Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

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Suse
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Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Suse » 11 Nov 2017 10:55

Wir befinden uns im Jahr 2017 n.Chr. Ganz Mahé ist von internationalen Hotelketten besetzt. Ganz Mahé? Nein! Ein kleines, von unbeugsamen Bretonen betriebenes Gästehaus leistet tapfer Widerstand.
Daß ich hier, an diesem verwunschenen Ort hoch in den Bergen hinter der Anse aux Pins, gelandet bin, ist das Ende einer langen Vorbereitungszeit voller Planungen und der Beginn aufregender Erlebnisse. Manche aufregender, als ich es mir gewünscht hätte.

Am Ende meines letzten Reiseberichts von 2011 hatte ich geschrieben, wir wären uns sicher, daß wir wieder zurückkehren würden auf die Seychellen. Für mich hatte sich an diesem Wunsch nichts geändert, und Mahé war mein vorrangiges Ziel. Von dieser Insel kannte ich bislang nichts außer Victoria, der Jetty und dem Flughafen, und ich war mir sicher, daß es drumherum doch so einiges geben würde, das mir gut gefallen könnte. Als sich 2016 Angebote ergaben, privat unterzukommen, auf Mahé ebenso wie auf La Digue, fragte ich mich: Wann dann, wenn nicht jetzt?

Die grobe Reiseplanung wurde erstellt, eine Woche Mahé, eine Woche La Digue, vorweg ein paar Tage Paris bei Verwandten. Entsprechende Flüge wurden gebucht. Wer konnte sagen, ob und wann ich danach nochmals auf die Inseln fliegen würde, ich konnte ja selbst kaum einschätzen, wie ich die Veränderungen dort empfinden würde. Also noch einmal das ganze Paket mitnehmen, Flying the Creole Spirit mußte es sein. Günstige Zubringerflüge ab Berlin und retour mit Air Berlin waren auch schnell gefunden, lange bevor von einer Insolvenz gesprochen wurde…

Der Umstand, daß ich bei der Ausgestaltung des Aufenthalts also auf niemandes Interessen Rücksicht nehmen mußte als auf meine eigenen, und natürlich auch ich hier im Forum und in anderen Medien vieles gelesen hatte, das mich Zweifel haben ließ, ob die Seychellen zukünftig noch ein Ort für mich sein würden, erzeugte eine seltsame Art von Leistungsdruck. Ich hatte das Gefühl, so viel wie möglich mitnehmen zu müssen, wer konnte sagen, ob einiges bei einer zukünftigen Reise, sollte es denn eine geben, noch möglich oder überhaupt besuchenswert sein würde, so rasch und grundlegend, wie die Seychellen sich aktuell gerade zu verändern scheinen. Nachdem ich Unzähliges geplant, verworfen und neu eruiert hatte, kam Chris Feares Buch heraus, ich las es, verwarf einige meiner Planungen erneut und plante dafür wiederum anderes ein. Am Ende gab es eine kleine Aufzählung von Unternehmungen und Besuchen, die absolutes Muss waren, und der Rest? Sich treiben lassen. Einfach abwarten, wie die Dinge sich entwickeln und mitnehmen, was sich ergeben würde.

Hilfreich waren bei der Planung unter anderem einige Reiseberichte im Forum, vor allem von Daywalker und Wildgartenhexe. Den Reisebericht von FotoK10-Jürgen, den ich schon mehrmals gelesen hatte, hätte ich aufmerksamer lesen sollen, rückblickend waren dort einige Informationen verborgen, die mir Ärger erspart hätten. Was die grundlegenden Verhältnisse auf den Seychellen anbetrifft, sind viele Reiseberichte doch zeitlos.

Daheim herrschte vor allem Besorgnis, spätestens als ich mich gegen das Bus- und für das Autofahren entschied. Um das Linksfahren sorgte ich selbst mich dabei weniger. Ich traute mir allerdings ohne weiteres zu, daß in engen, von Granit gesäumten Straßen, in einem Auto, mit dessen Abmessungen ich nicht vertraut wäre, an meinem Mietwagen womöglich nicht alles frei von Kratzern bleiben würde.

Der Autovermietervergleich ergab ein erschreckend dürftiges Angebot von Automatikfahrzeugen bei gleichzeitig erschreckend ungünstigen Vertragsbedingungen mit horrend hoher Selbstbeteiligung im Schadensfall, wie ich es noch in keinem anderen Land erlebt hatte. Im Oktober sind die Inseln eben voll und ich war zu spät dran mit meiner Entscheidung. Mit Automatik hatte ich so gut wie keine Erfahrung, aber zusätzlich zu allem anderen auch noch mit der linken Hand schalten? Auf gar keinen Fall! Fündig wurde ich bei Sixt, zwar schon teurer als die anderen, aber mit der Möglichkeit, den Damage Waiver auf ein Minimum von 200 Euro herabzusetzen.

Während ich also plante, bemühten sich die Fluggesellschaften nach Kräften, das Reisefieber zu schüren. Zunächst meldete sich Air Seychelles mit einer Streichung von Flugtagen. Weder in die eine noch in die andere Richtung war ich betroffen. Glück gehabt. Danach meldete Air Berlin Insolvenz an. Langstreckenflüge wurden im September eingestellt, für die Kurzstrecken gab es einen Kredit vom Bund, die Flüge sollten bis November gesichert sein. Wieder Glück gehabt. So dachte ich zumindest.

Die angebotene Unterkunft auf Mahé geriet ebenfalls ins Wanken. Die Angaben, wann das Gästezimmer fertig würde, wurden vager. Nach einigen zwischenmenschlichen Erfahrungen mit dem kreolischen und vor allem dem créolischen Gemüt im Laufe des Lebens hatte ich schon gelernt, daß schlechte Nachrichten ungern direkt ausgesprochen werden. So las ich zwischen den Zeilen die Botschaft heraus, daß ich mich vielleicht doch besser um eine Alternative bemühen sollte. Wo nun also unterkommen, ohne der abendlichen Vereinsamung als Alleinreisende anheimzufallen? Die Suche nach einer anderen Unterkunft mit einem gewissen Geselligkeitsfaktor, wie ich es aus dem Calou kannte, würde sich auf Mauritius oder der Réunion einfach gestalten, auf den Seychellen jedoch hat die Tradition des „Table d’hôte“ nie richtig Fuß gefaßt. Die Suche nach einem solchen Gästehaus hatte mich vor vielen Jahren ursprünglich auch hier ins Forum, nur leider zu keinem Ergebnis geführt, aber nach einigem Recherchieren glaubte ich, einen Sucherfolg gelandet zu haben.

So wurden Emails, Whatsapp und SMS geschrieben, Telefonate geführt und Mitbringsel in den Koffer gestopft. Es machte Spaß, war aber auch stressig und irgendwann endlich alles in trockenen Tüchern. Nicht lange vor dem Abflug stand ich auf dem abendlichen Heimweg an der Ampel und betrachtete die aufrecht stehende Mondsichel. Nur noch wenige Tage, dann würde sie halbschräg wie eine Schale auf dem Rücken liegen, während die Geckos schmatzend um die Wandbeleuchtung laufen. Und ich begann, mich wie närrisch auf die Reise zu freuen.
Mein Mann verabschiedet mich mit erneut aufkeimender Besorgnis, zu den Tücken des Straßenverkehrs hat sich nun auch noch die Bedrohung durch den Pestausbruch in Madagaskar gesellt. Vielleicht aber auch mit einer winzigen Portion Neid: Vor wenigen Wochen wurde die erste öffentliche Slot Car Rennanlage auf den Seychellen eröffnet…

http://www.seychellesnewsagency.com/art ... Seychelles

In Frankreich angekommen, wo, ähnlich wie in Deutschland, der Chantallismus seit einigen Jahren durch die zunehmende Verwendung alter Vornamen abgelöst wird, stoßen meine Seychellenpläne auf Begeisterung, als ich erzähle, auf Mahé bei einem Mann namens Erwan zu wohnen. Erwan ist ein traditioneller bretonischer Vorname und einer der Enkel meines Onkels, noch ein kleiner Junge, wurde so getauft. Wieso denn ein Bretone auf den Seychellen ein Gästehaus betreibe, und was ich denn dort zu essen bekommen würde? Ob der denn dann überhaupt kreolisch kochen könne? Das weiß ich, ehrlich gesagt, zu dem Zeitpunkt selbst nicht so genau. Das Gästehaus ist ein kleines bißchen wie eine Wundertüte. Manchmal ist es ja gut, vorab nicht zu viel zu wissen und keine spezifischen Erwartungen zu haben.


Die Wetteraussichten sind schon mal schön!

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Das Wiedersehen mit Air Seychelles wird genau aus diesem Grund nämlich zu einer Enttäuschung. Abgesehen von den miesepetrigen Stewardessen auf meinem ersten Flug mit dieser Gesellschaft, hatte ich vieles in schöner, vielleicht etwas idealisierter Erinnerung behalten. Gutes Essen, ein kleines Fläschchen Takamaka dazu, dann diese liebevoll von einem einheimischen Künstler gestalteten Papiersets auf den Tabletts, die von mir umgehend eingesteckt und später zur Verschönerung der Umschlagseiten des Fotoalbums verwendet wurden.

Die Maschine ist, wie beim letzten Mal, die Vallée de Mai. Diesen Namenszug am Bug fand ich immer schon schön, es strahlt so viel Exotik aus und auch viel Stolz auf das eigene Land. Erinnert aber auch daran, daß es sich immer noch um die gleiche Maschine handelt, mit der man vor 10 Jahren schon geflogen ist…

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Wenn es bei der sterbenden Air Berlin vor ein paar Tagen zum Abschied schon kein Schokoherz mehr gab, so gibt es hier inzwischen keinen Takamaka mehr, keine liebevoll mit Aquarellmalereien gestalteten Platzsets und vor allem: Keine Heizung. Die Innentemperatur entspricht gefühlt der draußen vor dem Fenster in zehntausend Meter Höhe. Die Maschine ist halb leer, so daß alle Passagiere, die ich von meinem Platz aus sehen kann, sich von den freien Plätzen rechts und links die ungenutzten Kissen und Decken nehmen.

Der CDG bleibt unter uns zurück:

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Am nächsten Morgen betrachte ich unter zwei Decken bibbernd, wie unter uns North und Silhouette vorbeiziehen,

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dann die große Schleife, die der Pilot über dem St. Anne Marine Park dreht.

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Schließlich reihe ich mich ein in die lange Reihe der Passagiere, die mit graugrünen Gesichtern und steif gefroren wie Walking Dead-Statisten nach draußen stakst, und die schwüle Hitze trifft mich wie ein Schlag.


Das lange Anstehen bei der Border Control ist ein echter Kreislaufkiller nach zehn Stunden in dem fliegenden Gefrierschrank namens Vallée de Mai. Warum das nicht voran geht, wird irgendwann klar, als eine Zettel verteilende Person auftaucht. Einige der Mitreisenden murren, sie hätten im Flugzeug bereits die Einfuhrerklärungen ausgefüllt. Nein, wird ausweichend geantwortet, hierbei handele es sich um etwas anderes, das zusätzlich auszufüllen sei. Viele scheinen um die Pest-Problematik nicht zu wissen, die Fragen werden um mich herum halblaut vorgelesen und aufgeregt und verwirrt kommentiert. Während wir mühselig in der Schlange stehend unsere Angaben hinkrakeln und dabei mangels Schreibunterlage mit dem Kugelschreiber Löcher in den Fragebogen pieken, baut sich hinter einem Tresen eine kleine Schar von medizinischem Personal auf und rückt jedem Einreisenden mit einem Infrarotthermometer zu Leibe. Bei manchen werden Lymphknoten abgetastet, ein Paar wird aus dem Raum geführt. Ich vermute, dass es sich dabei um diejenigen handelt, die auf dem Fragebogen ehrliche Angaben zu Halskratzen und Schwächegefühl gemacht haben. Vielleicht hat ja tatsächlich auch jemand aus einem anderen Grund zufällig Fieber. Wenn ich auch genervt bin von der langen Ansteherei, finde ich die Aktion dennoch richtig. Mit der Pest ist nicht zu spaßen, das ist eine andere Hausnummer als Dengue. Meine Temperatur ist in Ordnung, ich darf ohne weiteres einreisen und bekomme einen Schalter weiter meinen Coco Fesses-Stempel in den Paß. Ich bin da.
Wenn Du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

Cherry
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Cherry » 11 Nov 2017 12:06

Hach, schön! Bin schon ganz gespannt auf Deine ganzen Erlebnisse und Eindrücke. :D

LG Cherry

Klara
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Klara » 11 Nov 2017 12:10

oh ja, Danke, bitte, bitte mehr.
LG
Klara

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Suse
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Suse » 11 Nov 2017 20:15

Meinen Mietwagen kann ich erst in 3 Stunden in Empfang nehmen. Mir ist das aber gar nicht so unrecht, so kann ich mich aufwärmen und etwas essen und in den Buchladen gehen. Viele der Bücher, die man von außerhalb der Seychellen nur schwierig beschaffen kann, haben sie auch hier im Antigone Bookshop nicht, die Mitarbeiterin verspricht mir aber, in der Zweigstelle in Victoria wären sie dann vorrätig.

Ein bißchen W-Lan genutzt, etwas getrunken, Rupien getauscht, ein Stück Pizza gegessen. Zeit totschlagen. Ich setze mich draußen auf den überdachten Warteplatz zu den Taxifahrern. Bald werde ich zum ersten Mal links fahren, da kann ich mich schon einmal mit den Örtlichkeiten vertraut machen, um mir die ersten Minuten zu erleichtern. Ich muß von hier aus zur Anse aux Pins, das macht es einfach, ich kann vom Flughafengelände einfach links abbiegen und bin auf der Küstenstraße Richtung Süden. Das dürfte ja wohl nicht so schwierig sein.

Ein bißchen eher als vorgesehen zerre ich meinen Koffer schließlich zum Sixt-Schalter. Der Wagen ist ein ziemlich neuer goldbrauner Kia Picanto, so wie sie zu hunderten auf der Insel herumfahren, und wird mir mit leerem Tank übergeben. Das sei doch gut, vorteilsübersetzt mir der Sixt-Mitarbeiter fleißig, ich könne ihn dann auch leer zurückgeben und müsse am Abreisetag nicht nochmal tanken. Die Tankstelle gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite, so für 300-400 Rupien, das brächte mich eine Woche über die ganze Insel. Mein schöner Plan des eleganten Linksabbiegens löst sich gerade in Luft auf. Na ganz toll. Jetzt muß ich also erst rechts raus, dann gleich wieder links aufs Tankstellengelände und von dort, darf man da überhaupt rechts abbiegen, um wieder auf die Küstenstraße gen Süden zu kommen? Ich hatte eigentlich nicht vor, hier gleich in den ersten fünf Minuten mein Linksfahrerabitur zu machen.

Während ich mich auf dem rechten Fahrersitz einrichte, entwerfe ich in Gedanken ein finsteres Racheszenario. Wäre das mein eigenes Auto und ich hier zuhause und mir die Entfernungen und der Benzinverbrauch vertraut, würde ich denen den Wagen so leer zurückbringen, daß die damit nicht mehr vom Flughafengelände herunterkämen, ohne vorher mit dem Ersatzkanister zur Tankstelle rüberlatschen zu müssen. Aber so, wie es ist, ist klar, daß ich den Wagen, so wie vermutlich alle anderen Touristen auch, mit viel mehr Sprit zurückbringen werde, als bei Entgegennahme im Tank war.

Hochkonzentriert fahre ich los und – es geht überraschend gut. Tanken erfolgt hier mit Full Service, die Tankwartin ist eine ältere Seychelloise, deren Dienstleistungsmentalität auch unter idealen Bedingungen noch ausbaufähig wäre. Als ich den Knopf, mit dem der Tankdeckel entriegelt wird, nicht sofort finde, ballt sich das Gesicht endgültig zur Faust. Ach, mir hatte doch schon fast etwas gefehlt!

Auf geht’s zur Anse aux Pins. Ich blinke ein paarmal mit dem Scheibenwischer, ansonsten geht es prima voran. Schließlich kommt der Golfplatz, das Zeichen, daß ich hier rechts abbiegen muß.

Eigentlich ganz schön, so ein Golfplatz unter Palmen. Hier golfen übrigens viele Einheimische, aber das ist ja auch nicht das Lemura hier:

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Und nun hinein in die Berge. Meine Unterkunft verspricht eine abenteuerliche Anfahrt, von der manche Menschen so beeindruckt waren, daß sie davon youtube-Videos gedreht haben oder zu dem Schluß kamen, daß diese Straße eigentlich nur mit einem allradgetriebenen Fahrzeug zu bewältigen sei.

All das habe ich wohl im Hinterkopf, als ich mich den steileren Passagen nähere. Das schafft der kleine Wagen nur mit Schwung, denke ich, wähle eine niedrigere Schaltstufe und gebe Gas. Die Idee war jetzt weniger schlau, von dem heftigen Licht- und Schattenspiel in der grellen Mittagssonne geblendet nehme ich, ohne es zu sehen, irgendein Hindernis mit, das man besser mit langsamerem Tempo überrollt hätte. Außerdem bin ich falsch abgebogen.

Zwei Männer weisen mir die richtige Richtung und mich darauf hin, daß ich ja wohl vorhin irgendwo aufgesetzt hätte, das hätte man gehört. Ja, danke sehr, das unschöne Geräusch ist mir auch nicht entgangen. Verschämt schleiche ich den Hang wieder hinunter und nehme die richtige Abzweigung. Da oben liegt es also, aber zuvor ist ein Hang zu bewältigen, der alle bisher dagewesenen Steigungen in den Schatten stellt, der Weg zum Bellevue ist ein Witz dagegen. Nicht nochmal so eine Nummer wie eben. Ich entschließe mich, mehr Vertrauen in das Automatikgetriebe zu haben und fahre den Hang langsamer an. Und siehe da, der kleine Picanto schaltet zögerlich und muß anfangs etwas kämpfen, aber er schaltet. So kommen wir zunächst ohne weitere Vorfälle nach oben. Und dann habe ich es gefunden: Das Triskell.

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Benannt nach dem keltischen Symbol, der Triskele, verbirgt sich das wuchtige runde Gebäude hinter üppigem Aufwuchs und wirkt wie ein Dornröschenschloß aus dem Märchen. In Wirklichkeit ist es noch beeindruckender als auf allen Fotos.
Ich stelle den Wagen ab, bestaune für einen Moment die Umgebung, atme tief durch, und stelle mich dann den Realitäten. Die linke Radkappe ist verbogen, der Radkasten hat vom Aufsetzen ein paar häßliche Kratzer und der Reifen ist platt. Ich bin gerade mal angekommen und habe schon das Auto kaputt gemacht. Ich hatte es kommen sehen.

Als ich wieder hochschaue, steht ein kleiner Junge da und beobachtet mich. So klein ist er gar nicht, wie sich später herausstellt, sondern schon 12, wirkt aber jünger. Die Mutter sei kurz unterwegs, er sei da, um mich in Empfang zu nehmen. Ganz ernst teilt er mir das mit, ein bißchen aufgeregt ist er wohl auch, daß er hier für einen Moment als Repräsentant des Gästehauses unterwegs ist. Und dann schnappt sich das Kind meinen 23 Kilo-Koffer und trägt ihn ins Haus. Das versuche ich zu verhindern, er läßt es nicht zu, nach kurzem Gerangel lasse ich ihn gewähren, das geht jetzt hier vermutlich um seine Ehre. Er schafft es tatsächlich, das Trumm 4 Treppen nach oben zu wuchten und zeigt mir mein Zimmer. Die Räume sind nach Inseln vor der Atlantikküste benannt, meines nach der Ile aux Moines.

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Hübsch ist es, nett dekoriert mit den üblichen Hibiskusblüten, an die etwas grobe Wischtechnik, in der die Wände gestrichen sind, wird mein innerer Monk sich erst noch gewöhnen müssen. Aber es hat den Gartenblick. Damit bin ich sehr einverstanden, der Garten ist wunderschön.

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Bevor ich mich entspannen kann, heißt es, Sixt anzurufen. Ich melde den platten Reifen, ein Mitarbeiter kommt auch recht bald und wechselt ihn. Na, den Schaden vorn links würde ich aber bezahlen müssen, sagt er. Ich beglückwünsche mich innerlich zu meinen auf 200 Euro herabgesetzten Damage Waiver.

Nach dem Reifenwechseln schaut er sich alle vier Reifen nochmals gründlich an und zaubert eine Pumpe hervor. Das Aufpumpen dauert reichlich lange, mag an der Pumpe liegen, dennoch ist nicht zu übersehen, daß der Reifendruck wohl auch nicht so wirklich in Ordnung war. So richtig neu wirken die Reifen auf mich ebenfalls nicht, nicht, daß ich davon Ahnung hätte, aber gemessen am neuwertigen Zustand des Wagens wirken sie deutlich älter. Mehr, als mit der Fußspitze gegen die Reifen zu treten, wie Männer das manchmal tun, wenn sie ein Auto begutachten, fiele mir aber jetzt auch nicht ein, um kompetent zu wirken. Also lasse ich das auf sich beruhen.

Ich packe meinen Koffer aus und lasse die Umgebung langsam auf mich wirken. Erstmal ein bißchen ausruhen und sammeln und dann werde ich mich an die Getränkebeschaffung machen müssen, daran habe ich bei der Anreise überhaupt nicht mehr gedacht. Also wieder den Hang hinunter, ganz langsam taste ich mich herab, denn überall ragen Wasserrohre und andere Leitungen sowie Granitbrocken auf den Fahrweg. Hoffentlich halten die Bremsen das eine Woche lang aus, das ist ja wie Geländefahren, bloß ohne Landrover. Aber irgendwie auch witzig. Die Umgebung ist wildromantisch, abgesehen von einigen Gästehäusern, das bekannteste ist wohl das Albizia gleich nebenan, wohnen hier nur Einheimische. Entsprechend viel Müll liegt in den Gräben, mein erster Eindruck dann auch gleich dieser:

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Ich biege wieder fröhlich mit dem Scheibenwischer blinkend auf die Küstenstraße ein und suche mir einen Minimarkt. Der Inder hinter der Kasse hat alles da, es gibt auch neue Seypearl-Sorten. Bitter Lemon wird in den kommenden Tagen mein treuer Freund und Begleiter werden. Den Rucksack bis obenhin vollgestopft und zusätzlich mit mehreren Tragetaschen aus umweltverträglichem Fasermaterial, die die gemeine Plastiktüte auf den Inseln abgelöst haben, geht es zurück in die Berge. Diesmal bin ich schon entspannter und kann auch auf dem Weg liegende Hindernisse wie herausragende Wasserleitungen oder gemauerte Auffahrtsrampen angrenzender Grundstücke erkennen und umfahren.

Inzwischen ist Natasha, die eindeutig kreolische Hausherrin eingetroffen, entschuldigt sich für ihre Abwesenheit bei meiner Ankunft, aber man habe ja nicht gewußt, wann ich eintreffe. Ob Benjamin sich denn gut um mich gekümmert habe. Selbstverständlich lobe ich ihn in den höchsten Tönen, insbesondere die erstaunliche Leistung des Koffertragens. Davon hat er sich inzwischen offensichtlich schon gut erholt, der Junge ist ständig in Bewegung, der geborene Tänzer; während seine Mutter und ich uns unterhalten, moonwalkt er um uns herum.

Natasha zeigt mir die Einrichtungen und fordert mich auf, mich wie zuhause zu fühlen. Ich sei aktuell der einzige Gast und ich werde doch mit der Familie essen? Genau so war der Plan. Eigentlich habe sie vorgehabt, als Willkommensessen ein Oktopuscurry für mich zu machen, aber da sie nicht gewußt habe, ob ich Allergien hätte, habe sie sich für neutrales Hähnchen entschieden. Darüber bin ich nicht im Geringsten traurig und hoffe, das kreolisch genug ausgedrückt zu haben, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen und dennoch zugleich zu verhindern, daß die Idee nochmals aufkommt. Ich möchte nichts essen, das Saugnäpfe hat. Schauder. Aber es steht nunmehr fest, daß man hier kreolisch kochen kann und ich nicht die ganze Woche Galettes essen muß.
Als kleines Gastgeschenk für den fern der Heimat gestrandeten Bretonen Erwan, den ich nun beim Essen kennenzulernen erwarte, habe ich zwei kleine Flaschen bretonischen Bieres dabei, die mir in Frankreich gerade passend über den Weg gelaufen waren. Mit diesen Bierflaschen stehe ich dann wenige Minuten später im Wohnzimmer

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reichlich dämlich da, als ich erfahre, daß der Erbauer des Triskell, eben jener Erwan, das Gästehaus vor kurzem aufgegeben und sich zur Ruhe gesetzt hat. Natasha und ihr Mann, der den stolzen Namen Charlemagne trägt, haben es von ihm übernommen und betreiben es unter gleichem Namen weiter. Bretonen gibt es hier keine mehr, lediglich ihre Spuren auf Türen, Fußboden und Wänden.

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Mein bretonisches Bier wird aber dennoch gern entgegengenommen. Es gibt Hähnchen und Kartoffeln, Natasha hat versucht, ein deutsches Essen zu machen. Die Kartoffeln stammen aus Kenia, mit der kleinen Petersiliendeko obendrauf bräuchten sie sich auch neben einer Portion Nienburger Stangenspargel nicht zu verstecken. Das Essen ist köstlich.

Natasha ist eine kreolische Matriarchin par excellence. Benjamin ist das jüngste ihrer vier Kinder, das Nesthäkchen und als einziger noch im Haus. Der sehr wohlerzogene Junge bittet mich, als Gast des Hauses, um Erlaubnis, vom Tisch aufstehen zu dürfen, und räumt dann fleißig ab, während ich von meiner Anreise erzähle.

Diese Art der Unterbringung zu wählen, birgt natürlich gewisse Risiken. Wenn die Chemie zwischen Gastgeber und Gast nicht stimmt, hat man unschöne Abende, aber hier habe ich keine derartigen Befürchtungen. Die Leute sind mehr als sympathisch, interessante Gesprächspartner und selbst offensichtlich an ihren Gästen mehr als nur geschäftsmässig interessiert. Ich fühle mich sehr wohl hier.

Am nächsten Morgen bin ich um fünf Uhr wach und erlebe den Sonnenaufgang auf meiner Terrasse. In dem Moment, in dem man die Terrassentür aufschiebt, ist man eingehüllt in den Duft des Frangipanibaumes unterhalb meines Sitzplatzes. Es ist, wie mitten im Maital zu wohnen, die üppige Vegetation läßt zwar nur einen minimalen Blick auf die Anse aux Pins zu, aber dafür wimmelt es hier vor Vögeln. Ich bin eigentlich nicht wirklich ornithologisch bewandert, Vögel unterteile ich der Einfachheit halber zumeist in kleine und große Geier. Kleine Geier vermeine ich hier als Seychellenfodys oder eventuell Sunbirds zu identifizieren, leicht zu erkennen sind Bülbüls und Tropicbirds.

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Hoch oben Flughunde, aber dazu muß ich schon den Kopf in den Nacken legen. Über meinem Kopf baumelt ein verlassenes Webervogelnest.

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Auf dem Terrassengeländer tummeln sich Skinke,

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der Pegel der Dschungelgeräusche ist enorm. Wie schön es hier ist. Eigentlich könnte ich eine Woche lang hier so sitzen bleiben und Seypearl Ginger Ale mit braunem Takamaka trinken. Aber da draußen wartet Mahé.
Zuletzt geändert von Suse am 12 Nov 2017 08:56, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von SeyShelley » 12 Nov 2017 06:43

Hallo Suse,

du kannst wirklich außergewöhnlich gut schreiben, es ist tatsächlich immer ein Genuss, deine Reiseberichte zu lesen. Schade, dass der Flug so unangenehm war, aber die Beschreibung von an Walking-Dead-Zombies erinnernden Fluggästen, die auf die tropische Hitze prallen, ist dafür um so lustiger!

Du hast ja eine herrliche Unterkunft gehabt! Bin gespannt, wie es weiter geht!

LG SeyShelley
*Mein kleines eBook auf Amazon: Reisetagebuch: 2 Wochen La Digue (Seychellen) 2012 - unsere Reise mit unserem fast 2-jährigen Sohn* :)

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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Suse » 12 Nov 2017 08:41

Ich bin gerade ausgeschimpft worden, ich zeige zu wenige Fotos. Ich pflanze nochmal ein paar nach. :wink:
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Suse » 12 Nov 2017 09:19

Das Frühstück gibt es auf der Hauptterrasse, da ist die Familie dann schon unterwegs. Allein bin ich auch hierbei allerdings meist nicht wirklich:

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Das Angebot ist auch hier, wie ortsüblich, französisch karg. Es gibt etwas Toast mit Marmelade, dazu einen Obstteller. Alles gar nicht meins, wobei der Obstteller schlimmer ist, als die Marmelade. Ich mag eigentlich keine Zitrusfrüchte, schon vom Anblick der Ananas und Grapefruits bekomme ich Sodbrennen und esse das nur, weil ich nicht unhöflich erscheinen möchte. Das Beste sind die Mangos, Papayas und süßen Bananen, die verputze ich mit Vergnügen und tatsächlich macht das alles in allem auch so satt, daß ich an den meisten Tagen bis zum Abendessen nichts weiter essen muß.

Mein erster Tag soll mich in den Süden führen, zuallererst in die Galerie von Michael Adams, und dann vielleicht ein bißchen die Füße vertreten auf dem angeblich leicht zu erwandernden Vacoa Trail.
Ich halte mich fein säuberlich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometern, die sogar auf meinem Mietwagenvertrag fett gedruckt vermerkt ist.

Am Straßenrand erhasche ich manchmal aus dem Augenwinkel Blicke auf schöne Häuser, am Village Artisanal entdecke ich das Schild gerade noch rechtzeitig, um abbiegen zu können. Viele der Boutiquen sind heute am Samstag nicht geöffnet, aber mich interessiert das Pflanzerhaus auch viel mehr. Die kreolischen Herrenhäuser an der Ostküste Mahés sind die ältesten der Seychellen, von hier aus begann die Besiedelung der Inseln.

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Dieses ist weiß getüncht und als Museum geöffnet, man kann es ohne Eintritt zu zahlen besuchen.

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Innen Mobiliar aus alter Kolonialzeit, ich mag den schlichten Anblick der dunklen Tropenhölzer vor den hellen Wänden sehr gern.

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Niemand außer mir ist hier und als ich auf einer Anrichte einen kleinen Band „Blütenpflanzen und Farne der Seychellen“ in einer Ausgabe aus den sechziger Jahren entdecke, bin ich in Versuchung, das zu nehmen und aufzublättern.

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Damals also gab es bereits Bücher über die Farne der Seychellen, etwas, das man heute vergeblich sucht. Es gibt kaum wirkliche Farnexperten, den bekanntesten, Victorin Laboudallon, habe ich vor der Reise vergeblich auf verschiedenen Wegen zu kontaktieren versucht, um möglichst eine geführte Wanderung mit ihm machen zu können. Eine Antwort habe ich leider nicht bekommen, damit hatte ich allerdings auch gerechnet, da hier im Forum vor Jahren bereits ähnliche Erfahrungen berichtet wurden. So habe ich mich, soweit das ohne weiterführende botanische Kenntnisse als interessierter Laie eben möglich ist, allein vorbereitet; daß es ein solches Buch, wie das, vor dem ich hier stehe, bereits vor 60 Jahren gegeben hat, war mir aber neu. Trotzdem lasse ich es brav in seiner Halterung stecken. In der Situation, in einem Museum ohne groß nachzudenken ein Ausstellungsstück anzufummeln und nur knapp der Entdeckung zu entgehen, habe ich auf den Seychellen vor ein paar Jahren schon einmal gesteckt.

Ich passiere die Anse aux Pins, die Anse Royale und schließlich Pointe au Sel. Je weiter ich in den Süden vordringe, desto weniger andere Fahrzeuge kommen mir entgegen, auch vor und hinter mir ist niemand, ich bin ganz allein. Vorbei geht es an Stränden, die ich nicht namentlich identifizieren kann, ohnehin entgeht mir das meiste, das Fahren erfordert schon noch die volle Konzentration, und ohne Beifahrer gibt es auch niemanden, der Fotos machen könnte. So passiere ich später kurz vor der Anse Boileau den Pig Rock und ärgere mich, denn auf diese Granitformation war ich vorab durch eine bis vor kurzem in dieser Gegend lebende Bekannte aufmerksam gemacht worden. Nun fahre ich an dem wie eine Schweineschnauze geformten Felsen vorbei, ohne die Möglichkeit, ein Foto zu machen. Der Felsen liegt hinter einer Haarnadelkurve ohne Möglichkeit zum Anhalten. Überhaupt ist das ein Problem, das mit dem Anhalten. Die parallel zur Straße verlaufenen Abwassergräben ohne Abdeckung sowie fehlenden Fußwege machen ein spontanes Anhalten kaum möglich, meist muß man erst länger eine geeignete Stelle suchen, an der der abgestellte Wagen dann niemanden behindert, bis man eine solche gefunden hat, ist einem die Lust, sich den Fußweg zum Objekt des Interesses anzutun, aber oft schon erloschen. Manche umgehen das, indem sie sich einfach dort, wo es gerade etwas zu Schauen gibt, mit Warnblinker hinstellen. Vielleicht bin ich einfach nicht dreist genug.

Als ich die Galerie von Michael Adams an der Anse aux Poules Bleues erreiche, gibt es auch dort zunächst keine auf Anhieb erkennbaren Parkmöglichkeiten, die Einfahrt zur Galerie ist bereits mit mehreren Wagen belegt. Ich fahre bis zum Inderladen in der nächsten Kurve und stelle den Wagen dort ab und gehe zu Fuß zurück, es sind hier nur ein paar Meter. Die Galerie ist tatsächlich geöffnet. Der Meister selbst gerade im Verkaufsgespräch mit zwei Kunden, die ein größeres Gemälde ausgewählt haben. Seine Tochter begrüßt mich und fordert mich auf, mich nur in Ruhe umzusehen.

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Die Galerie ist von außen eine klassische weiße kreolische Holzcase, von innen eine Farbexplosion.

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Die Wände dicht an dicht mit Werken von Vater, Tochter und Sohn behängt, überall liegen aufwändig verzierte Fotoalben verschiedener Jahrgänge, Kolonialmöbel, Kinder, Hunde, Katzen, sich drehende Ventilatoren, eine bronzenes Palmblatt (eindeutig eine Tom Bowers-Skulptur), Korallen, Muscheln, Coco fesses, Postkarten, aber nichts davon wirkt wie stylish inszenierte Dekoartikel, es herrscht kreatives Chaos, Erinnerungsstücke und Persönliches aus vielen Jahrzehnten künstlerischen Schaffens, die Dinge liegen herum und fordern zum Anfassen auf, die Atmosphäre ist so schön, wie ich sie mir vorgestellt hatte, genau deshalb bin ich hierher gekommen, nicht so sehr, um ein Bild zu kaufen.

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Was mich schon seit längerem interessiert, ist hingegen eines von Michael Adams‘ Büchern, Island Souls, eine Sammlung von Portraitzeichnungen von Seychellois und Expats. Mangels Größenvergleich hielt ich das Buch für etwas Taschenbuchformatähnliches, in Wirklichkeit ist es ein großer Bildband, enorm schwer und dick und auch sehr teuer, 1500 Rupees möchte man dafür haben. Ich ringe heftig mit mir, blättere vor und zurück, mache ein Foto.

Kantilal:

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Mrs. Adams lächelt mich an, vermutlich kann man mir den inneren Kampf am Gesicht ablesen. Falls es nicht mehr in den Koffer paßt, könne ich es ja auch ins Handgepäck nehmen, sagt sie verschmitzt. Ja, schon, aber 1500 Rupien, und überhaupt, der heimische Haushalt ist mit Bildbänden verschiedenster Couleur, darunter nicht wenige über die Seychellen, bereits gut bestückt, und mal ehrlich, wie oft guckt man sich das denn nachher noch an, wenn da wenigstens Leute drin abgebildet wären, die man kennt, aber so, und trotzdem, schön ist das wirklich, und die Texte auch so nett und überhaupt, jetzt, wo ich schon mal hier bin, da könnte ich es mir von ihm signieren lassen, aber trotzdem sind 1500 Rupien ganz schön viel, allerdings, wenn ich mir dann vielleicht weniger Takamaka kaufen würde, dafür aber ich habe auch noch so teure Ausflüge vor und schwer ist es auch. Kurz bevor ich durchdrehe, kaufe ich mir zur Erinnerung an diesen Besuch zwei sehr schöne Postkarten für jeweils 25 Rupien, die allerdings später zur Ergänzung des Fotoalbums gedacht sind.

Ich fahre weiter, passiere die Anse Boileau mit dem bereits erwähnten Pig Rock, dann die Anse Barbarons und erkenne im Vorbeifahren den Reitstall der Turquoise Horse Trails. Ein Appaloosa döst im Schatten, es sieht alles sehr gepflegt aus. Gegenüber das Centre of Biodiversity, ich gehe vom Gas und versuche, zu erkennen, was das ist, halte es aber fälschlich für eine wissenschaftliche Forschungseinrichtung, die nichts mit dem Tourismus zu tun habe. Kurz nach meiner Rückkehr werde ich einen Zeitungsartikel lesen, in dem die Einrichtung ihren Besuchermangel beklagt und die Ursache selbstkritisch darin sieht, daß nicht genügend Werbung gemacht würde und selbst unter den Einheimischen wenige von der Einrichtung wüßten. Das hätte mich schon interessiert, schade. Für mich kam dieser Hinweis leider zu spät, daher als Tip für alle Botanikinteressierten:

https://www.facebook.com/todayinsey/pos ... 6882547117
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Suse » 12 Nov 2017 10:11

Weit kann es ja jetzt nicht mehr sein, bis ich das Ende dieses Teils der Küstenstraße erreicht habe, dann werde ich umdrehen und den Vacoa Trail suchen.

An Port Launay bin ich, ehe ich es wirklich realisiere, in die Straße zur Baie Ternay eingebogen. Das wollte ich eigentlich gar nicht, aber wo ich jetzt schon mal hier bin…

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Wenig später bereue ich es, hier hineingefahren zu sein. Die Straße wird nach und nach derartig schmal, an manchen Stellen führt sie dermassen eng an der Abbruchkante entlang, daß mir jetzt schon ganz übel wird bei der Vorstellung, es könnte Gegenverkehr kommen. Ab und zu gibt es kleine Ausweichstellen, aber die sind so weit voneinander entfernt, daß man mehr als nur ein paar Meter zurücksetzen müßte, damit hier noch zwei Wagen aneinander vorbeipassen. Nicht wissend, wie lang die Straße noch ist, halte ich an der nächsten Ausweichstelle an und stelle den Wagen dort ab, wo er niemanden behindert, und so, daß trotzdem noch ein zweiter Wagen hier ausweichen könnte. Dann gehe ich zu Fuß weiter.

An der Petition gegen die Bebauung gegen die Baie Ternay habe ich mich seinerzeit auch beteiligt, daher weiß ich ein wenig über die Örtlichkeiten hier. Die Ruinen des National Youth Service aus sozialistischer Zeit tauchen dann auch bald hinter dem Schlagbaum auf. Hier gibt es sogar noch eine Art kleinen Parkplatz, aber ich bin schon froh, nachher nur die halbe Strecke mit dem Auto zurück zu müssen.

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Ich stromere ein wenig zwischen den Ruinen herum, die die Natur schon weitgehend zurückerobert hat.

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Die Anlage scheint sehr groß gewesen zu sein, auch eine Kirche gab es.

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Außer mir ist hier kein Mensch. Auf einer Wiese grast angepflockt ein einsamer Ochse.

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Die Baie Ternay selbst ist wunderschön, ich kann schon verstehen, daß man hier ein Hotel geplant hatte. Die Bucht muß ideal zum Baden sein, das Wasser ist glatt wie ein Spiegel, am Ufer sogar eine der heiß begehrten schrägstehenden Palmen, die vermutlich auch ohne einen Hotelbau nicht lange überleben wird, so gern wie nicht nur Touristen sich daraufsetzen und darauf herumklettern, was die Lebensdauer der Palme meist erheblich verkürzt.

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Hier am Wasser ist es nämlich keineswegs einsam. Ein Tauchboot liegt gerade im flachen Wasser, es werden Anweisungen gerufen, man übt wohl gerade. Da Samstag ist, sind einige Einheimische am Strand und bereiten ihr Picknick vor, und auch ein paar Touristen halten sich hier auf. Ich gehe bis zu den Knien ins Wasser, kleine Fischschwärme umflitzen meine Füße. So schön es ist, gelingt es mir nicht, die Unruhe abzulegen. Mich gruselt diese Rückfahrt. Definitiv schaffe ich das nicht, auf so einer schmalen Straße so präzise eine längere Strecke zurückzusetzen. Was werde ich also machen, wenn mir ein Auto entgegenkommt. Ich entscheide mich für einen hilflosen Eindruck.

Und weil Karma ja ein weiblicher Hund ist, gibt es mir postwendend Gelegenheit zu einem kleinen Selbsterfahrungstrip. Kaum, daß ich mein Auto an der Ausweichstelle gewendet und bis zur nächsten Kurve zurückgefahren bin, schickt es mir ein Großraumtaxi, das ohnehin schon zu breit für diese Straße ist. Vor mir kämpft sich bereits ein anderer Kleinwagen zentimeterweise an dem Vehikel vorbei, in dem ein grimmig dreinschauender Seychellois mit chinesischen Touristen sitzt. Der Wagen vor mir hat es irgendwann geschafft, nun versuche ich mein Glück. Semper prorsum nunquam retrorsum lautet hier die Devise, komme was da wolle, ich fahre nicht rückwärts, hier, wo es nur Zentimeter neben meinen rechten Reifen steil abwärts geht. Leider ist mein Wagen wohl breiter als der des Glücklichen vor mir, bei mir streift der Außenspiegel den weißen Lack des Taxis. Der Fahrer kommt herausgesprungen und klappt ihn ein, da hätte ich auch mal selbst drauf kommen können! So geht es gerade so. Ich fahre das Fenster herunter und frage, ob etwas sei. Ja, da seien jetzt Spuren auf dem Lack und ich solle mal aussteigen, um mir das anzuschauen. Naja, wenn man genau hinschaut, sieht man sie schon auch so, und daß ich hier aussteige, das kann er ja wohl mal gepflegt vergessen, wie auch? Ich zeige ihm meinen Mietvertrag von Sixt und fordere ihn auf, das zu melden, damit ist er dann einverstanden. Meine 200 Euro Selbstbeteiligung werde ich in diesem Urlaub wohl noch richtig ausnutzen. Fazit: Hilflosen Eindruck machen kann ich.

Weitere Autos begegnen mir nicht, so daß ich es zurück auf die Hauptstraße schaffe, ohne weitere Schäden an meinem oder anderen Autos anzurichten. Jetzt gilt es, einen Platz zu suchen, von dem aus ich Sixt anrufen kann, aber da Sonntag ist und überall Seychellois ihre Picknicks abhalten, ist das gar nicht so einfach, denn überall in Port Launay stehen Autos. Ich fahre langsam weiter, das linke Autofenster ist noch von dem Gespräch mit dem Taxifahrer heruntergelassen, als ein vertrautes Geräusch zu mir hereindringt. Flapflapflap macht es. Endlich taucht ein Rasenstück am Straßenrand auf, auf dem ich den Wagen abstellen kann, und steige aus. Der linke Vorderreifen ist schon wieder platt.

Wieso das jetzt so ist, erschließt sich mir überhaupt nicht. Aber nutzt ja nichts, ich rufe Sixt an, kündige den Anruf des Taxifahrers an und melde den erneuten platten Reifen. Der Mitarbeiter nimmt alles mit stoischem Gleichmut entgegen und verspricht, mir bald einen Mechaniker zu senden, aber es sei ja Samstag und außerdem alle verfügbaren Mechaniker weit entfernt von meinem Standort im Einsatz, das könne etwas dauern. Gottseidank habe ich meinen Platz unbewußt gut gewählt, gleich gegenüber ist ein kleiner Inderladen. Leider möchte er mir nichts verkaufen, da ich dank Tanken und gestrigem Getränkekauf knapp mit Rupien bin, biete ich ihm Euronen an, die er nicht akzeptiert, nicht einmal, wenn ich eine größere Menge Getränke kaufen würde. Im Laden lungert der wohl obligatorisch zu jedem Minimarkt gehörende lokale Spriti herum, ein älterer Seychellois, der ihn erstaunt fragt, weshalb er sich denn weigere, Devisen anzunehmen. Der Malbar zuckt gleichgültig mit den Achseln. Damit hätte man nur Probleme, antwortet er. Naja, verdursten muß ich nicht, im Wagen ist noch genug zu Trinken, nur halt lauwarm, aber wenn er nicht will… Ich setze mich bei offener Tür ins Auto und nuckele an meiner abgestandenen Wasserflasche.

Der ältere Seychellois ist mir aus dem Laden gefolgt und beobachtet mich, offensichtlich macht er sich Sorgen, denn er hebt die Hand und winkt mir zu. Eh, Mamie! ruft er. Wie war das!? Wer nennt hier wen eine Mamie? Ich bin eine gut rotweinkonservierte 52jährige, deutlich jünger wirkend, und kein Mütterchen. Ich höre wohl nicht recht! Ich blicke ihm finster entgegen, als er über die Straße geschnürt kommt, sich vertraulich ins Auto hineinbeugt und mit dem Daumen über seine Schulter Richtung Laden deutet. Der da ist kein Guter! verkündet er. Wer, frage ich, der Malbar da? Darüber lacht er, die Inder mögen es ja eher nicht, wenn man sie pauschal Malbars nennt, deshalb tue ich das jetzt natürlich mit Absicht. Er bietet mir an, mir kaltes Wasser zu besorgen, er habe den Platten gesehen, ob denn da jemand käme, um mir zu helfen. Die „Mamie“ nehme ich ihm noch übel, aber ansonsten ist er ja ein Lieber. Zwei junge Männer gesellen sich zu uns, die im Schatten auf der Ladefläche eines Pickups herumsaßen. Sie hätten den Platten gesehen, sie würden gern helfen. Das ist nett, aber der Mechaniker kommt ja sicher bald. Ach, sagen sie, das könne ja noch ewig dauern auf einem Samstag, sie könnten ja schon mal anfangen.

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Der Reservereifen, den sie aus dem Kofferraum zutage fördern, ist eindeutig nur ein Notreifen und sieht neben den drei anderen wie ein alter Mofareifen aus. Wo ich denn wohnen würde, fragt mich einer meiner Helfer. Naja, also bis zur Anse aux Pins käme ich damit wohl, wenn ich langsam führe, aber länger könne ich damit nicht herumfahren. Das sehe ich auch und überhaupt gefällt mir nicht einmal die Vorstellung, damit bis zur Anse aux Pins zurückzumüssen. Während die beiden sich ans Werk machen, beäugt Spriti kritisch, was die zwei da treiben. Erneut beugt er sich vertraulich zu mir herüber, zeigt auf den älteren der beiden Reifenwechsler und zischelt mir zu: Der da ist kein Guter! Ich muß mir das Lachen verkneifen, scheinbar ist hier, in seinem Revier um Malbars Laden, wohl kein anderer Mann ein Guter.

Sie sind kaum mit dem Wechseln fertig, als hinter uns ein Wagen hält. Ein seychelloises Pärchen steigt aus, mich bedenken sie mit einem knappen Kopfnicken, dann gesellen sie sich zu den bereits um meinen Kia versammelten Menschen, freudige Begrüßung, es wird geplaudert. Die sich vergrößernde Menschentraube, die an meinem platten Reifen Anteil nimmt, wird mir langsam unheimlich. Das ist ja wie bei den zehn kleinen Negerlein hier, bloß, dass es immer mehr werden!

Die beiden Neuankömmlinge geben sich nach geraumer Zeit für mich als die Sixt-Gesandten zu erkennen, ich möchte lieber nicht wissen, was in der Zwischenzeit so geredet worden ist. Der Mechaniker selbst gibt aber sofort ebenfalls zu bedenken, daß dieser Reservereifen nicht tauglich sei, seine Frau werde jetzt einen vernünftigen Reifen besorgen und dann werde erneut gewechselt. Meine beiden Retter haben die Arbeit also umsonst gemacht, sind darüber aber überhaupt nicht böse. Die vorbehaltlose Hilfsbereitschaft ist beeindruckend. Die beiden nehmen einen kleinen Euroschein als Dank übrigens gern, auch wenn sie sich damit hier nichts kaufen können. :wink:

Dann folge ich dem Mechaniker langsam zu einer nicht weit entfernten Tankstelle, wo wir auf seine Frau warten. Zu meiner Überraschung folgen uns die beiden Jungs auf Fahrrädern, so daß das Happening nun hierher verlagert wird und wir neben der Luftstation auf der Bordsteinkante herumsitzen, bis der Reifen kommt. Nur Spriti haben wir an Malbars Laden verloren.
Ich erzähle, daß ich am Vortag bereits einen Platten hatte, und lasse auch nicht unerwähnt, daß ich daran vermutlich selbst schuld war, begreife aber nach wie vor nicht, was mir den heutigen Platten eingebracht hat, und äußere Bedenken über die Qualität der Reifen. Der Mechaniker räumt auch ein, daß man die Reifenqualität auf den Seychellen nicht mit der in Europa oder gar Deutschland vergleichen könne, und das sei meist nicht gut, da ja auch die Straßenverhältnisse schlechter seien. Das ist sicherlich so, mich wundert dennoch, wo denn die Reifen, mit denen dieser und die zahlreichen anderen fast werksneuen Picantos ja gekommen sein müssen, wohl herumfahren, verkneife mir aber die sinnlose Frage. Wenig später ist die Frau zurück und bringt einen piekfein aussehenden Reifen, der größenmässig zu den anderen paßt. Nach einer erneuten herzlichen Verabschiedung löst sich die kleine Grand-Anse-Reifenzwangsgemeinschaft dann endgültig auf und ich fahre meiner Wege. Von diesem Tag an dann auch ohne weitere Probleme.

Der Vacoa Trail ist, wenn man denn einmal weiß, wo er ist, leicht zu finden. Es gibt einen kleinen Parkplatz, an dessen Ende, am Beginn des Pfades, ein kleiner grüner Wegweiser steht, den man von der Straße aus schlecht sehen kann, insbesondere wenn Autos auf dem Parkplatz stehen.
Die Schraubenpalmen, von denen der Pfad seinen Namen hat, sieht man gleich einige Meter nach Beginn des Pfades am besten, wenn man ein kurzes Stück baumloser Fläche überquert, von dem aus man die Wand aus hohen Vacoas vor sich aufragen sieht.

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Einmal im Wald hat man eigentlich nur noch Blickkontakt zu den stachelbewehrte Stämmen, Kennzeichen der endemischen Palmen, die sich hiermit gegen ihre Freßfeinde, die großen Schildkröten, zur Wehr setzten. Gegen den Griff harmloser Touristenhände funktioniert es allerdings auch gut, aber der Weg ist auch nicht anspruchsvoll, so daß auch ich wenig Halt mit den Händen suchen muß. Manchmal verliert er sich unter dem dicken Teppich aus vertrocknenden Vacoablättern, aber das ferne Plätschern des Rivière Dauban weist die ungefähre Richtung. Mehrmals muß man kleine Steinbrücken überqueren.

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Im Bach, schon auf dem Rückweg, begegnen mir zwei Einheimische, vermutlich Großvater und Enkelin. Mit Angeln in der Hand klettern sie mitten im Bachbett herum. Monsieur Dauban, der Pflanzer von Silhouette, hat auch eine Enkelin, die ein Buch über ihn geschrieben hat. Was das wohl für ein Gefühl ist, zu wissen, daß Berge und Flüsse auf tropischen Inseln den eigenen Namen tragen?

Auf dem Pfad war ich ganz allein, nach 20 Minuten habe ich den Rundweg schon absolviert, obwohl ich mich nicht beeilt habe.

Zurück im Triskell, ist eine alte Freundin der Familie zu Besuch, die gelegentlich die Wochenenden hier verbringt. Sie spricht Kreol, aber kein Französisch, was daran liegt, daß seit ihrer Kindheit in Kenia gelebt und nie Französisch zu sprechen gelernt hat. Für Benjamin ist sie Großmutterersatz und wird auch so genannt, Cucu, was Oma auf Swahili bedeutet, ausgesprochen wird es "Shosho". Klingt irgendwie cooler als Mamie, finde ich.

Seit ein paar Jahren lebt Cucu wieder in Victoria und hat einen interessant distanzierten Blick auf ihr Heimatland. Die Seychellois, so sagt sie, wüßten die guten Sozialleistungen ihres Landes nicht zu schätzen, insbesondere die enormen Bildungsmöglichkeiten. Die Menschen hier hätten alle Chancen, und viel zu wenige nutzten sie. Wenn man den Vergleich zu einem Land wie Kenia hat, ist es wahrscheinlich besonders prägnant.

Einen trockenen Humor hat Cucu auch. Während wir essen, werden um uns herum unüberhörbar die Vorbereitungen für die samstagabendlichen Partys getroffen. Bässe wummern, Motoren heulen, Stimmengewirr dringt durch das Buschwerk von den Nachbarshäusern an den Berghängen herüber. Typisch Seychellois, bemerkt Cucu. Die ganze Woche hatten sie Angst vor der Pest, Mundschutz sei ausverkauft gewesen, und kaum sei Samstag und es gebe Alkohol und Musik, machten sie Party, und morgen seien sie dann alle krank.

Drogen sind ein weiteres Thema. Heroin ist die Geißel der Seychellen, darin sind sich alle einig. Fast keine Familie, die nicht in irgendeiner Form davon betroffen ist, jeder hat Geschichten dazu zu erzählen.

Später allein auf meiner Terrasse, lausche ich den Partygeräuschen, die inzwischen in vollem Gange sind: Seychellois hören überraschenderweise gern Country Musik. Generell ist mir fast alles lieber als kreolische Musik. Ich muß zugeben, daß ich mit der Musik des Indischen Ozeans, von Ausnahmen wie Südafrika einmal abgesehen, wenig anfangen kann; die einzige Band der Seychellen, die ich wirklich mochte, waren die Red Trees, die sich schon vor langer Zeit aufgelöst haben und deren Musik mit Sega und Moutia gar nichts zu tun hatte.

https://www.youtube.com/watch?v=xycz7dOXbvw
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Suse » 12 Nov 2017 10:52

Der Sonntag beginnt wie alle Tage seit August: Mit wolkenlosem Himmel und großer Hitze. Die Einheimischen stöhnen und sehnen sich nach Regen. Gern an einem anderen Tag, ich hätte heute gern genau solches Wetter, nach den sehr aktiven letzten Tagen wäre jetzt mal ein Strandtag schön. Ich habe nicht mal Schnorchelsachen eingepackt, da ich zu viel abseits der Strände geplant habe, aber wenigstens im Sand liegen und ein bißchen schwimmen!

Ich bin auf Mahé, die Auswahl an schönen Stränden ist groß, welchen nehmen? Ich fahre mal los, die Strecke kenne ich ja nun schon und komme zügig voran. Ein bißchen mehr von der Umgebung nehme ich auch bereits wahr, so daß ich die Strände einer kritischen Betrachtung unterziehen kann. Ich halte an etwas, das ich für die Baie Lazare halte, die ist es dann auch. Gute Wahl, wie sich herausstellt, der Strand ist wirklich schön, wenngleich ich auch hier alles bereits recht eng bebaut finde. Aber um diese Uhrzeit ist es noch weitestgehend leer.

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Nach und nach füllt es sich, es ist Sonntag, Locals kommen, vor allem vom Wasser aus mit Booten, und schleppen große Kisten heran, Grillfeuer werden entzündet, es riecht gut. Das Wasser ist lau, in der leichten Dünung kann man gut schwimmen oder einfach herumdümpeln. Ein Erholungstag, an dem der Bräune aus der Kabelkaribik endlich etwas echte Seychellenbräune hinzugefügt wird.

Ahnungsloser Flughundschwarm über der Baie Lazare:


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Um mir eine Freude zu machen, und vielleicht auch als Entschädigung für das entgangene Oktopuscurry, hat Natasha heute ihr eigenes Lieblingsessen zubereitet: Flughund. Schluck, das bringt mich in Bedrängnis. Niemals wollte ich Flughund essen. Aber was ist jetzt hier wichtiger, die eigenen Prinzipien, oder diese netten Leute nicht vor den Kopf zu stoßen? Ich entscheide mich, das wenigstens zu probieren, insbesondere, da ich als Erklärung dazugeliefert bekomme, daß wir hier jetzt nicht etwa die bedrohte Seychellenfledermaus äßen. Der Flughund sei in seinem Bestand nicht bedroht, das sei ein gängiges traditionelles Gericht. Nun denn. Meine Skrupel werden aber leider nicht weniger, als ich das kleine Skelett auf meinem Teller liegen habe, das gut preisgibt, um was es sich einmal gehandelt hat. Fleisch ist wenig dran, die spitzen Knöchelchen müssen mühselig abgenagt werden, man ißt sich hungrig. Auf Befragen kann auch ich, wie vermutlich schon tausende Fremde vor mir, nicht eindeutig vergleichen, an was mich das Fleisch erinnert. Kaninchen vielleicht.

Zum Nachtisch gibt es dafür etwas gänzlich Unkreolisches, einen Karamellflan. Karamell, so erklärt Natasha mir dann auch, sei in der kreolischen Küche der Seychellen eigentlich unbekannt, sie selbst sei mit den zahlreichen europäischen Gerichten, die sie auch nachzukochen gelernt habe, jedoch schon als Kind in Berührung gekommen. Sie sei, so sagt sie ganz unprätentiös, eine Enkelin von Prempeh dem Ersten, dem König von Ghana, der Anfang des 20. Jahrhunderts nach seinem Aufstand gegen die britische Kolonialherrschaft ins Exil auf die Seychellen verfrachtet wurde. Eine ihrer Vorfahrinnen habe er sich zur Frau genommen und mit ihr 7 Kinder gezeugt, um die er sich, auch nach Ende des auferzwungenen Exiles, weiterhin gut gekümmert habe. So sei er auch später regelmäßig auf die Seychellen zurückgekehrt, habe aufwändig in teuren Hotels logiert und die gesamte Nachkommenschaft zu opulenten Feierlichkeiten und Banketten geladen, bei denen man dann entsprechende Gerichte gegessen habe, wie sie Seychellois gemeinhin seinerzeit sonst nicht kannten.

Die königliche Herkunft ist vielleicht sogar noch ein bißchen spürbar, natürliche Autorität besitzt sie. Hier, in ihrer bretonischen Burg, ist sie in jedem Falle die Herrscherin. Von den vier Kindern kenne ich ja nur das Nesthäkchen Benjamin, das aufgrund der Pest derzeit keine Schule hat. Die anderen drei sind lange erwachsen, und von ihnen zu berichten ist Natashas größte Freude. Sie hat auch allen Grund, stolz zu sein. Einer der beiden älteren Söhne befindet sich gerade zur Ausbildung in Atlanta. Ich bekomme Fotos in Galauniform gezeigt. Ich bin aufrichtig beeindruckt, der sehr gut aussehende junge Mann ist tatsächlich der erste Seychellois, der es zum Navy Seal gebracht hat.

Anstelle des erwarteten Bretonen Erwan, an den ich schon seit längerem keinen Gedanken mehr verschwendet habe, sitze ich hier nun mit der Enkelin des Königs von Ghana und Karl dem Großen! Neben der extrovertierten Natasha wirkt Charlemagne zunächst ein bißchen unnahbar, aber das täuscht. Er hat einen stillen, hintergründigen Humor und ist eher der nachgiebige Elternteil. Mit dem Betrieb des Gästehauses hat er nur im Bedarfsfall zu tun, tagsüber fährt er einen Tata Bus. Das wäre ja nun meine Gelegenheit, Lobbyarbeit für verängstigte Touristen zu leisten, aber das muß man sich ja auch erstmal trauen, wenn jemand Karl der Große heißt. Natasha hat eher Angst um ihn, wenn es um die des Linksfahrens unkundigen Touristen geht, womit sie ja auch nicht ganz Unrecht hat.

Morgen möchte ich an die Intendance und zuvor, wenn ich mich traue, zur Police Bay. Nur nie mehr so eine Straße wie zur Baie Ternay. Charlemagne beruhigt mich, die Straße sei eine ganz normale, da fahre ja auch der Bus und somit passten sogar zwei Tata Busse aneinander vorbei. Ich halte das mal nicht für eine kreolische Enttäuschungsvermeidungsaussage, und so ist es dann auch.

Nach einem kurzen Abstecher zur Takamaka, auf die ich aufgrund der zahlreichen Beiträge hierzu im Forum wenigstens mal einen Blick werfen wollte, nehme ich also am nächsten Tag die Abzweigung zur Intendance.

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Die Straße hinunter zur Police Bay ist genau wie von Charlemagne beschrieben und gefällt mir sehr. Am Ende des asphaltierten Bereiches stelle ich den Wagen neben etwas, das wie ein altes Wartehäuschen aussieht, ab, und marschiere los. Die Petite Police ist bis auf zwei, drei Personen leer. Mit dem fossilen Korallenriff und dem vielen Granit sieht sie sehr seychellisch aus. Am Strand stehen einige Kasuarinabäume, wenn darin jetzt noch Feenseeschwalben säßen, wäre das Postkartenmotiv perfekt.

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Die Sonne steht hoch am Himmel und es ist gräßlich heiß, als ich zur Grand Police loswandere. Der Sandweg ist nicht lang, aber ich finde es trotzdem anstrengend.

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Schon von weitem höre ich das heftige Brandungsgeräusch der Grand Police und bekomme einen Vorgeschmack auf den Strand. Dann trete ich aus dem Waldweg heraus und stehe plötzlich an dieser langen Bucht. Weit und breit ist kein Mensch außer mir.

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Auf mich wirkt die Grand Police größer und weiter, als jede andere Bucht, die ich auf den Seychellen je gesehen habe, das Wasser blauer, die Brandung lauter. Alles in allem ist der Eindruck überwältigend. Vor allem macht sich in mir ein ungeheures Gefühl von Einsamkeit breit, keine unangenehme Einsamkeit, vielmehr das Gefühl, am Ende der Welt zu stehen, und es ist eher erhebend und ein besonderer Moment, all das hier für sich ganz allein zu haben.

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Was für eine unfaßbare Schande es gewesen wäre, hier ein Hotel zu bauen. Auch diese Petition habe ich mit unterschrieben und habe das Gefühl, damit etwas richtig Gutes getan zu haben, mir ist aber auch bewußt, was für ein Wunder es ist, daß die beiden Petitionen überhaupt Erfolg gehabt haben. Und daß sie Erfolg gehabt haben, ist ja nicht allein der den Betrachter fast erschlagenden Schönheit dieses Strandes zu verdanken, sondern nicht zuletzt etwas Kleinem, im Verborgen lebenden, das ich bald zu sehen hoffe.

Ich beschließe, den Strand bis zum Ende zu gehen, an dem ich einen Schattenplatz entdecke. Die Sonne brennt fürchterlich, ich schleppe Getränke mit, aber wenn das so weitergeht, sind die bald aufgebraucht. Das Gehen im Strand ist anstrengend, aber irgendwann bin ich angekommen und lasse mich auf etwas Treibholz nieder. Auf dem Granit vor mir tummeln sich Felsenspringer.

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Ich sitze schon eine ganze Weile da, als irgendwann auf dem Weg, auf dem auch ich an den Strand getreten bin, zwei Menschen erscheinen, sich eine Weile umschauen und wieder gehen. So allein hier zu sitzen, das sind kostbare Momente, das ist mir klar. Wenn ich an diesen Ort in ein paar Jahren zurückkehren sollte, wird er auch trotz Petition verändert sein. Die Seychellen verramschen sich als Massendestination, das wird auch vor Orten wie diesem nicht Halt machen.

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Zuletzt geändert von Suse am 12 Nov 2017 19:34, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Suse » 12 Nov 2017 10:59

Irgendwann breche ich auf und gehe in den Wald zurück. Das Süßwasserareal hinter der Police Bay möchte ich noch anschauen. Hier stellt sich dann bald wieder ein vertrauter Anblick ein. Überall liegt Müll. Und das ist kein Treibgut, was da liegt, das ist leicht zu erkennen. Flaschen und eine recht neu aussehende Blisterverpackung eines Korkenziehers lassen vermuten, daß man es sich hier gut gehen ließ.

Hinter der Police Bay dominieren Kokospalmen, keine Ahnung, ob hier mal eine Plantage war, oder ob das natürlich ist. Schön sieht es aus, schon wieder so ein klischeehafter Tropenanblick.

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Im Süßwasser wächst Mangrovenfarn in dichten Büscheln,

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am Ufer rührt sich nichts bis auf ein paar Skinke.

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Ich setze mich auf den Stamm einer umgestürzten Palme in den Schatten und ruhe mich von der Strandüberquerung aus. Der Weg war ja an sich nicht weit, aber die Hitze schlaucht.
Nach einer Weile und vielen Fotos muß ich aufbrechen. Es ist jetzt schon fast Nachmittag und ich habe noch etwas vor. Am Auto versuche ich, mich halbwegs repräsentabel herzurichten, denn ich werde jetzt eine Ausstellung besuchen. Und zwar eine Ausstellung ausrangierter Jaccuzzis. Im Banyan Tree.

Morgen Abend schreibe ich weiter. Und dann wird die Spendenbüchse geschwenkt! :wink:
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Curry Dog
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Curry Dog » 12 Nov 2017 12:24

Selten hänge ich an etwas geschriebenem so fest. Nicht etwa jeden Satz, oder jedes Wort hat gefesselt. Buchstabe für Buchstabe habe ich genüsslich aufgesogen und bin heiß wie eine läufige Hündin auf das, was noch folgt.
Mir gefällt die Art und Weise Deiner Beschreibung, Deine Betrachtungsweise.
Danke dafür!

Klara
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Klara » 12 Nov 2017 15:56

wahrlich ein Genuß, Danke.
LG
Klara

cptbwa
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von cptbwa » 12 Nov 2017 16:04

Toller Bericht, Danke!
Viele Grüße
Tom

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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Suse » 13 Nov 2017 20:16

Am Hotel angekommen läßt mich der livrierte Pförtner passieren, als ich mein Anliegen nenne.
Die Absperrung wird beiseite geschoben und dann fahre ich langsam zum Hotelparkplatz. Das Hotel ist zwar nach der Banyan Feige benannt, den Zufahrtsweg zieren aber grüne Palmblätter.

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Das Hotel gehört zu einer Kette thailändischen Ursprungs. Anders als viele andere Hotelketten internationaler Investoren genießt es dank seiner Umweltpolitik in der Bevölkerung der Seychellen einen überraschend guten Ruf.

Die Ausstellung der alten Whirlpools ist eine Dauerausstellung, die in einem kleinen Seitenbereich der Hotelanlage ihren Platz hat.

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Es sind wirklich eine Menge Pools, die sich da angesammelt haben, hübsch dekoriert sind sie auch, aus jeder schaut ein Elefantenohr und gefüllt sind sie mit Schlamm und Wasser.

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Wer sich inzwischen schon gefragt hat, was denn mit mir nicht stimmt, daß ich meine Urlaubszeit damit vertue, ausrangierte Whirlpools eines Luxushotels anzuschauen, dem sei gesagt: Dies ist nicht die Seychellenversion von Beuys‘ Fettecke, das ist das Werk der Marine Conservation Society Seychelles.

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Diese Naturschutzorganisation, die vielen naturinteressierten Seychellenreisenden vielleicht noch aus der Zeit bekannt ist, als sie das Monitoring der Walhaie vor den Küsten de Mahés mit Ultraleichtflugzeugen durchführte, hat ihre Aufgabenbereiche inzwischen auch auf die Landfauna ausgeweitet und wird darin insbesondere vom Banyan Tree auf verschiedene Weise unterstützt.
So stellt das Banyan Tree der MCSS nicht nur seine ausrangierten Whirlpools zur Verfügung, sondern auch die Räumlichkeiten und das Areal auf dem Hotelgelände. Die Whirlpools dienen als Behausung für den vermutlich niedlichsten Grund, der gegen eine Bebauung der Police Bay sprach, und eigentlich natürlich auch gegen eine Bebauung der Anse Intendance gesprochen hätte: Die Terrapins.

Die kleinen Schildkröten haben viele Namen: Black Mud Terrapins, Freshwater Terrapins oder auch Black Bellied Hinged Terrapins. Die etwas sperrige, aber dafür sehr präzise deutsche Bezeichnung lautet Klappbrustschildkröten, auf Schlau Pelusios subniger. Die am nettesten klingende Bezeichnung ist aber sicher die kreolische: Torti Soupap.

Zwischen Meeres- und großen Aldabraschildkröten leben die Terrapins ein von den meisten Seychellenreisenden unbemerktes Dasein. Für sie interessieren sich vermutlich vorwiegend Menschen, die sich auch abseits der Seychellen grundsätzlich für Schildkröten begeistern. Schon während der Vorbereitungen meiner ersten Reise vor fast 10 Jahren hatte ich mit Bedauern gelesen, daß die Black Mud Terrapins auf La Digue früher häufig gewesen und inzwischen so gut wie, wenn nicht gar ganz ausgestorben seien, Folge der Trockenlegung des Mare Soupap, des Süßwasserareals hinter der Source d’Argent und im Inselinneren. Hier glaubte ich, mit meiner ersten Reise bereits zu spät gekommen zu sein. Umso mehr freute es mich, wenn ich im Laufe der Jahre immer mal wieder von zunehmenden Erfolgen der verschiedensten Naturschutzorganisationen las. Auf La Digue vor allem der Naturschutzbehörde der Seychellen selbst, der es gelang, die kleinen Kröten nach einigen Renaturierungsmaßnahmen erfolgreich wieder anzusiedeln. Auf Mahé ist es vor allem die spendenfinanzierte, regierungsunabhängige MCSS, die den Bestand der Klappbrustschildkröten im Süßwassergebiet hinter der Anse Intendance erforscht und zu stabilisieren versucht. Die Station der MCSS auf dem Banyan Tree Gelände hielt ich zunächst für eine für Hotelbewohner exklusiv reservierte Einrichtung, die den Naturschutzcharakter dieser Kette unterstreichen sollte, bis die Einrichtung dies auf meine Nachfrage richtigstellte und mich zu einem Besuch einlud.

Von einer italienischen Mitarbeiterin bekomme ich eine kleine Führung, allerdings habe ich mir die falsche Tageszeit ausgesucht, denn die zukünftigen Bewohner der Whirlpools werden erst gegen Abend einchecken. Einen Dauergast gibt es allerdings: Chichi

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Selbstverständlich ist die junge Dame um ihr Einverständnis zur Veröffentlichung dieses Fotos gebeten worden, so wie auch alle anderen Personen, die hier im weiteren Verlauf des Reiseberichts noch gezeigt werden werden. Chichi haben wir nicht gefragt. :wink:

Chichi ist ein Black Mud Terrapin, eine Seychellen-Klappbrustschildkröte also, und hat den längsten Teil seines Lebens als Haustier verbracht. Die Folge davon ist, er hat es gern sauber und mag keinen Schlamm, ungünstiger Charakterzug für eine Mud Turtle. Er vermeidet selbst in seinem Jaccuzzi-Zuhause den Schlammbereich und döst im klaren Wasser vor sich hin, als er für mich zur näheren Betrachtung herausgenommen wird.

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Ist er nicht zum Fressen süß? Also im übertragenen Sinn natürlich. Eine Auswilderung ist so für ihn natürlich nicht mehr möglich und er wird den Rest seines Lebens hier im Hotel verbringen. Der Udo Lindenberg der Schildkrötenwelt sozusagen.

Im Laufe des Tages wird er Gesellschaft und die restlichen Whirlpools temporär neue Bewohner bekommen, denn die Krötchen werden im Sumpfgebiet hinter der Intendance in Reusen gefangen,

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später im Center erfaßt und vermessen und anschließend wieder freigelassen. Bezüglich der Bestände ist leichte Entspannung angezeigt, die Black Mud Terrapins erholen sich gut. Kritischer steht es um die hellere Subspezies, die Yellow Bellied Mud Turtle, die sich von ihren dunkleren Vettern lediglich durch die Farbabweichung unterscheidet. Yellow Bellied Mud Turtles gibt es, laut Schätzungen der mit der Art befaßten Forscher, aktuell noch 200 Exemplare und sie leben ausschließlich auf den Sumpfbereich hinter der Intendance begrenzt. Weshalb das so ist, ist noch unklar und ebenfalls Teil der Forschung, vermutet wird eine Spezialisierung auf irgendeine lediglich hier vorkommende Nahrungsquelle.

Im Hauptgebäude des Zentrums befinden sich Laboratorien und Untersuchungräume

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sowie eine kleine Ausstellung. Hier wird viel Aufklärungsarbeit für den einheimischen Nachwuchs betrieben, sie haben regelmäßig Schulklassen dort, ein wichtiges Thema ist das auch Finning.

Darum heißen sie Klappbrustschildkröten: aufgrund des Scharniers, mit dem sie ihren Panzer vollständig verschließen können.

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Im Bewußtsein der Bevölkerung ändere sich langsam etwas, Schildkröten werden inzwischen als etwas Schützenswertes betrachtet, zumindest bei den jüngeren Generationen. Bei den Älteren herrscht häufig noch traditionelles Denken vor, so hat die MCSS ein Projekt initiiert, das als Haustiere gehaltene Aldabraschildkröten aus schlechter Haltung freikaufen und auf das Leben in relativer Freiheit auf einer der dafür geeigneten Inseln wie Frégate oder Silhouette vorbereiten und später dorthin entlassen soll. Aktuell hat man zwei Tiere im Fokus, die zu erwerben und zu „resozialisieren“ gerade mit dem Eigentümer verhandelt wird. Die Gesamtkosten für beide Tiere bis zur Freilassung schätzt man auf 600 Euro, Spenden sind sehr willkommen, die Gehege bereits im Bau.

Terrapins und Aldabraschildkröten sind jedoch nur zwei Projekte der der MCSS, die hier vor allem vom inzwischen weggefallenen Whale Shark Monitoring profitieren, das aufgrund des Ausbleibens der Tiere inzwischen aufgegeben wurde. Als Grund sieht man auch hier, so wie auch die Tauchbasen, die ich vor der Reise mit der Frage nach Walhaischnorcheltouren kontaktierte, in der Klima- und damit einhergehenen Wassererwärmung. Später werde ich von Einheimischen dazu andere Ansichten hören, aber dies ist zunächst einmal die Aussage, die ich hier bekomme.

Schwerpunkt der Marine Conservation Society ist jedoch nach wie vor der Schutz und die Erforschung der Meeresschildkröten. Die Anse Intendance sei für die Reproduktion der Tiere der wichtigste Strand auf Mahé, wenn nicht überhaupt auf den Seychellen. Die meisten Tiere legten hier ihre Eier ab und die steigende Zahl der Touristen, die diesen Strand aufsuchten, werde mit zunehmender Besorgnis beobachtet. Aktuell läuft ein „Touristenmonitoring“, das die Anzahl der Tagesgäste im Mittel statistisch erfaßt und auszuwerten versucht, welchen Einfluß es auf den Bruterfolg hat. Eine Strandpolizei, die Touristen am Betreten bestimmter Strandabschnitte hindert oder diese während der Nesting Season gleich generell sperrt, wie ich es auf Mayotte erlebt habe, gibt es hier aber nicht und sei auch nicht geplant.

Einzelbesucher, die, so wie ich, von außerhalb des Banyan Tree kommen, sind eher selten, aber ebenfalls sehr willkommen

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und man nimmt sich viel Zeit für mich.

Chichi, als Dauerrepräsentant aller hier umsorgten Schildkrötengattungen, ziert auch die von der MCSS herausgegebene Postkarte, und zum Abschied wandern einige davon in meine Tasche. Besser hier welche gekauft, als anderes wo klassische Motive wie Ochsenkarren, die in Wirklichkeit nicht mehr existieren. Und natürlich bezahle ich die Postkarten sehr viel großzügiger als vorgesehen. Mögen Chichi und seine Verwandten davon profitieren.
Wenn Du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

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Suse
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Re: Palmen, Pest und Platten - Seychellen Oktober 2017

Beitrag von Suse » 13 Nov 2017 20:27

Die MCSS steht jedem interessieren Besucher offen, die Organisation lebt von Freiwilligenarbeit und Spenden. Wer sich nicht für ausrangierte Jaccuzzis interessiert, die Arbeit aber aus der Ferne unterstützen möchte, kann das auch durch Übernahme einer Schildkrötenpatenschaft oder eine allgemeine Spende tun.

Ein spezielles Spendenkonto für das Aldabrakröten-Befreiungsprojekt gab es zum Zeitpunkt meines Besuches nicht, eine Spende die hierfür gedacht sein soll, müßte man dann wohl mit einem entsprechenden Vermerk versehen.

http://www.mcss.sc/help.html

Ich hoffe, auf La Digue noch Gelegenheit zu haben, Chichis freilebende Verwandte zu sehen, bin aber darauf vorbereitet, daß es nicht klappt. Tierbeobachtungen gelingen nun einmal nicht auf Bestellung. Aber Chichi war süß für zwei und ich schon im voraus entschädigt, falls ich kein weiteres Krötchen sehen sollte.

Im Anschluß an den Besuch möchte ich noch den frei zugänglichen Teil der Intendance sehen, der nicht durch Liegen und Schirme des Banyan Tree, sei die Hotelkette auch noch so positiv zu bewerten, entstellt wird.

Vorbei an einem kleinen Teil des Süßwasserareals gehe ich zu Fuß zum Strand und lasse den Wagen auf dem asphaltierten Teil der Straße stehen. So, wie die Buckelpiste bis zum Strand aussieht, sehe ich hier schon den platten Reifen Nummer drei vor meinem geistigen Auge.

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An der Intendance stehen Gestelle mit gelben Fahnen. Etwas respektlos werden sie zum Trocknen nasser Badekleidung entfremdet und im Wasser tummelt sich eine Handvoll Menschen. Einer dreht in der kurzen Zeit, die ich am Strand verbringe, auch prompt eine wilde Runde in einer ungünstig abgepaßten Welle. Man kann durch den Wasservorhang sehen, wie er herumgewirbelt wird.

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Mit Stränden wie der Intendance, der Takamaka oder den Stränden im Südosten La Digues tue ich mich schwer. Natürlich sind sie schön, aber für mich keine Traumstrände. Durch die Bebauung und die Menschen, die versuchen die Beschwimmbarkeit sozusagen zu erzwingen, wirken sie auf mich irgendwie pseudo-gezähmt. Es fehlt ihnen aber die Sanftheit und Lieblichkeit, um zu Sehnsuchtsstränden zu werden, an die ich mich in Tagträumen begeben würde, wenn der Urlaub einmal zuende ist.

Heute haben wir neue Gesellschaft beim Abendessen. Und die könnte gar nicht passender kommen als an diesem schildkrötenlastigen Tag, wie sich im Laufe des Abends herausstellen soll. Ein französisches Ehepaar hat das Triskell spontan für die letzte Übernachtung vor dem Heimflug gebucht. Natasha sagt, so etwas komme öfter vor, wenn Reisende sich ihre Unterkünfte erst spontan vor Ort suchten. Da stünden die Gäste manchmal eher vor der Tür, als die Bestätigungsmail von booking oder agoda zugestellt sei.

Die beiden Franzosen sind sehr sympathisch und sprudeln über vor Erlebnissen ihres Aufenthaltes auf La Digue bei Florine. Sie selbst haben es am kommenden Tag nicht weit nach Hause, beide leben seit ein paar Jahren auf Mayotte, sie ist Lehrerin, er Arzt. Was für ein Zufall, wo der vergangene Tag doch bereits Erinnerungen an Mayotte geweckt hat. Ich erzähle von meiner Reise nach Mayotte 2008, und wir sind uns einig, daß der Strand von N’Gouja wohl der schönste sei, den wir kennen. Das Jardin Mahorais habe etwas nachgelassen, worüber ich innerlich grinsen muß. Das muß ich meiner Tante erzählen, das wird sie darin bestätigen, daß die vielen guten Ratschläge, mit denen sie die damaligen Betreiber beglückte, berechtigt waren.

Mayotte, so sagen die beiden, sei seit der Aufwertung zu einem französischen Departement touristisch kaum weiterentwickelt, was mich persönlich sehr erstaunt, denn ich habe in den letzten Jahren bei jedem Frankreichaufenthalt viel Werbung gesehen. Anstelle von zwei gebe es jetzt vielleicht 5 Hotels plus ein paar private Unterkünfte, aber kaum mehr Touristen. Deshalb hier tief im Reisebericht versteckt, als kleines Osterei für alle, die sich bis hierhin durchgelesen haben, der Rat: Fahrt nach Mayotte. Es ist offensichtlich noch so schön wie früher, die Flughunde größer als auf den Seychellen, es gibt Lemuren und Baobabs und wunderbare Lagunen voller Schildkröten.

Beide gedenken in absehbarer Zeit nicht, nach Metropolfrankreich zurückzukehren, vor allem wegen des Wetters. Es ist schon interessant. Gerade vor einer Woche noch in Paris habe ich eine zunehmende Zahl Verwandter meines Onkels wiedergesehen, es werden jedesmal mehr, die die Réunion verlassen, sobald ihnen eine ausreichend gute Ausbildung oder eine Geschäftsidee eine Zukunft in der Metropole ermöglicht. Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite, ein jeder möchte immer das, was er nicht hat.

Alles in allem ein schöner Tag, genau so habe ich mir meine Mahé-Reise vorgestellt. Wenn jetzt noch die Kannenpflanzen klappen, wäre es perfekt.
Wenn Du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

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