RUN if you can - Advent auf Créolisch

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Suse
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RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Wir konnten es irgendwie selbst kaum glauben, aber 15 Jahre ist es her, daß wir zuletzt auf der Réunion waren, Tonton, ma Tante und ich.
Eine Wiederholung, wie zuvor alle drei Jahre, ließ sich nicht mehr realisieren, vor allem aus gesundheitlichen Gründen.

Zwischenzeitlich gab es Phasen, in denen ich kaum noch an die Insel gedacht habe, zu viele andere tolle Ecken auf der Welt gab es zu sehen. Aber gerade auf einer der letzten Reisen wurden Erinnerungen geweckt. Zum Beispiel in Papeno’o, als wir mit dem Geländewagen die Nebelwälder Tahitis durchfuhren und ich daran denken mußte, wie schön es jetzt wäre, hier zu wandern, und daß ich Vergleichbare nur auf der Réunion gesehen hatte.
Oder in Teahupo’o, als ich an daran denken mußte, wie eine Landkarte in meinem Zimmer auf der Réunion mein Interesse an diesem Zipfel Tahitis weckte und der Besitzer des Hauses, in dem diese Landkarte hing, zugleich meinte, auf Tahiti sei es lange nicht so schön wie hier.

Jetzt, wo ich vergleichen konnte, waren die Erinnerungen fast schon ein bißchen zu verschwommen. War es wirklich schöner auf der Réunion als auf Tahiti? Die Gelegenheit, es herauszufinden, sollte bald kommen.

Anfang Dezember würde meine Tante ihren 80. Geburtstag feiern und der Wunsch war, dies mit der Familie auf der Insel zu tun. Lange war nicht sicher, ob das klappen würde, aber nach einer vor nicht allzulanger Zeit überstandenen wirklich schweren Erkrankung kam gerade rechtzeitig das Ok ihrer Ärzte und von ihr die Ansage: Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, wir fliegen!

Nachdem die Sache einmal feststand, wurde es aufregend. Flüge buchen, welche Fluggesellschaft, die Verbindungen ab Berlin waren katastrophal und überhaupt wollte ich endlich den französischen Langstreckenbilligflieger French Bee ausprobieren. French Bee fliegt, wie die meisten der Langstreckenflieger, die die Überseedepartments mit der Metropole verbinden, aber nur ab Orly, und dieser Flughafen wird ab Deutschland leider deutlich seltener angeflogen. Einen Flughafenwechsel sollte man nach Möglichkeit vermeiden, denn das ist eine sehr anstrengende und langwierige Angelegenheit in den von permanenten Staus verstopften Straßen um Paris.

Aber ich war bereit, die Wartezeiten in Kauf zu nehmen. Premium Economy für einen Preis, den Air France für Eco aufruft, unfaßbar! Schampus zur Begrüßung und 2 x 23 Kilo Freigepäck. Allein die Möglichkeit, nach 15 Jahren die Vorräte aufzustocken! Tee aus Mauritius, Wein aus Cilaos, Bonbon Coco und flaschenweise Charrette.

So hatte die letzte Reise geendet

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und so ähnlich würde sie nun beginnen, denn Charrette war genau pünktlich zur Reise in den zwei zwei aktuellen Sondereditionen verfügbar.

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Eine Charrette wird nicht ausreichen für all das, das wir kaufen müssen, ulkte der Onkel, der Wortspiele liebt. Naja, am Ende sollte ich noch froh sein, mit nur einem Koffer ausgekommen zu sein.

Und dann geht es los. Der Mister fährt mich im Morgengrauen durch ein verregnetes Berlin zum Flughafen. Da sitze ich nun, ganz allein, warte auf meinen Easy Jet-Zubringer und habe tatsächlich ein bißchen Flugzeuge im Bauch.

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Wiedersehen mit der alten Liebe Réunion. Ob sich die Begeisterung für die Insel neu entfachen lassen wird, oder würde es ein reines Wiedersehen mit alten Bekannten und Angehörigen und Shoppingerlebnis werden und ansonsten eine eher ernüchternde Erfahrung wie auf den Seychellen?

Nachdem ich brav alle meine Pflichten als moderne Reisende erledigt, meine Koffer selbst gescannt und auf die Reise geschickt hatte, geht es nach Orly.

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Keine Wetterbesserung in Sicht. 3 Stunden Wartezeit in Gesellschaft des Koffers, der erst vier Stunden vor Weiterflug aufgegeben werden kann. Orly ist ein bißchen langweiliger als der Charles de Gaulle, wenig interessante internationale Fluggäste zum Gucken. Immerhin ergattere ich einen Liegesessel mit Blick aufs Rollfeld. Ich habe schon unangenehmer gewartet.

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Während ich da so herumliege, vertreiben mir Tonton und Tante die Zeit mit fiesen kleinen Emails mit Fotos vom sonnigen Blick übers Meer aus unserem Appartment. Wir warten auf Dich und gehen jetzt an den Strand. Schön für Euch.

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Sie schicken mir außerdem ein Foto einer Cousine meines Onkels, von der man erfahren habe, daß sie heute mit dem selben Flieger anreist, vielleicht finde ich sie ja beim Boarden. Ich kenne diese Cousine nicht, was auch keine Kunst ist, denn die Cousinen sind zahllos. Ob ich sie anhand des Fotos erkennen werde, wage ich aber zu bezweifeln. Sie hat einen für eine Créolin ungewöhnlichen Namen, aber der steht ihr ja nicht auf die Stirn geschrieben.

Ungeübt in der Rolle als privilegierte Reisende stelle ich mich in der endlosen Schlange des Eco-Pöbels an als es soweit ist, die Koffer aufzugeben, danach fällt mir erst auf, daß ich ja alles in der menschenleeren Priority Lane von meinen Bediensteten hätte erledigen lassen können. An der Security passiert mir das nicht wieder, jetzt weiß ich, wo mein Platz an der Spitze der Nahrungskette ist und ich spaziere aber sowas von an allen vorbei.

Boarden dürfte ich auch priority und sehe mich schon in die bequemen Ledersessel in Überbreite und mit extra Legroom sinken, aber daraus wird nichts. Wir stehen und warten und warten und warten, aber ins Flugzeug lassen sie uns nicht.

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Um mir die Zeit zu vertreiben halte ich Ausschau nach der Cousine. Da sind so einige Frauen, die in Frage kämen, aber ich mag nicht jede fremde Frau ansprechen und fragen, ob sie die Person mit dem ungewöhnlichen Namen ist.

Nach einer Weile wird klarer, worauf wir warten, nämlich auf die Person, die Assistenz beim Boarden aufgrund eingeschränkter Mobilität gebucht hat und daher als erste an Bord geht. Der Rollstuhl steht schon bereit, nur der Fluggast fehlt. Irgendwann wird sie ausgerufen und ich zucke zusammen, als der Name der Cousine fällt. Es wird wohl kaum zwei Frauen auf der selben Maschine mit diesem Namen geben, das muß sie sein.

Es dauert weitere zehn Minuten, bis sie erneut ausgerufen wird. Später werde ich erfahren, daß sie die Zeit im Duty Free vergessen hat, was wohl für diejenigen, die sie kennen, überhaupt keine Überraschung ist. Aber diesmal hört sie den Aufruf wenigstens, und was sich dann abspielt, ist an Skurrilität nicht zu überbieten.

Eine bildhübsche Frau, ungefähr in meinem Alter, die mit der Person auf dem Foto tatsächlich Ähnlichkeit hat, aber heute wesentlich schicker zurechtgemacht ist, kommt irgendwo aus den Tiefen des Flughafens gesprintet, als trainiere sie für die Sommerspiele 2024, um direkt am Gate zusammenzubrechen, in den Rollstuhl zu sinken und sich an Bord rollen zu lassen. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, würde ich es nicht geglaubt haben.

Später, auf der Insel angekommen, wird die Cousine sich nicht im Geringsten genieren, daß ich Zeugin des Vorfalls gewesen bin. Sie ist durchaus bekannt für derlei Vorkommnisse und wird mit einer ähnlichen Nummer um Haaresbreite die Geburtstagsfeier meiner Tante sprengen.

An Bord sehen wir uns nicht wieder, denn die Cousine sitzt irgendwo weiter hinten auf den billigen Plätzen, während ich nun endlich in den Genuß meiner temporären Luxusunterbringung komme. Ein kleines Kosmetiktäschchen bekomme ich überreicht, jedes hat ein Design einer Destination, die von French Bee angeflogen wird. Ich wähle mit Bedacht San Francisco, denn da wollen wir nächsten Sommer ja hin.

Dann wird der Champagner serviert, danach auch noch ein zweites Glas, wenn man möchte. Natürlich möchte ich.

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Ich schaue die Elvis-Verfilmung mit Austin Butler und empfinde den Film als Meisterwerk, ich muß mehrmals zurückspulen, weil ich von manchen Szenen so begeistert bin. Um den Gripskasten schon mal in Schwung zu bringen, gucke ich auf Französisch und das klappt erstaunlich gut.

Dank der Kombination aus J-Pillow und bequemen Sitzen schlafe ich danach wie ein Baby. Ich liebe French Bee, der Flug lief wie am Schnürchen, und alles was wir an Verspätung hatten, lag nicht an der Fluggesellschaft, sondern ausschließlich an der Cousine.

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Wetteraussichten werden langsam besser:

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Als wir morgens landen, bin ich ausgeruht und munter wie selten nach einem Flug und wenn der Rückflug auch so gut wird, wird French Bee Air France als Lieblingsfluggesellschaft den Rang ablaufen, das ist sicher.

Früher waren die Wedel der stilisierten Baumfarne, die den Flughafen stützen, noch braun und der Flughafen ist auch sonst ein bißchen schicker als früher. Aber ich erkenne alles wieder. 15 Jahre, unfaßbar!

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Suse
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Am Flughafen ist großes Empfangskomittee, nicht nur für mich, sondern auch für die Cousine, die von anderen Familienangehörigen abgeholt wird. Wir trinken im Flughafen noch zusammen einen Kaffee, und jeder äußert sich über seine French Bee-Erfahrungen.

Die Fluggesellschaft hat mir ihren günstige Preisen die Reisemöglichkeiten für die Bewohner der Überseedepartments völlig umgekrempelt und wirbt auch massiv damit. Weihnachtsshopping in New York, so etwas war für die weniger gut betuchten Créolen hier früher gar nicht machbar, ist nun aber in den Bereich des Möglichen gerückt.

Vorweihnachtszeit in den Tropen. Es ist schwülwarm und anstelle von Weihnachtssternen und Christbäumen liefern die Flamboyants das traditionelle Rot-Grün.

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Gegen Mittag brechen wir auf, wir wohnen in St. Gilles les Hauts an der Westküste, also weiter oben in den Bergen, wo es kühler ist, bis dorthin fährt man auch ohne Stau schon eine Stunde. Es ist aber keine Rushhour jetzt und die Straßen sind leer. Vor 15 Jahren war das noch anders, da konnte man zu jeder Tageszeit mit Stau rechnen, aber das Straßennetz hat sich seither erweitert.

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Schon von weitem zu erkennen, die neue Küstenstraße, die zuvor eng an den Felsen geschmiegt immer häufiger von Steinschlag betroffen war. Auch die großen Stahlnetze, mit denen die Felswände abgehängt sind, konnten das nicht immer verhindern. So fiel die Entscheidung, eine Ausweichstrecke mitten ins Meer zu setzen, die Nouvelle Route du Littoral. Der erste Streckenabschnitt, der die Hauptstadt St. Denis mit der Nachbargemeinde La Possession verbindet, ist bereits eröffnet, hat bereits über zwei Milliarden Euro gekostet und der Straße den Beinamen teuerste Straße der Welt eingebracht. Und bevor sich jemand fragt, woher die kleine Insel das Geld hat. Wir sind hier in Frankreich und natürlich stecken unser aller Steuergelder darin. Man darf sich also kurz auf die Schulter klopfen, wenn man darüber fährt: Hab ich mitbezahlt! :wink:

Weitere Entlastung hat die Route des Tamarins gebracht, die als Alternativstrecke zur alten Küstenstraße hinter La Possession weiter oben durch die Berge führt und auf der eine Brücke nach der anderen über die tiefen Schluchten führt.

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Die Aussicht ist schon ganz schön und die Erleichterung für den Berufsverkehr sicher enorm, aber die alte Küstenstraße war idyllischer.

Auch St. Gilles les Hauts hat sich verändert. Überall ist viel gebaut worden, alle Ortschaften wachsen die Hänge hinauf. Da die meisten Häuser klimabedingt weiß gestrichen sind, kann man das gegen den grünen Hintergrund gut erkennen. Weshalb ist es hier, auf der eigentlich regenarmen Westseite, überhaupt auf einmal so grün? Tonton weiß die Antwort, man hat ein Rohrleitungssystem über die Berge gelegt, das Wasser von der regenreichen Ostküste hierher transportiert und die eigentlich ariden Hänge des Westens bewässert. Der Unterschied ist auffällig, überall wachsen Pflanzen, die man hier früher nicht gesehen hat. Der Hintergrund ist aber wohl eher kein ästhetischer, sondern dient der Ausweitung der landwirtschaftlichen Erträge, um die Bedarfe der wachsenden Bevölkerung decken zu können.

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Auch unsere Appartmentanlage ist ein Neubau, aber individuell und recht liebevoll gestaltet und auch schön gelegen.

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Den Blick aufs Meer muß man allerdings ausnutzen, denn direkt nebenan entsteht schon das nächste Gebäude, das die Aussicht wohl schon bald verstellen wird.

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Zur anderen Seite hinaus schauen wir auf einen Golfplatz. Da ist zwar kein Meer, aber immerhin guckt man ins Grüne. Ein einsamer Flamboyant mitten auf dem Rasen versucht, Weihnachtsstimmung zu verbreiten.

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Trotzdem fehlt mir hier créolisches Flair. Die Nachbarn, denen wir gelegentlich beim Verlassen des Gebäudes über den Weg laufen, sind auch größtenteils weiße Metropolfranzosen. Viele der Appartments scheinen leer zu stehen, vermutlich Ferienwohnungen reicher Franzosen. Aber die Wohnung wird Tonton und Tante von Angehörigen kostenlos überlassen und auch ich bin hier als Gast, daher beherzigen wir das mit dem geschenkten Gaul.

Ausruhen muß ich mich nicht weiter, also nichts wie an den Strand.

Tante und Onkel geht es offenbar ähnlich wie mir, soweit möglich, vermeiden wir die Route des Tamarins und fahren unten auf der alten Küstenstraße. Zwar hat auch St. Gilles seinen eigenen Strand im unteren Abschnitt der Gemeinde St. Gilles les Bains. Aber schöner ist der in La Saline les Bains.

Der kleine Vorzeigeort, sehr touristisch und lebhaft, weicht namenstechnisch von allen anderen Küstenorten ab, die alle die Namen von Heiligen tragen. Wenn man es nicht sowieso wüßte, käme man schnell drauf, daß die ersten Siedler Katholiken waren, denn neben St. Gilles bevölkern St. Louis, St. Paul, St. Pierre, St. Leu, St. André und St. Joseph die Küste, nicht zu vergessen Ste. Suzanne und Sainte-Rose.

La Saline les Bains ist eine fast wörtliche Übersetzung meines Geburtsortes, einer Kleinstadt im Vorharz, eine ehemalige Salzsiederstadt, die sich viele Jahre erfolglos um einen Status als Kurbad bemüht hat und das Bad schließlich einfach trotzig hinter den Namen gesetzt hat. Auch hier bedeutet „les Bains“ nicht, daß der Ort ein Heilbad wäre, sondern lediglich, daß man an diesen Stränden baden kann, was auf der Réunion ja durchaus nicht an allen Stränden der Fall ist. Heilbäder gibt es auf der Insel zwar durchaus auch, aber weiter oben in den Bergen. Hier findet man vor allem Nachtclubs, schicke Boutique-Hotels, Restaurants und Strandbars.

Wer sich nun fragt, wie man sich die Strände auf der Réunion nun vorzustellen hat, über die man so Unterschiedliches hört: Nein, nicht alle sind schwarzes Lavageröll, es gibt auch weiße Sandstrände mit feinem, weichem Sand. Ja, es gibt Korallenriffe zum Schnorcheln. Und ja, es gibt auch Strände, an denen man genau das gefahrlos tun kann.

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La Saline les Bains gehört dazu. Die Strandbar Planch Alizée ist einer der Lieblingsorte meiner Tante, denn hier bekommt man kostenlose Strandliegen und Sonnenschirme, solange man sich dem Verzehrzwang beugt.

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Manchmal ist das Lokal so begehrt, daß es Wartelisten um die Plätze gibt, aber wir haben Glück und bekommen sofort einen Sonnenschirm mit drei Liegen.

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Und dann ist es endlich soweit: La Dodo lé la! Das Bier ist da! Dazu eine Schale Bouchons. Seit ich wußte, daß die Reise stattfindet, hab ich mich darauf wohl mit am meisten gefreut!

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Bouchons sind zylinderförmige Mettbällchen, Mettzylinderchen also, daher auch ihr Name. Bouchon bedeutet Korken. Das Mett wird in hauchdünnem WanTan-Teig gedämpft und mit scharfer oder Sojasauce serviert, ein typisch céolischer Snack und sehr lecker. Die Füße im Sand, das Bier im Schädel, da geht das mit dem Akklimatisieren im Handumdrehen. :lol:

Abends in der Wohnung packe ich meine Gastgeschenke aus. Schokolade für den Onkel, deutsche Rätselhefte für die Tante. Und eine Flasche Korn. Aber das ist erst das Gastgeschenk für morgen und ich hoffe, daß er genauso wohlwollend angenommen wird wie der Rum, den der Empfänger sonst gewohnheitsmäßig geopfert bekommt. Denn morgen besuchen wir Sitarane.
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Suse
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Wenn man von den zugewanderten Metropolfranzosen, Madagassen und Mahorais aus Mayotte einmal absieht, besteht die Bevölkerung der Réunion zum weitaus überwiegenden Teil aus Créolen. Anders als auf den Seychellen ist die Vermischung der Ethnien hier noch vielfältiger, der chinesische Einschlag ist häufig prägnant, auch in der Familie meines Onkels. Die Einflüsse sind manchmal gerade zu perfekt gewichtet und daraus entstehen wunderschöne Gesichtszüge. Würden alle Menschen von jeher so ausgesehen haben, gäbe es wohl keinen Rassismus. Oder vielleicht doch…

Kennt man die Verhältnisse und Hintergründe noch nicht, wird man erstaunt sein zu zu hören, daß hier, auf dieser Insel, die sich rühmt, der Schmelztiegel der Kulturen und Völker der Welt zu sein, die Rassemblement National, was im Groben unserer AfD entspricht, die anhängerstärkste Partei ist.

https://www.lesechos.fr/pme-regions/out ... on-1402775

Die Réunion liegt vor der Südostküste Madagaskars. Auf der anderen Seite des „Großen Landes“, wie Madagaskar hier genannt wird, liegen die Komoren und eine der Komoreninseln, Mayotte, hat sich vor ungefähr 15 Jahren entschlossen, sich Frankreich als Überseedepartment anzuschließen.

2008 haben wir Mayotte besucht und schon damals berichtet mein Onkel von erheblichem Widerstand in der créolischen Bevölkerung der Réunion. Das „Droit du Sol“, das jedem auf französischem Boden Geborenen automatisch die französische Staatsangehörigkeit zuspricht, führte wie vorhergesehen dazu, daß eine starke Einwanderungswelle der Mahorais genannten Bevölkerung Mayottes auf die Réunion einsetzte. Nichts bestimmt die öffentliche Diskussion in lokalen Fernseh- und Radiosendern so sehr wie das „Moslemproblem“, denn die Vorbehalte in der ursprünglichen Bevölkerung gegen die in manchen Gegenden zunehmend das Straßenbild prägenden und in ihrer traditionellen Bekleidung mit Burnus und Fez gut erkennbaren Muslime ist enorm.

Der Créole an sich und im Besondern ist katholisch, zumeist, auch wenn nicht im Übermaß praktizierend, tatsächlich tief gläubig und zugleich manchmal auch abergläubisch. Nicht anders als auf den Seychellen also, wo sich ein Besuch bei den Bonhommes du Bois mit ihrem Grisgris genauso gut mit den kirchlichen Kulten verträgt wie hier. Hinter der Fassade des westlichen Gepräges leben viele Créolen noch auf die traditionelle Weise, mit verbotenen Hahnenkämpfen und „Sorcellerie“, Hexerei.

Nicht für jeden geht das zusammen, wie ich noch erfahren werde. Auch Tonton, der mich auf der letzten Reise leichtfertig herausgefordert hat, ob ich mich getrauen würde, eine Nacht mit Sitarane zu verbringen, dem Hexenmeister von St. Pierre. Na klar würde ich das, sagte ich damals, genügend Opfergaben vorausgesetzt, um den Mann, der in Wirklichkeit nur ein Dieb und Mörder war, zufriedenzustellen bzw. diejenigen, die das Grab hernach um die Opfergaben plündern. Nun ist die Gelegenheit gekommen, das nachzuholen, und Tonton windet sich ein bißchen.

Natürlich war das niemals ernst gemeint, hier eine ganze Nacht zu verbringen. Nicht, daß es nicht möglich wäre. Genügend Menschen finden jede Nacht ihren Weg in den eigentlich von einer hohen Mauer umgebenen Friedhof von St. Pierre und huldigen dem Geist von Sitarane. Aber natürlich hatten wir niemals vor, hier eine ganze Nacht herumzusitzen. Wir beschränken uns auf einen Besuch bei Tag.

St. Pierre liegt bereits recht weit im Süden der Insel, nur noch einmal links um die Kurve entlang der Küstenstraße, dann ist man schon in den Lavafeldern und im dünn besiedelten und weniger touristischen Südosten.

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Oberhalb von St. Pierre ragt der aktive Vulkan auf, der Piton de la Fournaise, die „Ofenspitze“, ein Name, der irgendwie an den Herrn der Ringe erinnert. Die Straßen, die hinauf zum Krater führen, zweigen auch in St. Pierre ab.

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Je weiter man in den Süden und Osten der Insel kommt, desto höher der Anteil der hinduistischen Bevölkerung. Wunderschöne Tempel überall. Hier in St. Pierre so wie auch in St. André an der Ostküste gibt es im Oktober prächtige Umzüge zu Divali, dem Lichterfest, aber das haben wir knapp verpaßt.

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Der Friedhof von St. Pierre ist groß und alt. Die meisten Gräber sind weiß getüncht, nur das von Sitarane sticht heraus.

Ein älterer Mann spricht uns an, über 80 sei er, arbeite aber ehrenamtlich hier auf dem Friedhof, und als er erfährt, welches Grab wir suchen, erklärt er sich natürlich zum offiziellen Grabpfleger Sitaranes.

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Grellrot leuchtet es, von einem ausladenden Frangipanier beschattet. Der verkohlte Sockel des Grabes zeugt von den nächtlichen Séancen, die hier abgehalten werden. Frische und auch Kunstblumen zieren das Grab. Unser Begleiter erinnert sich prompt seiner Pflichten und fängt emsig an, das ansonsten aber etwas vernachlässigt wirkende und von Laub bedeckte Grab zu harken.

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Aum – das franösische Wort für „Om“, und dann die Namen St. Ange, Sitarane und Fontaine stehen auf dem Grabstein. Sie alle drei bildeten die berüchtigte Bande der „Bluttrinker“. Die ursprünglich eigentlich wohl ganz durchschnittlichen Gauner, die sich mit dem Vertrieb von Hehlerware ein Zubrot verdienten, schufen sich in der abergläubischen Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts einen beängstigenden Ruf als Hexenmeister durch einige grausame Morde und das Gerücht, mit ihren Anhängern satanische Riten zu vollziehen. 1911 wurden die drei Anführer hingerichtet, aber der Kult überdauert bis heute.

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Und weil ich auch abergläubisch genug bin, hinterlasse ich meine Flasche Korn. Nicht aus Verehrung für einen grausamen Mörder, eher als Ablaßgeschenk für die gewisse Sensationsgier, die es ja durchaus hat, wenn man ein solches Grab besucht. Besser man stimmt friedlich, was vielleicht immer an bösem Juju hier existiert.

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Wir haben allerdings wenig Zweifel, welcher real existierenden Person der deutsche Flachmann nachher Freude machen kann. Während unserer gesamten Anwesenheit harkt er so eifrig, daß man nicht nur kein vollständiges Foto vom Grabstein machen kann, sondern obendrein befürchten muß, Sitarane bald persönlich gegenüberzustehen.

Wir brechen auf und setzen uns in einen der Kioske am Strand. Bouchons und Dodo, das lokale Bier, sind auch heute das Mittagessen.

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Die Strände hier im Süden sind deutlich einsamer als weiter im Norden. Das liegt aber nicht nur an der geringeren Touristenzahl, sondern auch daran, daß man hier in der Gegend angekommen ist, in der das Baden nur sehr eingeschränkt möglich ist.

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Dicht am Ufer, in kleinen sandige Lücken zwischen den Korallen, sieht man vereinzelt Menschen ein Sitzbad nehmen. Ähnlich wie an der Source d’Argent bei Ebbe, hocken sie da in ihren winzigen Tümpeln. Mehr geht nicht, es sei denn, man ist lebensmüde und möchte obendrein Ärger mit den Behörden.

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Das Risiko eines Haiangriffs ist an allen Stränden, die nicht durch eine Riffbarriere geschützt sind, erheblich. Gerade dort, wo aus den Bergen Süßwasser ins Meer fließt, sind Bullenhaie häufig. Warnschilder stehen hier an zahlreichen Stränden.

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Der Süden ist stiller, ruhiger und authentischer als der Norden. Hier leben die Menschen noch in einem langsameren Rhythmus, häufig vom Zuckerrohr- und Vanilleanbau. Von hier stammt die beste und teuerste aller Vanillearten, die Vanille Bleue, bei der man sogar die Schote mitessen kann.

https://oasidellespezie.ch/blaue-vanill ... n/?lang=de

Der Norden ist dafür lebhafter mit seinen belebten Stränden, zahlreichen Restaurants und Strandbars und Märkten. Friedhöfe gibt es aber auch hier, auch berühmte. Und wo wir nun schon bei Sitarane waren, müssen wir natürlich auch noch zu dem, den man auf den Seychellen genauso gut kennt wie hier: La Buse.
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Klara »

Oh wie schön, dass du uns wieder teilhaben läßt.
Suse hat geschrieben: 04 Jan 2024 18:39 Wiedersehen mit der alten Liebe Réunion. Ob sich die Begeisterung für die Insel neu entfachen lassen wird, oder würde es ein reines Wiedersehen mit alten Bekannten und Angehörigen und Shoppingerlebnis werden und ansonsten eine eher ernüchternde Erfahrung wie auf den Seychellen?
Ich denke, dir kommt nach dem Aufenthalt vielleicht der Gedanke, ob die Redewendung "Leben wie Gott in Frankreich" vielleicht bedeutet, eine Zeit mit munterer Familie und Literflaschen Charrette (49%) auf La Réunion zu verbringen.

Danke + LG
Klara
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Klara hat geschrieben: 09 Jan 2024 14:20 Oh wie schön, dass du uns wieder teilhaben läßt.

Ich denke, dir kommt nach dem Aufenthalt vielleicht der Gedanke, ob die Redewendung "Leben wie Gott in Frankreich" vielleicht bedeutet, eine Zeit mit munterer Familie und Literflaschen Charrette (49%) auf La Réunion zu verbringen.

Danke + LG
Klara
Ja, soweit es möglich ist, will ich gern die schönen Seiten der Insel zeigen. Und auch wenn Du schon richtig vermutest, daß der Teil mit der Familie und der gemeinsam verbrachten Zeit natürlich das Beste war (es kommt später auch noch Wein ins Spiel), muß ich sagen, daß ich auch die Insel selbst für mich wiederentdeckt habe.

Es wird natürlich kein vollständiger Reisebericht sein, weil ja eben die viele Familienzeit hier nicht Thema sein wird, davon kann ich auch keine Fotos zeigen. Eher so ein paar Schlaglichter, aber da kommt noch einiges Schönes!
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Diese Aufnahme stammt bereits aus St. Paul, einer Gemeinde etwas weiter nördlich an der Westküste der Insel gelegen.

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Auch hier darf man nicht baden, was aber eigentlich nicht weiter schlimm ist, der Strand ist sowieso nicht besonders schön.

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Ansonsten ist St. Paul eine nette Gemeinde mit hübschen Cases Créoles, den créolischen Holzhäusern, die hier meist sehr viel üppiger verziert sind als auf den Seychellen. Das rhombische Zieremblem im Giebel ist inseltypisch.

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Das Interessanteste ist aber die Cimétière Marin, der Seemannsfriedhof. Eigentlich heißt er aber nur so, denn nicht nur Seeleute sind hier beerdigt. Es mischen sich die Gräber berühmter Inselpersönlichkeiten mit denen entlassener oder unbekannter Sklaven, denen zu Ehren sogar einmal jährlich ein Gedenkfest gefeiert wird.

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Welches Grab das berühmteste ist, muß jeder selbst entscheiden. Literaten werden sicher das des Leconte de Lisle nennen, Lyriker mit einem Platz in der Academie Francaise immerhin.

Alle anderen bleiben direkt hinter dem Eingang zum Friedhof stehen, dort, wo sich das Grab des Piraten findet, der mit seinen kryptisch verschlüsselten Aufzeichnungen dafür gesorgt hat, daß alle Inseln im Umkreis von 1000 Meilen ihre Strände umgraben.

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Ob es auf Mauritius im Trou d’Eau Douce oder auf den Seychellen in Bel Ombre ist, überall vermutet man die gewaltigen Schätze des Olivier Levasseur. Seine ungeheure Schnelligkeit, die er bei seinen Raubzügen an den Tag legte, brachte ihm den Beinamen La Buse ein, Bussard. Darüber hinaus in der Republik Libertalia im Norden Madagaskars gut versteckt, konnte man seiner über viele Jahre nicht habhaft werden, letztlich wurde er aber dann doch gefaßt und hier in St. Paul gehängt. Noch kurz vor seinem Tod soll er Papiere in die Menge geworfen haben, in denen in verschlüsselter Form Hinweise auf die vergrabenen Schätze enthalten seien. Schätze, mit denen seiner Aussage nach man die ganze Ile Bourbon, die heutige Réunion hätte kaufen können.

Wer die historischen Zusammenhänge lieber in einer spannenden Geschichte verpackt lesen möchte, dem kann ich immer wieder nur Kolony empfehlen.

https://kenwoodtravel.co.uk/blog/kolony/

Daß La Buse gar nicht in diesem Grab liegen kann, einfach, weil es die Cimétière Marin zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung noch gar nicht gab, stört keinen großen Geist. Nachdem am Strand von St. Paul Gegenstände gefunden wurden, die Rückschlüsse auf Levasseur zuließen, erklärte man das Grab kurzerhand zur Gedenkstätte. Und auch wenn er, anders als Sitarane, nicht den Ruf eines „Hexers“ genießt, glauben die Menschen doch an seine wundertätige Wirkung. Auch hier finden sich regelmäßig kleine Opfergaben, vor allem in Form von Alkoholfläschchen. Sonstige nächtliche Aktivitäten finden hier, wenn überhaupt, offenbar nur sehr gesittet statt. Irgendwelche Voodoorituale würde die sehr touristische Gemeinde von St. Paul vermutlich auch nicht tolerieren.

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Wir sind nicht zum ersten Mal hier, aber jedes mal aufs Neue ist es schwierig, sich in den ungeordneten Grabreihen zurechtzufinden. Der Onkel möchte gern das Grab des Leconte de Lisle finden, dessen Gedichte früher in Frankreich in der Schule zum Literaturkanon gehörten, so wie bei uns Goethe und Schiller.

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Auch Réunionnaisen mit hinduistischem Hintergrund liegen hier beerdigt, das bringt ein bißchen Farbe in das Weiß der getünchten Gräber.

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An der rückseitigen Mauer des Friedhofs eine kleine Gedenkstätte für die Ertrunkenen der Ker Anna, eines Ende des 19. Jahrhunderts vor der Insel gesunkenen Dreimasters. Hier kann man von einer kleinen Plattform hinaus aufs Meer blicken, wo irgendwo vor der Küste die Wrackteile der Ker Anna liegen, und Tonton und ich tun das eine Weile. Abgelenkt von unserer Kontemplation über das Ertrinken auf See werden wir aber durch einen Anblick, der nicht weniger unschön ist. Ein Obdachloser mit verfilzten Dreadlocks sitzt vor uns auf einer Bank am Strand und trinkt aus einer Flasche Kölnischwasser. Schon beruflich sind mir Alkoholiker und andere Süchtige nicht fremd und auch, daß es Menschen gibt, die in ihrem Suchtdruck auf dergleichen und Schlimmeres zurückgreifen, ist mir nicht unbekannt. Mit eigenen Augen gesehen habe ich das aber noch nie und es ist bedrückend.

Der Friedhof selbst ist eigentlich ein schöner Ort, sehr grün und mit dem Flair eines Botanischen Gartens. Überall Frangipaniers.

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Was St. Paul noch zu bieten hat, ist ein sehr schöner Wochenmarkt. Etwas touristisch vielleicht, aber groß und trubelig. Der hat aber heute geschlossen und außerdem haben wir die Empfehlung bekommen, lieber nach l'Ermitage zu fahren, gerade wenn man Vanille und anderen Souvenirkram und zugleich alltägliche Marktkäufe wie Obst und Gemüse miteinander verbinden wolle, sei das der beste aller Märkte.

Zwei Frangipaniblüten verbreiten Wohlgerüche im Auto. Hier, wo es keine Tiaré-Blüten gibt wie in Polynesien, ist das der typische Tropenduft, abgesehen von Kokos vielleicht.

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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Der Markt in l’Ermitage ist tatsächlich so groß wie er uns beschrieben wurde und es ist ziemlich voll. Auf der linken Seite der Straße, die den Ort von der Strandpromenade trennt, bekommt man die üblichen Lebensmittel. Hier stehen große Bäume, unter denen man sich im Schatten ausruhen kann.
Hier duftet es nicht nur nach Kokos und Frangipanier, sondern auch nach Banane, Mango, Kreuzkümmel, Tamarinde, Zuckerrohr, Kaffee und natürlich – Vanille!

Ich gestehe, daß ich nicht weiß, ob man Zuckerrohr überhaupt riechen kann, aber die Aufzählung mußte sein, weil die Situation hier so sehr einem créolischen Lied entspricht, das auf der Réunion jedes Kind kennt. „Ca sent la Banane“ erzählt von einem Inselkind, das seinem Brieffreund in der Metropole mitten im Januar einen Brief schreibt und ihn zu sich einlädt auf die Réunion zu kommen, wo jetzt Sommer ist, die Flamboyants blühen, man im Schatten der Bougainvilleen Kaffee röstet und die Luft vom Duft der Früchte erfüllt ist.

https://www.youtube.com/watch?v=aP1-qHlP724

Eigentlich mag ich keine zitrusartigen Früchte, aber die süßen Victorias kann man essen

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Wirklich gern mag ich die Jackfrüchte, die mild und trotzdem erfrischend sind. Je länger man sie reifen läßt, desto süßer werden sie.

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Tonton kauft Chouchou und Brotfrucht und Blutwürste, Boudins. Die gibt es „boucané“, also geräuchert, oder auch nicht. Sehr lecker, mit Brotfrucht oder ganz normalem Kartoffelbrei. Aus den Chouchou machen wir einen warmen Salat, den man mit einer einfachen Essig-Öl-Vinaigrette essen kann, alles köstlich und gesund.

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Interessant sind die Tisaniers, die Kräuterkundigen, bei denen man sich Teemischungen und pflegende Öle kaufen kann. Der Übergang zum mystischen Heilkundigen ist fließend und Tibère gilt als einer der bekanntesten, über den bereits Filme gedreht worden seien.

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Oberhalb von unserer Wohnung in St. Gilles les Hauts hat er eine Pflanzung und Distillerie, zu der die Ratsuchenden aus der ganzen Welt kämen.

Wer mal sehen möchte, wie man sich das da vorzustellen hat:

https://www.youtube.com/watch?v=K-OQKhVOIwg&t=26s

Ich muß zugeben, daß er mir nicht sympathisch war. Daß er von sich eingenommen sein würde, hatte ich erwartet, den umgehenden Versuch, mich in eine Diskussion über deutsche (und französische) Impfzwänge zu Coronazeiten und irgendwelche zukünftig daraus resultierenden Horrorszenarien zu verstricken, nicht.

Ich kaufe ihm trotzdem ein kleines Fläschchen Geranienöl ab, das Produkt, das nach der Vanille hier wohl an zweiter Stelle rangiert. Lange war die Réunion der führende Produzent von Géranium Rosat weltweit. Nicht alle mögen es, das Öl hat aber eine stark muskelentspannende Wirkung und ich mag auch den Geruch auch pur, ohne, daß er in einem Parfum verarbeitet worden ist.

Auf der eher touristischen Seite des Marktes gibt es Kunsthandwerk.

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Wer es bis jetzt noch nicht gemerkt hat, die zwei führenden Getränke auf der Insel: Dodo und Charrette. Das Bier, mit seinem Emblem eines ausgestorbenen Dodo und der Rum, der nach dem Ochsenkarren benannt ist, sind allgegenwärtig im Straßenbild.

Die meisten Sachen sind liebevoll gefertigt, aber auch nicht billig.

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Der Baumfarn zwischen den historischen Landkarten läßt Vorfreude aufkommen auf das, was noch kommen wird.

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Und dann natürlich die Hauptsache: Vanille.

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Was man hier bekommt, ist nicht immer eindeutig. Auf keinen Fall die kostbare Vanille Bleue, die bekommt man nur beim Erzeuger.
Das hier ist Bourbon-Vanille, aber nicht alle Schoten wurden auch auf der Réunion erzeugt, manche sind auch aus Madagaskar hierher gekommen.
Man muß sich überlegen, wie wichtig es einem ist, echte Bourbon Vanille zu haben. Der Geschmack für Kuchen und Getränke ist meist vergleichbar, lediglich in Größe und Form unterscheiden sich die Schoten.

Wer Wert darauf legt, "echte", also auf der Réunion angebaute Bourbon Vanille zu bekommen, muß nach Ste. Marie in die Vanilleraie gehen, die auch sonst einen Besuch Wert ist.

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Das alte Pflanzergebäude an sich ist schon sehenswert und informativ. Wer die Geschichte der Vanillekultur schon kennt und keine Führung mitmachen möchte, kann den Mitarbeitern einfach so beim Sortieren der Schoten zuschauen

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oder in der Boutique Vanilleerzeugnisse shoppen, was das Zeug hält.

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Aber Vorsicht, es ist alles unfaßbar teuer!

Nicht wenigen geht zwischendurch das Bargeld aus, auch mir. Vor dem Geldautomaten ist ständig eine Schlange. Der Herr vor mir ist so typisch créolisch gekleidet, daß ich ihn für einen Standverkäufer in „Uniform“ halte. Man sieht nur noch wenige Männer, die sich so kleiden. Frauen in Rüschenkleidern und mit Strohhüten durchaus noch einige mehr.

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Zuhause angekommen füllt sich das Souvenirregal. Vanille, Bois Chéri-Tee und auch die erste Version der zwei limitierten Editionen des Rums haben wir gefunden. Seltsamerweise bekommt man hier, unten an der Küste nur noch die Variante „Les Hauts“, die eine Landschaft aus den Höhenlagen der Insel zeigt. „Les Bas“, die Flasche mit dem Motiv der Ebene an der Küste, finden wir nirgends.

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Was aber kein Problem ist, da wir nach mehreren Tagen unten am Meer nun endlich mal hinauf wollen in die Berge. Zu meinem Erstaunen hat Tonton sogar so viel Motivation, sich gleich der größten Herausforderung zu stellen, der Straße der 400 Kurven, die in den höchstgelegenen Talkessel der Insel führt, nach Cilaos.

https://www.insel-la-reunion.com/organi ... de-cilaos/
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Die Küstenregion zu erkunden ist relativ einfach, denn die Route du Littoral ist ein geschlossener Rundkurs, den man einfach abfahren kann, um allen Heiligen nacheinander einen Besuch abzustatten. Schwieriger wird es, wenn man die Höhenlagen der Insel erkunden will, denn da sind auf der Réunion nicht einfach nur Berge, sondern vor allem das Gegenteil davon: eingestürzte Vulkankegel.

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Während die südliche Hälfte der Insel vom aktiven und eigentlich auch mit schöner Regelmäßigkeit mindestens einmal jährlich ausbrechenden Piton de la Fournaise bestimmt wird und dadurch weiter fleißig wächst, wird die nördliche Hälfte von den drei kreisförmig eingestürzten Tälern bestimmt: Salazie, Mafate und Cilaos.

Alle drei kleben aneinander wie ein Kleeblatt, sind aber völlig unterschiedlich. Salazie, das regenreiche Tal mit den unzähligen Wasserfällen und tropischen Gärten, Cilaos, das Heilbad auf über 1000 Metern Höhe, und Mafate, der abgelegenste der drei Talkessel, in den keine Straße führt und angeblich heute noch Menschen leben, die nie das Meer gesehen haben.

Während man nach Salazie relativ unproblematisch mit dem Auto fahren kann, nach Mafate dafür wiederum überhaupt nicht, ist Cilaos irgendwo dazwischen angesiedelt: Man kommt hin, aber das ist mühsam.

Ab St. Louis, einer besonders hübschen und noch relativ authentischen Kleinstadt, zweigt die Straße ins Inselinnere ab. Hier haben wir 2008 gewohnt und wir sind neugierig, ob es die Pension noch gibt.

Es gibt sie, sie ist sogar noch hübscher geworden, mit Pool sogar. Wir linsen über den Zaun, erkennen unseren alten Pavillon, auf dessen Terrasse das Bild im ersten Beitrag entstanden ist, das mit den vielen Rumflaschen, und schwelgen in Erinnerungen.

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Die Terrasse ist inzwischen vollständig zugewuchert. Herrlich. Sollte es einen nächsten Besuch auf der Insel geben, würde ich sehr gern wieder hier wohnen.

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Der Aufstieg beginnt harmlos, eigentlich eine normale Bundesstraße, rechts und links die letzten Ausläufer von La Rivière, dann beginnen die Serpentinen.

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Das Kurvenfahren ist nicht das einzige Problem, an manchen Stellen ist die Straße nur einspurig, hat man hier Gegenverkehr, muß man notfalls auch um eine Kurve rückwärts fahren können.

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Ein weiteres Problem sind die Tunnel. Vor einer Kurve kann man den Gegenverkehr ja noch mit der Hupe warnen, aber vor dem Tunnel tut man gut daran, erstmal anzuhalten und genau zu gucken, ob schon ein Fahrzeug darin ist. Tonton meint, auch hier gelte die Regel, wer aufwärts fährt (also Richtung Cilaos) hat Vorfahrt. Aber ob sich der andere dann daran hält?

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Man muß auch nicht glauben, daß hier wenig los wäre. Auf halber Strecke liegt noch Pieter Both, ein Dorf, benannt nach dem Mauritianischen Gouverneur, und zu den Hauptverkehrszeiten schlängeln sich ganze Karawanen von Einwohnern und Touristen die Serpentinen entlang.

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Irgendwann sind wir angekommen und noch bevor wir überhaupt die Umgebung genießen, stürme ich den ersten Supermarkt am Parkplatz. Vielleicht bekommt man hier oben, in den „Hauts“, den Höhenzügen, ja die limitierte Rumedition „les Bas“, so wie es zuvor umgekehrt der Fall war. Aber kein Glück, die Läden hier oben sind klein und schlecht sortiert, es gibt nur normalen weißen Rum, keine Sondereditionen.

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Wir essen in einem kreolischen Imbiß am Mare à Joncs, dem kleinen See in der Stadt.

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Hier oben blühen die Jacarandas, die sind mit ihrem Lila zwar nicht so weihnachtlich, aber auch sehr schön.

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Mitten durch den Ort führt eine Fußgängerzone zwischen den kreolischen Casen hindurch.

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Die Häuser sind entweder leuchtend bunt oder üppig verziert und manchmal beides zugleich:

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Das Tsilaosa, das erste Haus am Platze. Erinnert mich irgendwie ein bißchen an New Orleans.

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An manchen nagt aber auch der Zahn der Zeit:

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Der Inbegriff kolonialer Architektur weltweit und hier besonders vielfältig: Lambrequins

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Hier wachsen die Passionsfrüchte einfach so am Zaun

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Der Star und vermutlich das meistfotografierte Haus in Cilaos

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Die Straße führt direkt auf die Kathedrale des Ortes zu. Notre Dame des Neiges heißt sie, Unsere Liebe Frau des Schnees.

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Was damit zusammenhängt, daß sich hinter ihr der Piton des Neiges erhebt, der höchste Berg der Réunion.

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Glück haben wir aber nicht, wie meist versteckt er sich hinter Wolken.

Von jeher kamen die Menschen zur Erholung hierher. Das französische Gesundheitssystem funktioniert nach meinem Eindruck zwar besser als das deutsche, aber trotzdem, Lost Places aus alten Kurklinikzeiten gibt es genügend.

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Oberhalb der Kirche liegen die Thermen zwischen dichten Wäldern aus Cryptoméria.

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Hier ist die zivilisierte Welt dann auch schon wieder zuende und die der Wanderwege tun sich auf. Von hier aus kann man eigentlich in alle anderen Talkessel und natürlich noch weiter bis auf die höchsten Gipfel oder über die Ebenen zum Vulkan wandern, aber viele der Wege sind wirklich nur für die ganz Harten.

Cilaos, die Stadt der Jacarandas

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Wir gönnen uns lieber hier eine Noisette, Kaffee mit Haselnusssirup. Köstlich!

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Der Wanderer auf dem Schild sieht angesichts der Vielzahl von Wegen schon fast ein bißchen ratlos aus. :wink:

Noch köstlicher ist der Wein, der hier oben angebaut wird. Ein süßer, schwerer Dessertwein, ähnlich unserem Eiswein, den man am besten gekühlt trinkt.

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Nach einer wönzigen Weinprobe (wir müssen ja immerhin die 400 Kurven wieder hinunter) direkt am Straßenrand kaufen wir zwei Flaschen. Unsere ist erst vor wenigen Tagen leer geworden:

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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Ganz anders als Cilaos ist Mafate. Dorthinein kommt man nur mit dem Helikopter oder eben zu Fuß. Wenn man trotzdem einen Blick hineinwerfen möchte, muß man auf den Maïdo.

Der über 2000 Meter hohe Bergrücken bricht plötzlich steil in den Krater von Mafate ab. Hier oben gibt es einen Aussichtspunkt, von dem aus man nach Mafate hinunterschauen kann – vorausgesetzt, man steht früh genug auf, denn wie überall in diesen Höhenlagen zieht es sich ab Vormittags zu und dann schaut man nur noch auf ein Wolkenmeer.

Daß wir aufs Frühaufstehen Lust haben, hat auch damit zu tun, daß auf halber Strecke Verwandtschaft wohnt, die wir unbedingt besuchen wollen. Auf meinen Wunsch hin wurde der Besuch bis zu meiner Ankunft verschoben, da ich die alte Dame, die es zu besuchen gilt, besonders gern mag und unbedingt dabei sein wollte. Und wenn wir schon die halbe Strecke bis zum Guillaume fahren, dann können wir auch gleich den Rest bis zum Maïdo machen, sagen wir uns.

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Meine Tante, die eher der Stadt- und Strandtyp ist, ist erst nicht so begeistert, schon wieder in die Berge zu müssen. Da wir uns aber einen besonders schönen Tag mit unfaßbar guter Sicht ausgesucht haben, ändert sich das schnell. So gut wie heute haben wir Mafate selten gesehen.

Es sind zwar keine 400 Kurven wie bis nach Cilaos, aber bestimmt nicht sehr viel weniger.

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Je höher man kommt, desto mehr Flechten hängen an den Bäumen. Und dann hören die Bäume irgendwann ganz auf.

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Blick über die Küste. Leute, die neben uns parkten, meinte, das am Horizont sei die Küste von Madagaskar.

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Wir halten das für unwahrscheinlich, selbst bei so klarer Sicht wie heute wird man die von hier aus mit dem bloßen Auge nicht sehen können, das ist dann vermutlich doch zu weit. Wahrscheinlich sind es nur Wolken.

Leider müssen wir in der dünnen Höhenluft dann noch ein paar Meter bis zum Aussichtspunkt und meine Tante bereut jetzt, daß sie die Sache mit dem Schwerbehindertenausweis so lange vertrödelt hat. Hätte sie den schon, hätten wir direkt oben am Aussichtspunkt parken dürfen.

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Wir schnaufen ein bißchen, als wir oben ankommen, aber jeder Schritt hat sich gelohnt. Mafate. Immer wollten wir mal hier hinunterwandern (und mit dem Helikopter wieder rausfliegen natürlich :wink: ), aber irgendwie ist es nie dazu gekommen und nun ist es zu spät.

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Auf den übriggebliebenen Felsplateaus zwischen den eingestürzten und erodierten Bereichen des Kraters liegen Dörfer. Wenn man sich auf den vorherigen Fotos anschaut, wie nah (per Luftlinie) die Küste ist, kann man sich kaum vorstellen, daß es hier noch ältere Menschen geben soll, die noch nie über den Kraterrand geguckt und das Meer gesehen haben.

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Hier gibt es keine von großen Balkonen geschmückte Hotels wie in Cilaos, sondern einfache Pensionen und Selbstversorgerunterkünfte für Wanderer und Mafate wird zunehmend beliebt, was nicht bei allen Einheimischen gut ankommt. Ein sich in letzter Zeit etablierender Trend ist die Randonue. Eine von Wortspielereien liebenden Franzosen kreierte Wortschöpfung aus Randonnée (Wanderung) und nu (nackt).

Dazu muß man wissen, daß FKK auf der Insel generell nicht erlaubt ist; an einem einzigen Strand in der Nähe von La Saline les Bains, La Souris Chaude, wird es im gewissen Rahmen toleriert, da dieser von größeren Lavabrocken gesäumt ist, der die Leute von Blicken abschirmt.

Nacktwandern wird hier im abgelegenen Mafate illegalerweise praktiziert. Sehr zum Mißfallen der Bevölkerung, nicht nur hier, sondern auf der ganzen Insel. Da es erst vor kurzem passiert ist, daß zwei Wanderer mit hastig übergeworfenen Röckchen (es gibt offenbar spezielle Kleidung zum schnellen Überziehen für Nacktwanderer, was ich an der ganzen Sache noch am witzigsten finde) an einer Grundschule vorbeikamen, ist die Empörung riesig. Welcher Réunionnais sich nicht über die zugewanderten Mahorais echauffiert, der tut es ganz sicher über nackt wandernde Touristen!

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Noch ein letzter Blick und dann geht es abwärts zum Guillaume. Und wenn man das Haus der Tante betritt, die wir jetzt besuchen, ist es schon wie eine kleine Zeitreise.

Klein und drahtig und wie immer adrett gekleidet sitzt sie da, mit ihrem geblümten Rüschenkleid und einem Strohhut, in ihrem Wohnzimmer mit auf Hochglanz polierterten Möbeln aus gedrechseltem Tropenholz. Hier gibt es nichts, das nicht opulent mit Ornamenten verziert wäre, überall Fransen, Rüschen, Plüsch. Unzählige Töpfe mit Anthurien und dazwischen die Käfige voller Küken und die freilaufenden Kampfhähne.

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Hahnenkämpfe sind natürlich offiziell genauso illegal wie die Randonue, werden in der traditionellen Landbevölkerung aber natürlich toleriert, und daß es ein relativ offen praktizierter Sport ist, an dem die Familie hier erfolgreich partizipiert, sieht man schon an den zahlreichen großen Trophäen, die die Möbel vollstellen.

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Man kann geteilter Meinung sein, ob ein niedersächsiches Masthähnchen, das mit der Hähnchenfangmaschine aus der endlosen Masse herausgefischt wird, das bessere Leben hat, oder diese Hähne, die bestens versorgt frei herumlaufen. Athletische Kerle sind das, und bis sie ihr grausames Ende finden, leben sie hier mit Familienanschluß. Scheu sind sie jedenfalls überhaupt nicht und fressen aus der Hand.

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Skrupel gibt es hier jedenfalls keine, über den "Sport" wird offen gesprochen und hätte ich gefragt, hätte ich sicher mal bei einem Kampf zuschauen können, aber daran habe ich kein Interesse.

Die Tante mag ich dennoch sehr, auch wenn ich nur die Hälfte ihres schnellen Créol verstehe. Ich freue mich sehr sie wiederzusehen. Der dazugehörige Onkel ist über den vergangenen 15 Jahren nämlich bereits verstorben.
Zuletzt geändert von Suse am 11 Jan 2024 18:02, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Daß die Anzahl der Verwandten auf der Insel in den letzten 15 Jahre nicht ab- sondern zugenommen hat, liegt vor allem daran, daß viele, die seinerzeit noch in Metropolfrankreich lebten und arbeiteten, inzwischen in Rente und auf ihre Heimatinsel zurückgekehrt sind. Alle wollen Tonton sehen und wir werden zwischendurch ordentlich herumgereicht, mich als Anhängsel immer dabei. Manchmal dachte ich im Vorfeld, ich hätte mir vielleicht doch für ein paar Tage einen Leihwagen gönnen sollen, aber am Ende habe ich es nie bereut, dabei gewesen zu sein.

Schon allein, weil man immer sehr gut bekocht wird. Rougail Saucisses, Cari Poulet, alles was die Inselküche hergibt.

Einmal bekomme ich sogar mein Lieblingsdessert, Iles Flottantes, schwimmende Inseln. Ein Häufchen Eischnee in einem Meer aus Vanillesoße. Zwar überhaupt nicht créolisch, aber unfaßbar gut.

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Oft sind es Leute mit interessanter Lebensgeschichte. Und eigentlich alle wohnen sie schön in Gegenden, in die es mir ansonsten sicher nicht eingefallen wäre, zu fahren.

Ein Cousin hat sich ein hübsches kleines Haus in den Höhenlagen hinter Saint-Joseph gebaut, mitten zwischen den Zuckerrohrfeldern. Die Ernte neigt sich dem Ende zu und inzwischen sind die Felder leer und die Aussicht ist großartig.

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Zuvor muß es hier gewesen sein, als wohnte man zwischen hohen Maisfeldern. Dort wo, das Zuckerrohr noch steht, ist es sehr dschungelig. Ich mag das und das Haus ist wunderschön, in tiefem Türkisblau gestrichen, wie das Meer, auf das man von hier aus blickt.

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Als Verzierung für die Hauswand hat er den Tropikvogel gewählt, Paille-en-Queue auf Französisch oder Schreib-wie-du-sprichst Payanke auf Créol. Der Nationalvogel der Réunion und auch auf den Seychellen gut bekannt. Den Namen, der Stroh-im-Schweif bedeutet, verdankt er der langen Schwanzfeder, die aussieht, als habe er sich mit Strohhalmen geschmückt.

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Was wir zu diesen Besuchen beisteuern kommt aus einem ebenso blauen Haus in La Saline-les-Bains: Chez Loulou.

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Loulou ist die bekannteste und beliebteste Bäckerei der Insel, nicht nur irgendein Touristendings mit überteuertem Zuckerzeug, hier stehen auch die Einheimischen Schlange für Bouchons, Samoussas und traditionellen Kuchen.

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Weil ja bald Weihnachten ist, sind Bonbons Coco, handgefertigte Kokoskekse, ein gern genommenes Gastgeschenk.

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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Daß diese Rückkehrer, die in Metropolfrankreich ja zumeist in Paris und Umzu gelebt haben, sich hier Häuser auf dem Land bauen, hat nicht nur etwas mit Stadtflucht zu tun. St. Denis, die Hauptstadt, die ganz im Norden der Insel liegt, mag zwar klein sein und in ihr der morbide Charme des Verfalls herrschen, aber es gilt, was inzwischen in allen Hauptstädten der Welt gilt: Wohnraum ist knapp und unbezahlbar.

Wer hier eine Wohnung oder gar ein Haus hat, ist entweder reich oder sehr alt. Und so ist die einzige Angehörige, die noch mitten in St. Denis lebt, dann auch eine Tante, die sich auf der Zielgeraden zur Hundertjährigen befindet und ihr Haus schon besaß, als das Viertel, in dem sie lebt, noch nicht gentrifiziert war.

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Wenn man St. Denis von weitem betrachtet, mit den weißen Häusern vor dem blauen Ozean, sind es sehr schön aus. Wie wir da so stehen, können wir uns kaum vorstellen, daß schon 1. Advent vorbei ist und in Europa tiefster Winter und eine Kältewelle herrschen, die Menschen Heizungen und Kerzen anhaben.

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Advent in den Tropen ist halt ein bißchen anders, und als wäre es extra für diesen Reisebericht gedreht, gibts ein kurzes Video, das genau zur gleichen Zeit wie meine Fotos entstanden sein muß.

https://www.youtube.com/watch?v=7YjUmemi4Hs

Im Text wird der Weihnachtsmann überredet, doch lieber auf die Réunion zu kommen, wo nicht nur die Kinder artiger seien, sondern wo es auch keine Heizungen gäbe und er sich keine Schornsteine hinunterzwängen muß.

Abgesehen von den den Flamboyants schmückt St. Denis sich auch sonst noch ein bißchen für Weihnachten:

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Der Barachois, die Promenade der Hauptstadt, ist nicht ohne Grund von Kanonen gesäumt, denn hier fand bedeutsames Kriegsgeschehen statt.

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Hier landeten 1942 die Franzosen um die Réunion von den Franzosen zu befreien. Klingt verwirrend? Ist aber so, denn während der deutschen Besatzungszeit gehörte die Réunion, ebenso wie Madagaskar, dem Vichy-Regime an. Nachdem die Engländer Madagaskar befreit hatten, schickte auch De Gaulle in aller Eile ein Kampfschiff, und das landete genau hier, am Barachois an, um dem Vichy-Régime auf der Insel ein Ende zu machen.

Auf der anderen Straßenseite der Sohn der Insel, der schon einen Weltkrieg früher so viel Ruhm erlangte, daß er Sitarane, La Buse und Leconte de Lisle alle zusammen um Längen schlägt: Roland Garros.

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Nicht nur als Kampfflieger war er berühmt, sondern vor allem als Erfinder einer kriegswichtigen Waffe, einem Maschinengewehr mit Unterbrechergetriebe (das Wort mußte ich jetzt erst nachgucken), damit die Kugeln nicht mehr ständig den eigenen Propeller trafen. Was auch der Grund ist, weshalb man ihn auf seinem Sockel stehend mit einem Rotorblatt dargestellt hat.

Die Bar gleichen Namens rechts daneben ist übrigens das Traditionslokal für den gepflegten Kaffee am Nachmittag oder auch den Apéritif.

Der Rest der Stadt wechselt zwischen verfallen und prächtig.

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Eingang zum Botanischen Garten

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Blühendes Flamboyants überall

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Creolische Villen gibt es nicht nur in allen Stadien des Verfalls, sondern auch in aller Pracht

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So ein kleines Flüsterhäuschen auf der Mauer gönnten sich früher die reichen Herrschaften der Réunion. So weit ich weiß, gibt es so etwas sonst nur noch in historischen Gebäuden auf Mauritius. Von hier aus konnte man das Geschehen auf der Straße beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. So etwas bezeichnet man hier als Jaccuzzi.

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St. Denis ist, nicht anders als Paris, ständig von Staus verstopft. Als Zeitvertreib wäre entlang der Straße genügend Lektüre da. „Les Marrons“ ein historischer Roman, ist hier als Mural angebracht. Der Fehler ist nur, die Kapitel verlaufen entgegengesetzt zur Fahrtrichtung. Schildbürger.

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Immer wieder passieren wir auch Straßenzüge, in denen offensichtlich wird, was die Leute so reizt. Ganze Viertel voller Menschen in traditioneller muslimischer Kleidung. Die Zuwanderung ist wahrnehmbar und bestimmt stellenweise das öffentliche Leben. Bei allen Besuchen ist es Thema. Weshalb Frankreich dies überhaupt tue, ein solches Land in seine Gemeinschaft der Überseedepartements aufzunehmen. Auch ich habe mich das 2008 gefragt, als wir Mayotte besuchten.

Eigentlich ist die Antwort einfach: Das Land verspricht sich militärischen Vorteil davon, nicht anders als in Französisch Polynesien oder auch auf der Réunion selbst, wo unterhalb des Vulkans die atomaren Sprengköpfe lagern. Jetzt, wo ich das schreibe, kommt mir das selbst merkwürdig vor, die Dinger ausgerechnet da zu lagern, aber man weiß ja, daß die Lava des Piton de la Fournaise immer in die andere Richtung, nämlich nach Süden fließt.

Weshalb Mayotte wichtig ist, hat mit dem Suezkanal zu tun. Sollte dieser in einer globalen Krisenlage jemals blockiert werden, ist der Kanal von Mozambique die Ausweichroute für die Öllieferungen. La deuxième Route du Petrol, das ist der Grund für die Zugehörigkeit Mayottes, von wo aus Frankreich die Meerenge zwischen Madagaskar und dem afrikanischen Kontinent kontrollieren kann.

Was uns keiner aus der Verwandtschaft, ob nun jung, alt, in einfachen oder noblen Verhältnissen lebend, sagen kann, ist, wo eigentlich die chinesischen Butiken abgeblieben sind, kleine Holzkioske, in denen Gemischwaren, aber vor allem Rum gläserweise über den Tresen verkauft wurde. Bestellt wurde, indem man mit dem Glas auf den Tresen klopfte, toc-toc-toc.

Die Butiken gab es früher überall, vor allem in den Höhenlagen. Inzwischen scheinen sie nur mehr auf historischen Fotos zu existieren.

https://www.reunionnaisdumonde.com/maga ... ce-lontan/

Das Klopfen der Schnapsgläser auf dem Tresen konnte man im Vorbeifahren durch die offenstehenden Ladentüren tatsächlich hören. Dies und das allgegenwärtige Getrommel aus den Hindutempeln waren früher die Hintergrundmusik auf der Insel. Toctoctoc und Tamtamtam.
Zuletzt geändert von Suse am 12 Jan 2024 21:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Pico »

Oh klasse, wieder so ein spannender Bericht, und vor allem so richtig authentisch mit Insiderwissen!
Die Fotos sind teilweise ja sehr beeindruckend, vor allem die Kraterlandschaft.

Der Titel verspricht ja auch noch mal so Einiges - ich bin gespannt und freue mich auch die Fortsetzung(en)!
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Pico hat geschrieben: 12 Jan 2024 18:04 Oh klasse, wieder so ein spannender Bericht, und vor allem so richtig authentisch mit Insiderwissen!
Die Fotos sind teilweise ja sehr beeindruckend, vor allem die Kraterlandschaft.

Der Titel verspricht ja auch noch mal so Einiges - ich bin gespannt und freue mich auch die Fortsetzung(en)!
Schön, daß Du dabei bist.

Also um unser Leben gerannt sind wir nicht, aber ein, zwei kleine Abenteuer kommen noch.

Ohne meinem Fazit vorgreifen zu wollen, aber RUN ist der Dreiletter-Code für den dortigen Flughafen, und ja, man sollte unbedingt mal hinfahren, wenn man kann, deswegen der Titel. Mir ist wirklich wieder klar geworden, wie schön diese Insel ist. :idea:
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Wer sich nun fragt, ob ich denn auf der tropischen Insel überhaupt mal im Wasser war: Ja, das kam auch vor. Am Strand von La Saline les Bains vor dem Planch Alizé läßt es sich einigermaßen gut schnorcheln, die Korallen sind nicht alle tot. Viele Fische habe ich dort allerdings weder früher noch diesmal gesehen, dafür gibt es Seegurken in verschiedenen Farben zu bestaunen. Das Wasser ist vermutlich zu voll mit Schwimmern, Schnorchlern, Kajakfahrern, Surfschülern und treibenden Himmelbetten, auf denen jemand liegt, der sich von einem nebenher stolpernden Masseur durchkneten läßt. Soweit ich beobachtet habe, suchen sich die Leute dafür allerdings die kleinen sandigen Areale zwischen den Korallen aus, in denen sie dann kleine Kreise ziehen.

https://www.insel-la-reunion.com/organi ... er-lagune/

Das Planch Alizé selbst ist in Form eines Kreuzfahrtdampfers gestaltet, der von weiter draußen wirklich aussieht, als würde er durch den Sand fahren. Ist ganz witzig und insgesamt ja sowieso Jammern auf hohem Niveau, sich über einen zu vollen Strand mit nicht intakter Meeresfauna zu beschweren, während sie in Deutschland die Heizungen hochdrehen.

Den weitaus unterhaltsamsten Wasserkontakt gab es allerdings nicht im Meer, sondern auf einer Wanderung, die ich genau wie Mafate, immer schon gern mal gemacht hätte, aber zu der es vor allem aus einem Grund nie kam: Sie ist eigentlich verboten.

Bei der Ankunft auf der Insel war mir gar nicht bewußt, daß wir mit St. Gilles les Hauts in direkter Nachbarschaft zu dem verbotenen Ort wohnen würden, aber Tonton machte mich gleich beim ersten Vorbeifahren darauf aufmerksam: Die Cascades und Bassins in der Ravine von St. Gilles, das Tor sei auf und die Leute gingen dort auch ein und aus, auch wenn es immer noch verboten sei.

In der tiefen, waldreichen Schlucht liegen drei Wasserfälle mit beschwimmbaren Becken, das Bassin Malheur, am höchsten in der Schlucht gelegen und relativ einfach über einen spannenden Zugang durch einen Lavatunnel zu erreichen, das Bassin des Aigrettes, das irgendwo mitten in der Schlucht liegt, und das Bassin des Cormorans, irgendwo tief unten in der Schlucht, angeblich nur über zugewucherte Pfade zu erreichen.

Tief und grün: Die Ravine de St. Gilles. Hinter uns liegt St. Gilles les Hauts und in der Ferne kann man ein paar Häuser von St. Gilles les Bains erkennen und dahinter das Meer.

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Am Bassin Malheur sind wir vor vielen Jahren schon einmal gewesen, damals noch relativ einsam, inzwischen, vielleicht auch aufgrund des zusätzlichen Reizes des Verbotenen, massiv überlaufen. Was auch der eigentliche Grund für das Verbot ist, denn aus den Zuflüssen hier speist sich der Trinkasserbedarf von St. Gilles und so ist ein Massenauflauf von Badenden natürlich genau das, was man hier eigentlich nicht haben möchte. Das Verbot dürfte dabei sogar eher kontraproduktiv gewesen sein, weil es die Schlucht seither erst richtig interessant gemacht hat.

Nun sind Franzosen generell ja nicht dafür bekannt, sich behördlichen Anweisungen vorbehaltlos zu fügen. So steht das schwere Eisentor, mit dem der Zugang zur Schlucht eigentlich verschlossen sein soll, einen Spalt auf und niemand hält sich mehr an das Verbot. Seit wann das Tor offensteht und welcher Anarchist dafür verantwortlich ist, weiß wohl niemand so genau, die Behörden scheint es aber auch nicht zu interessieren, denn es wäre ein Leichtes, den Zugang wieder zu verschließen. Man muß jedenfalls keine Angst haben, hier am Abend eingesperrt zu werden.

Mag sein, daß auch ein bißchen die Sorge mitspielt, ein Tourist könne einem Steinschlag zum Opfer fallen, aber der Schwierigkeitsgrad der Wanderung an sich ist jedenfalls kein Hinderungsgrund, denn sogar ich empfand den Weg als nicht besonders anspruchsvoll.

Obwohl, oder vielleicht gerade weil aufgrund der speziellen Situation inzwischen alle drei Wasserfälle als „Geheimtips“ gehandelt werden, gilt das Bassin des Aigrettes als das hübscheste der drei, und weil auch Tonton, der selbst noch nie dort war, neugierig darauf ist, wandern wir eines Sonntagsnachmittags los.

Wir wohnen mit dem Auto nur fünf Minuten entfernt, aber da Sonntag ist, sind wir trotzdem nicht früh genug dran.

Der Torwächter:

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Anfangs sind wir allein unterwegs und können uns beim Balancieren auf dem Rand des Süßwasserkanals Zeit lassen. Wir sind uns unschlüssig, ab wann wir in den Wald abbiegen müssen, um nicht in die Lavatunnel zum Bassin Malheur zu gelangen, sondern zum Bassin des Aigrettes.

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Ein paar entgegenkommende Wanderer zeigen uns den Einstieg nach rechts in den Wald.

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Die Leute fragen uns ihrerseits, ob wir wüßten, wir man das Bassin des Cormorans finden könnte, aber da waren wir selbst noch nie und es gilt auch als das am schwierigsten zu findende Bassin. Trotz allem soll es dort unten einen Einsiedler geben, der Getränke verkauft, was dafür spricht, daß es trotz der Abgeschiedenheit vermutlich genauso überlaufen ist, wie die anderen Becken. Naja, man muß sich ja auch noch Ziele für zukünftige Reisen aufheben.

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Über einen unebenen Pfad geht es abwärts, aber wirklich gefährlich ist hier an der Wanderung nichts. Weiter unten angekommen, erreichen wir den nächsten Süßwasserkanal, dem wir folgen, solange es geht.

An den Kanalwänden Frauenhaarfarne in allen Größen. Schon dafür hat sich die Wanderung gelohnt, solche empfindlichen Farne sieht man selbst hier nicht überall.

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Und dann endet der Kanal plötzlich an einem Tor, unter dem das Wasser hindurchfließt. Nach links könnte man das Hindernis über einen steilen, ungesicherten Kletterpfad durch den Wald umgehen. Den Bäumen hier kann man deutlich ansehen, wie viele Menschen sich an ihnen schon festgehalten haben, die Hälfte ist halb entwurzelt. Uns ist das entschieden zu halsbrecherisch und Tonton ist ratlos und kurz davor umzudrehen, obwohl man den Wasserfall auf der anderen Seite des Tors schon hören kann.

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Der Spalt unter dem Tor ist recht breit und es sieht nicht besonders schwierig aus, also bin ich für Drunterdurchtauchen und werde es als erste probieren. Inzwischen haben uns andere Wanderer eingeholt, die ebenso zweifelnd den Berg hinaufgucken. Beobachtet von zahlreichen Augen entblättere ich mich also bis auf den Badeanzug und dann geht’s ab unter das Tor.

Für einen kurzen Moment muß man fast ganz untertauchen. Mag sein, daß es nach heftigen Regenfällen schwieriger ist, aber heute, bei sonnigem Wetter, schafft man es auch so. Der Wasserdruck ist gering, man kann locker dagegen ankrabbeln, und schon ist man auf der anderen Seite, wo die Klamotten und der Rucksack am Rand liegen.

Nachdem ich einmal drüben bin, fangen die restlichen Leute auf der anderen Seite umgehend an, sich zu entkleiden, jetzt wollen doch alle lieber den steilen Waldweg meiden. Ich mache ein Foto von Tonton, während er unter der Barriere durchkriecht. Jetzt, wo er es geschafft hat, findet er die Sache ungeheuer amüsant und erzählt später seinen sämtlichen Enkeln am Telefon davon.

Auf der anderen Seite des Tors. Da hinten sieht man übrigens einen, der den Weg oben durch den Wald gewählt hat und sich gerade an irgendwelchem Bewuchs herunterhangelt.

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Danach sind es nur noch wenige Meter, und dann sind wir da und stehen vor dem Bassin, das tatsächlich um Längen schöner ist als das Bassin Malheur. Wenn man es sich ohne Menschen vorstellt, wäre es ein Postkartenidyll par excellence, ein Traum. Ein breiter Wasserfall, der sich über der Felswand verzweigt, daneben, wie hindrapiert, ein Baumfarn, das blaue Wasser im Becken, ein Paradies.

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Fotos ohne Menschen kann man nicht aufnehmen, egal aus welcher Perspektive oder in welchem Winkel, denn die Selfiestrategen klettern ja auch auf die höchsten Felsen und sind eben immer irgendwo im Bild.

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Schön ist es trotzdem. Und schon allein die Tauchaktion hat ja schon wieder etwas von einem gemeinsamen Abenteuer, das zusammenschweißt. Die Atmosphäre ist entspannt, alle hängen auf den Felsen ab, und es ist überraschend ruhig, was vielleicht auch damit zu tun hat, daß kräftig gekifft wird. Die meisten Anwesenden sind eindeutig Locals, was irgendwie zur Stimmung paßt. Das ist hier einfach ein Sonntagsausflug für die Anwohner, und wir Touristen sind nur Zaungäste. Wenn man mal davon absieht, daß Tonton natürlich kein Tourist ist.

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Wir lassen die Füße ins Wasser hängen und machen ein paar Fotos und ruhen uns aus, dann wandern wir langsam wieder zurück. Das Wasser im Kanal ist in der Mittagshitze sehr angenehm.

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Sobald wir wieder Richtung Straße hinaufklettern müssen, ist es dann plötzlich erstaunlich anstrengend und ich muß mehrmals anhalten. Was nicht unbedingt ein Nachteil ist, denn so sehe ich die einzige Eidechse dieser Reise. Auf früheren Reisen war ich die Anwesenheit von Geckos und ihr ständiges Geschmatze gewöhnt und es gehörte zur Tropennacht wie die laue Luft, aber dazu wohnen wir im dritten Stock vermutlich einfach zu hoch oben oder das Gebäude ist schlicht noch zu neu und muß von kleinen Tieren erst noch erobert werden.

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Das hier ist zwar kein Gecko, aber ich freue mich trotzdem ihn zu sehen und wir beobachten uns eine Weile gegenseitig, bis ich genug verschnauft habe. Am nächsten Tag habe ich tatsächlich Muskelkater. Und es soll Leute geben, die mal eben fix alle drei Wasserfälle an einem Tag machen. Naja, jedem das Seine.
Wenn du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

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Suse
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Re: RUN if you can - Advent auf Créolisch

Beitrag von Suse »

Versteckte Orte wie diese gibt es in den Schluchten der Réunion unzählige. Überhaupt ist die Insel ein Paradies für Wanderer. Die meisten teilen Ihr Interesse, vor allem bei einem ersten Besuch, aber zwischen dem Vulkan und den drei Cirques Salazie, Cilaos und Mafate auf.

Was ich an der Insel am allerallerallerliebsten mag ist aber der Teil zwischen den Cirques, dem Vulkan und den zur Westküste führenden Schluchten: Die großen Ebenen, die Plaines.

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Die Plaine des Cafres mit ihren endlosen Rinderweiden gesäumt von Feldern aus Calla, die sich hinaufzieht zur Plaine des Palmistes, bis zu dem schönsten Ort, den die Réunion für mich zu bieten hat: Dem Wald von Bélouve.

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Für meine Tante sind keine längeren Wanderungen mit Steigungen mehr machbar, aber in Bélouve findet sich auch für sie ein passender Weg. Überhaupt werden ist ein Besuch dort oben schon noch aus einem anderen Grund Pflicht, denn, wer hätte es geahnt, wohnt natürlich auch dort ein Cousin, der uns schon sehnsüchtig erwartet.

Der ältere Mann, seit dem Armeedienst an einer PTBS leidend, lebt ganz oben in der Plaine des Palmistes seit dem Tod seiner Mutter ganz allein und wird von einer Haushaltshilfe versorgt, die ihn, wie er uns erzählt, offenbar beklaut. Medikamentös eingestellt wie er ist, kann er nicht mehr Autofahren und führt ein ziemlich isoliertes Leben.

Wem das nun noch nicht genügt um trübsinnig zu werden, dem würde das Wetter wohl den Rest geben. Spätestens ab Mittag zieht hier tagein tagaus der Nebel auf und gibt den blauen Himmel höchstens minutenlang nochmals frei. Der Grund, weshalb die meisten Besucher der Plaine und ihrem Wald vermutlich nur einen Besuch auf einer Réunion-Reise abstatten und danach gründlich genug davon haben. Aber das hier ist das ideale Wetter für einen temperierten Regenwald. Ich könnte hier Tage verbringen, ohne daß es mir zuviel würde.

Seit Tagen schon sind wir mit dem Cousin verabredet, aber zwischen den zahlreichen anderen Verwandtenbesuchen, Geburtstagsvorbereitungen und Phasen mit nicht geeignetem Wetter, mußte erst der richtige Zeitpunkt für die lange Fahrt hinauf in die Plaine und in den Wald gefunden werden. Während die Reise sich dem Ende neigte, wurde ich schon ein bißchen nervös, denn Bélouve wiederzusehen, war für mich einer der Höhepunkte der Reise. Aber dann klappte es doch noch und wurde zu einem der schönsten Tage des gesamten Aufenthalts.

In die Plaine des Palmistes fährt man am besten, wenn das Wetter ohnehin nicht so gut ist, denn die Fahrt dauert lange, und bis man oben ist, ist es sowieso vorbei mit dem wolkenlosen Himmel.

Sollte man das unerwartete Glück haben, und die Sonne sich auch später am Tag nochmals durch den Nebel kämpfen, hat man besonders schönes, mildes Licht und die Landschaft sieht aus wie mit einem Weichzeichner belegt, dazu aber die Luftfeuchtigkeit einer Sauna.

Wieder müssen wir nach St. Pierre, wo wir zu Beginn der Reise Sitarane besucht haben, aber diesmal lassen wir den Ort rechts liegen und fahren nach links hinauf in die Berge.

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Irgendwann zweigt die Straße zum Vulkan nach rechts ab und ziemlich genau hier auf der nördlichen Seite des Vulkans liegen dann die Atomaren Sprengköpfe Frankreichs. Aber weder das eine noch das andere wollen wir sehen und fahren weiter hinauf.

Schon in der Plaine des Cafres ist der Nebel so dicht, daß man keine Rinder auf den Weiden mehr erkennen kann, aber Cyatheen, Baumfarne in allen Altersstufen, beginnen die Straßenränder zu säumen.

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Immer mehr werden es.

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In der Gemeinde Plaine des Palmistes selbst sammeln wir den Cousin auf und Tante und Onkel leihen sich erstmal ein paar warme Jacken. Wobei sich ganz nebenbei bestätigt, was er zuvor bereits erzählt hat: Der Kleiderschrank seiner vor ein paar Jahren verstorbenen Mutter hat sich erneut auf wundersame Weise weiter geleert. Offenbar war hier jemand der Meinung, daß die Kleidung anderswo nutzbringender wäre. Tonton wird später mit ihm sämtliche Schubladen nach eventuell fehlenden Wertgegenständen durchsuchen, aber alle Dinge von höherem Wert wie das Silberbesteck, sind noch an Ort und Stelle, und werden ab sofort weggeschlossen.

Währenddessen ziehen die Nebel über den Garten

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und gegenüber wuchert das verwilderte Grundstück mit Baumfarnen zu.

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Herrlich, am liebsten würde ich direkt losgehen und schauen, welche Ruine sich unter dem verrosteten Dach verbirgt.

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Aber wir fahren jetzt in den Wald. Der Wald von Bélouve liegt nicht so hoch wie die Cirques oder der Vulkan, sondern bildet den Übergang dazwischen auf ungefähr 1500 Metern Höhe. Die Wolken, die von den umgebenden Bergen herabsinken, tauchen ihn in permanenten Sprühnebel, ein Nebelwald, wie man ihn sich schöner nicht vorstellen kann.

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Eine Teerstraße, auf der zwei Autos knapp aneinander vorbeipassen, führt bis ans Ende, zur Gite de Bélouve, dem fast direkt an der Abbruchkante zum Cirque de Salazie liegenden Gästehaus.

Ungefähr 400 Meter vor dem Gästehaus endet die Zufahrtsstraße und ab hier muß man zu Fuß weiter. Der Weg ist nicht steil, asphaltiert und auch für Personen mit eingeschränkter Mobilität problemlos machbar. Die bekanntesten und längsten Wanderwege beginnen erst hinter dem Gästehaus, aber schon die 400 Meter lohnen sich, denn unterwegs bekommt man schon einen Eindruck von dem, was der Wald hier zu bieten hat.

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Im Gästehaus bekommt man Snacks und bei Vorbestellung auch richtige Mahlzeiten. Und während Tante, Onkel und Cousin sich ausruhen, wandere ich mal los.

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Tatsächlich haben wir einen dieser raren Tage erwischt, wo ab Mittags die Wolkensuppe wieder ein bißchen aufreißt. Die Sonne linst durch die Lücken und läßt es aussehen, als würde aus dem Tal Dampf aufsteigen.

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Und damit wäre tatsächlich auch der letzte Cirque zumindest mit einem kurzen Blick gewürdigt: Das da unten ist Salazie. Wie schön dieser Talkessel ist, kann man von hier oben natürlich nicht erkennen. Salazie ist voller Wasserfälle, die sich teilweise über die Zufahrtsstraße ergießen. Man sollte Salazie also nicht mit einem Cabrio besuchen.


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Einige der schönsten créolischen Casen stehen hier und Hell Bourg, die größte Stadt des kleinen Tals, ist genauso hübsch wie Cilaos.

Früher, als der Wald von Bélouve noch nicht unter Schutz stand, wurden von hier die Baumstämme mit einer Seilbahn ins Tal gefahren. Die Wanderer heutzutage müssen es zu Fuß hier herauf schaffen. Eine letzte Gondel steht als Museumsrelikt auf ihrer Plattform. Sich da hineinzusetzen ist ein gern genommenes Fotomotiv.

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Abgesehen von den langen Wanderwegen, die zu den Aussichtspunkten auf die Wasserfälle von Salazie führen, kann man eigentlich jeden beliebigen Pfad in den Wald hinein nehmen und wird schon nach wenigen Metern vom Nebelwald verschluckt.

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Vielleicht bieten die kleineren Wege, die keinen Endpunkt mit phantastischer Aussicht zum Ziel haben und dafür einsamer und weniger begangen sind, sogar das intensivere Erlebnis, hier in den Wald einzutauchen.

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Jemandem, dem diese Vegetation nicht so liegt, mag es wie eine grüne Hölle vorkommen. Ich liebe es und könnte mich hier ewig aufhalten.

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Hier gibt es keinen Zentimeter, der nicht von Moosen, Farnen und Gräsern bedeckt ist. Nicht nur die riesigen Baumfarne sind faszinierend, auch die Welt im Kleinen. Jeder Ast ein Wald für sich. Man kann nur schauen und staunen.

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Die anderen warten weiter unten auf der Zufahrtsstraße auf mich und sammeln mich wieder ein. Als ich aus dem Wald trete kommt es mir vor, als sei ich aus einer anderen Welt in die Zivilisation zurückgekehrt. Begegnet ist mir unterwegs kein Mensch.

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Auf dem Rückweg passieren wir im Vorbeifahren ganze Hecken von Hortensien, hier aufgrund der im Lavagestein enthaltenen Mineralien natürlicherweise blau.

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Wir setzen den Cousin zuhause ab und trinken noch einen Rum, dann müssen wir uns auf den Heimweg machen. Die Fahrt zurück nach St. Gilles ist lang, da Tonton unbedingt mit dem Uhrzeigersinn einmal an den Lavafeldern vorbeifahren will, damit er sagen kann, er habe auch in diesem Urlaub die Insel einmal umrundet. Der Abschied vom Cousin zieht sich, keiner weiß, wann wir uns das nächste Mal wiedersehen und irgendwie läßt man ihn hier nicht gern so hilflos und weitab von allen anderen zurück.

Die Fahrt zurück an die Küste gestaltet sich dann langwierig, denn wir kleben hinter einem Pottwal fest, den man auf der kurvigen Straße auch wirklich nicht überholen kann.

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Die Lkw, die das letzte geerntete Zuckerrohr ins Tal transportieren, werden aufgrund ihrer bauchigen Form „Baleine“, Walfisch, genannt. Wer es ein bißchen präziser mag, spezifiziert das dann noch als „Cachalot“, Pottwal.

Während wir die Route Nationale 2 im Uhrzeigersinn entlang durch den Süden fahren, fallen mir die Heiligen ein, deren Namen ich in der Aufzählung anfangs vergessen habe. In St. Benoit biegt der Pottwal endlich ab und wir nehmen Kurs auf St. Francois.

Die kleine Gemeinde ist vor allem aufgrund der schönen Barockkirche Ste. Anne bekannt, die vor allem Fans von Truffaut-Filmen vertraut sein dürfte, da sie im Geheimnis der falschen Braut einen Auftritt hat.

https://www.cartedelareunion.fr/listing ... ainte-anne

Für spirituell veranlagte Menschen ist aber wahrscheinlich Ste. Rose noch beeindruckender. Denn wenn man an Wunder glaubt, ist die Kirche von Ste. Rose wahrhaftig eines. Notre Dame des Laves heißt sie, Unsere Liebe Frau der Lava, und wenn man davorsteht, weiß man auch, warum.

Der Piton de la Fournaise, der mit schöner Regelmäßigkeit mindestens einmal jährlich ausbricht, vergrößert die Insel in Richtung Südosten, da die Lava immer in dieselbe Richtung fließt. Ein Grund, weshalb die Gegend hier von jeher besonders dünn besiedelt ist, aber einige wenige Gemeinden gibt es eben doch, die daher besonders gefährdet sind.

Beim Ausbruch von 1977 ergab es sich dann, daß die Lava sich vor der Kirche der Gemeinde Ste. Rose zu teilen begann und so knapp rechts und links am Eingangsportal vorbeifloß, daß man wirklich geneigt sein könnte, hier an das Eingreifen höherer Mächte zu glauben, Ob es nun Zufall oder die schützende Wirkung der Heiligenstatue neben der Kirche war, die die Jungfrau Maria mit einem Sonnenschirm in der Hand darstellt, der Anblick ist in jedem Fall erstaunlich.

https://www.france-voyage.com/frankreic ... s-2552.htm

In den kleinen Orten zwischen den Sehenswürdigkeiten trifft man in der Regel nicht viele Touristen. Die Straßen sind leer und es gibt auch nicht viel zu sehen. Wahrscheinlich gerade weil die Einheimischen hier größtenteils noch unter sich sind, finden wir hier plötzlich, wonach wir die ganze Zeit Ausschau gehalten haben.

Nein, nicht die zweite limitierte Auflage des Rums. Eine Butik Chinoise am Straßenrand, ein bißchen heruntergekommen, mit offenstehenden Türen und verblichener Werbung im Fenster. Genau das haben wir gesucht. Wir müssen jetzt sofort wissen, ob man hier noch Rum über den Tresen ausgeschenkt bekommt.

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Der Laden ist vollgerümpelt mit unfaßbarem Zeug, Charretteflaschen, deren verblichenes Etikett darauf schließen läßt, wie lange sie hier schon auf einen Käufer warten.

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Humor hat er ja. Das Schild besagt, daß Kredit nur an Hundertjährige gewährt wird, die in Begleitung ihrer Großeltern einkaufen kommen. In der Familie meines Onkels sind die Hundertjährigen tatsächlich gar nicht mal so rar gesät, von daher besteht da sogar ein gewisses Risiko…

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Der Verkäufer lacht, als wir nach dem Rum fragen. Das würde nur noch selten verlangt, aber klar haben sie das. Die Flaschen werden hervorgeholt. Keine reguläre Regalware, das ist selbst mit einer „Préparation“ aus Sirup, Früchten und Kräutern angesetzter Rumpunsch, hausgemacht und genauso lecker wie hochprozentig, so daß mehr als ein paarmal Nippen sowieso nicht drin ist.

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Es geht ja auch mehr um die Nostalgie und die Atmosphäre. Der Inhaber meint, er wisse auch nicht, wieviele von seinem Schlag es noch gebe, aber sein Laden liefe gut.

Der Abschluß des für mich schönsten Urlaubstages mit unglaublichen Eindrücken auf der Plaine des Palmistes.

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Und eigentlich auch des Urlaubs, denn viel bleibt nicht mehr zu berichten.
Wenn du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

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