bootsbauer Ralph Munroe und entwarf wunderschöne Segelyachten, wobei es wohl auch geblieben wäre, wäre seine Frau nicht an Tuberkulose erkrankt.

Des gesundheitsförderlichen Klimas wegen brachte er sie in die Biscayne Bay, wo es damals nichts gab, was jemand von altem Ostküsten-Geldadel gewöhnt gewesen sein dürfte. Ein kleines Wohnheim für gestrandete Seeleute, betrieben von einer abenteuerlustigen englischen Familie namens Peacock, auf der anderen Seite des Miami River das Anwesen einer Pflanzerfamilie namens Brickell, die mit den Ureinwohnern Handel trieb, im wesentlichen war es das. So etwas wie ein Gasthaus gab es nicht und die Familie Munroe, die auf Long Island in einer prächtigen Villa lebte, mußte zelten. Offenbar waren sie Naturburschen, das Leben gefiel ihnen und sie freundeten sich mit den Peacocks an, aber es nützte alles nichts, Mrs. Munro wurde nicht wieder gesund und in Coconut Grove beigesetzt. Es war die Familie Peacock, die den Witwer auffing und in ihre Familie aufnahm, und er dankte es ihnen durch eine lebenslange Freundschaft und das Startkapital für das erste Gasthaus der Gegend, das Peacock Inn.

Im Laufe der Jahre fanden viele der bahamesischen Einwanderer Arbeit im Peacock Inn, auch Mariah Brown, die damit ihren Grundbesitz finanzierte und ihr Haus baute. Die Gäste des Hotels wiederum bestanden zu einem großen Teil aus Ralph Munroes Ostküstenfreunden, reichen Geschäftsleuten und Bildungsbürgern, die das rustikale Leben in der tropischen Umgebung schätzten. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich hieraus eine vermutlich einzigartige Symbiose, die vielleicht so nur in Key West ein Pendant hatte. Eine weltoffene Gesellschaft weißer Bürger die in einer gleichberechtigten Gemeinschaft mit den schwarzen Einwanderern lebten. Daß der lokale Einzelhandel schwarzen Geschäftsleuten gehörte war ebensowenig ungewöhnlich wie gemeinsame Gottesdienste und gemeinsame Friedhöfe. Es mag sicher nicht alles reibungslos gegangen sein, aber wirkliche Segregation war unbekannt.

Viele sprichwörtliche Weichen für Miamis Zukunft und ganz nebenbei auch die der Everglades wurden in Coconut Grove gestellt, vor allem, als Großgrundbesitzerin Julia Tuttle (nach der der Causeway benannt ist) Henry Flagler überredete, die Eisenbahn bis Key West zu verlängern. Damit war Coconut Groves Zeit als friedliche Gemeinschaft beendet. Coconut Grove wurde eingemeindet, die Hammocks abgeholzt, das Peacock Inn irgendwann abgerissen, die Plantagenarbeiter verarmten, die Schere der Klassenunterschiede begann zu klaffen, und das ist bis heute so.

Coconut Grove gelang es, sich in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts neu zu erfinden, als Hippie-Hochburg. Dort, wo das ehemalige Peacock Inn stand, entstanden Festivals, Straßenfeste, Sit-Ins, auch hier stand „The Grove“, wie das Viertel nun genannt wurde, Key West in nichts nach. Der Ruf hallte bis in die 80er Jahre nach, als viele namhafte Künstler im Coconut Grove Theater auftraten.

Und nun sind es die Investoren, die ihre gierigen Finger nach den alten Häusern ausstrecken. Nicht die Häuser sind es, die dabei interessieren, die Grundstücke, auf die große weiße Klötze gesetzt werden, die zwischen den kleinen Bungalows völlig unproportioniert wirken.

Während ich so herumlaufe, entdecke ich einige Häuser, die ich von Fotos kannte. Darunter drei alte Shotguns, die zu den ältesten in Miami zählen.

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Über die Grand Avenue, auf deren gegenüberliegender Seite ein paar heruntergekommene Condos keinen einladenden Eindruck machen, gehe ich nicht.

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Auch den großen Friedhof, der parallel zur Charles Avenue verläuft, schaue ich mir nicht näher an, weil man über den Zaun auch genug sehen kann und es mir hier auch ein bißchen zu einsam ist. Womit ich den größten Fehler des Tages begehe, aber das wird mir erst Abends klar, im Moment bin ich zu beschäftigt, mich in dem Straßengewirr zurechtzufinden.

Der Ehemann wartet vor dem Eingang zum Parkplatz und gemeinsam gehen wir hinüber zum kleinen State Park auf der anderen Straßenseite. Was da heute besichtigt werden kann ist das Grundstück, das Commodore Munroe sich zulegte, als er sich schließlich dauerhaft in Coconut Grove niederließ. Zeitlebens baute er innovative Segelyachten, experimentierte mit dem Entwurf von polynesischen Auslegerkanus und hurricansicheren Bootshäusern und veranstaltete die erste Regatta auf der Biscayne Bay. The Barnacle ist seine Villa, die auf einem sanft zur Bucht abfallenden Grundstück liegt, auf dem zwischen Palmen bequeme Sessel auf dem Rasen stehen, in denen man sich als Besucher niederlassen kann. Es ist hoch informativ und wunderschön hier und auf jeden Fall einen Besuch wert. Eintritt kostet es keinen.

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Nach all dem sind wir halb verdurstet und nehmen einen Absacker in einem der Hipsterlokale am CocoWalk. Völlig andere Welt hier, aber wenn man die Passanten beobachtet, entdeckt man schon noch so denen einen oder anderen Übriggebliebenen, der in das Lied von den Lovin‘ Spoonful zu passen scheint und zwischen den feinen Damen mit den operierten Nasen hindurch sein rostiges Fahrrad Richtung Charles Avenue schiebt. Dann gehen wir zurück zum Parkplatz, ich tätschele zum Abschied den himmelblauen Putz des Playhouse mit dem ungewissen Schicksal und mir ist ein bißchen melancholisch zumute.

Am Abend, als der Ehemann den Abend auf der Raucherterrasse bei der allabendlichen Parade von Fahrzeugen, die in Deutschland aus verschiedensten Gründen niemals eine TÜV-Plakette kriegen würden, ausklingen läßt, sitze ich oben im Zimmer und arbeite die Eindrücke des Tages auf. The Grove, was daraus wohl werden wird, das beschäftigt mich schon. Für diejenigen, die das jetzt auch wissen möchten, kommt hier der erlösende Spoiler: Es gibt ein Happy End! Noch während wir auf Reisen sind, kommen nach und nach die guten Neuigkeiten an.

Das Stirrup-House wird ein Bed and Breakfast, es hat kürzlich eröffnet:
https://stirruphouse.com/
Das Playhouse wird erhalten und renoviert:
https://www.islandernews.com/news/miami ... 4aa5c.html
Und das Allerschönste: Coconut Grove wird zum Historic District „Little Bahamas“
https://wilson.house.gov/media/in-the-n ... as-history

Der Bezirk wird relativ groß und wird auch die gesamte Charles Avenue mit einbeziehen. Für jemanden, der bis noch vor gut einem Jahr gar nicht wußte, daß Coconut Grove nicht nur in einem Lied existiert, bin ich tatsächlich überraschend bewegt von der Tatsache, daß die Politik unerwartet ein Einsehen hatte.

An jenem Abend, als das ja alles noch Zukunftsmusik ist, gehe ich allerdings eher frustiert zu Bett. Als ich online nachvollziehe, wo ich heute überall entlanggegangen bin, fällt mir plötzlich auf, welchen Fehler ich gemacht habe, den Friedhof links liegen zu lassen. Na gut, bei all den Facetten, die Coconut Grove hat, kann schon mal eine untergehen.

Der Charlotte Jane Memorial-Cemetery ist der Friedhof, auf dem sie Thriller gedreht haben. Und da ich von einer in diesem Jahrtausend geborenen Person bereits gefragt wurde, wie denn der Thriller hieß, den sie da gedreht haben: Es ist nicht irgendein Thriller, es ist natürlich DER Thriller.

https://www.youtube.com/watch?v=sOnqjkJTMaA

Das hätte nicht passieren dürfen! Nun werde ich also nochmal nach Coconut Grove müssen. Vielleicht wohnen wir dann im Stirrup House, wer weiß.
Zuletzt geändert von Suse am 01 Sep 2022 07:26, insgesamt 1-mal geändert.
Wenn du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

https://s12.directupload.net/images/210215/bx7vkcag.jpg
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