Literatur von den Inseln

wie z.B. TV, Literatur, Werbung, usw.
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Suse
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Suse » 06 Okt 2019 01:44

Zwischendurch bin ich auch mal wieder dazu gekommen, ein Seychellenbuch zu lesen. Das ging fix, weil es zum einen keine schwere Kost war, und vor allem: auf Deutsch.

Die Ziege

https://www.amazon.de/Die-Ziege-Geschic ... B07MW1HWPZ

Der Autor, Werner Schulz, ist ein ehemaliger Marineoffizier, der sich vor vielen Jahrzehnten mit der Familie auf den Seychellen niedergelassen hat und als Tauchguide und Skipper arbeitete. Weniger das Segeln, eher das Hochseeangeln bildet den Rahmen, in dem sich die Geschichten abspielen und meist geht es um den (so läßt es zumindest das Buch vermuten) Lebenstraum vieler Männer, einmal einen großen Fisch fangen, am liebsten einen Marlin. Die Geschichten, die er in der "Ziege" erzählt, basieren vermutlich größtenteils oder auch alle auf persönlichen Erinnerungen, und als Seefahrtsanekdoten würde ich sie auch einstufen, denn so werden sie erzählt, auch wenn der Autor sich mit dem Hauptprotagonisten Quinn McKenzie ein alter ego erschaffen hat. Ein mir nicht allzu Sympathisches übrigens.

Mit allzuviel Fachterminologie hält der Autor sich zum Glück für alle nicht angelaffinen Leser zurück, die Handgriffe und Abläufe rund um das Hochseeangeln werden aber durchaus in die Geschichte eingebaut. Mag auch sein, daß dies sogar als stilistisches Mittel gedacht ist, das Zappeln des Lebendköders, der das Herannahen des Raubfisches spürt, als Symbol für die sich an Deck anbahnenden Tragödien, denn deren gibt es viele und gestorben wird häufig. Leider hat sich die Mühe, die sich der Autor damit gibt, seine Geschichten ansprechend zu gestalten, damit auch schon fast erschöpft. Die Figuren bleiben schablonenhaft, Männer sind Hünen, grobschlächtig und brutal oder hochneurotische alkoholkranke Zivilisationsflüchtlinge. Frauen betrügerische falsche Weiber, Prostituierte oder keifende Xanthippen, opportunistische Anhängsel der Männer. Wenn schon den Männern wenig Raum gegeben wird, sich als Figur zu entfalten, genügt bei den Frauen eine Schilderung der Körpermaße. Die seychelloise Mannschaft spielt im wesentlichen überhaupt keine Rolle. Und dazwischen Quinn McKenzie, der ein-, zweimal auch ein bißchen was denken darf, zumeist nichts Gutes, ansonsten erträgt er die Capricen seiner durchweg unglücklichen Kundschaft stoisch und ohne allzuviel Innenschau zu halten.

Die Taucherlebnisse mit Zackenbarsch & Co. sind durchaus spannend geschildert und zwei Geschichten, für die der Autor sich etwas mehr Zeit genommen hat, nehmen den Leser dann auch mit in die Welt auf einem Schiff, das zwischen den äußeren Inseln kreuzt. Besonders ansprechend fand ich die letzte Geschichte, die einfach einen Tagesablauf am Beau Vallon schildert und in der man sich wirklich an den Ort versetzt fühlt.

Fazit ist, ich hatte nicht viel erwartet und wurde somit nicht enttäuscht, sondern ein paarmal sogar angenehm überrascht. Manches hat mich allerdings auch geärgert, im Danksagungs-Epilog steht, eine der Töchter hätte das Buch lektoriert. Da hätte man vielleicht eine Person mit etwas mehr Distanz zum Autoren wählen sollen, um ein paar unschöne und nicht mehr zeitgemäße Wortwahlen herauszustreichen, auch wenn die Klientel, die sich vor 40 Jahren eine Charteryacht leisten konnte, sicher noch exzentrischer war, als das heute im Allgemeinen der Fall ist.

Die Seychellen selbst spielen bis auf die Beau Vallon-Geschichte am Schluß eine untergeordnete Rolle. Meist spielen sich die Handlungen irgendwo zwischen den äußeren Inseln ab. Man wird also wenig auf der eigenen Reise selbst Gesehenes wiederfinden.

Als echten Seychellen-Experten darf man den Autoren nach 40 Jahren Seychellen wohl schon bezeichnen (er hat schon Hans Hass um die Inseln befördert! ) . In deutscher Sprache veröffentlichte Bücher, die auf den Seychellen ihre Handlung haben und von auch tatsächlich auf den Seychellen lebenden Autoren verfaßt wurden, sind ja nicht so häufig, von daher findet es bestimmt einige Interessenten und für Leser, die keine hohen Ansprüche an die literarischen Qualitäten stellen und abenteuerliche Geschichten mit dem Hintergrund ihres eigenen Hobbys, sei es nun Angeln, Tauchen oder Segeln, mögen, haben sicher viel Freude daran.

Der Verfasser hat inzwischen noch einen weiteren Quinn McKenzie-Band veröffentlicht, Die letzte Fahrt der Erna B.. Spielt sich auch wieder auf einem Schiff zwischen den Inseln des Indiks ab.

Ansonsten dreht er Drohnen-Filme. Angesichts der Tatsache, daß man solche Aufnahmen, wie im Trailer zu sehen, auf den Seychellen vermutlich nur mit Sondergenehmigung wird drehen dürfen und der Normalurlauber so etwas nicht wird aufnehmen können, sicher ganz interessant für Drohnenpiloten oder auch sonst:

https://www.seychellesfromtheair.com/
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Suse » 12 Nov 2019 09:43

Wie mir der Ausbeuter mit dem großen A eben als Leseempfehlung vorschlug, hat Werner E.J. Schulz noch mehr Quinn McKenzie-Geschichten auf Lager, die er nun in einem weiteren Band mit der Öffentlichkeit teilt:

Anton

https://www.amazon.de/dp/1699553386/ref ... s9dHJ1ZQ==

Die Geschichte um die Letzte Fahrt der Erna B. scheint in dieser Veröffentlichung als eine Kurzgeschichte aufgegangen zu sein.

Ich grübele noch, ob ich das lesen möchte, im letzten Band waren ja immerhin zwei Geschichten, die mir sogar gefallen haben. Die Leseprobe läßt mich allerdings schon wieder zurückschrecken, denn sie läßt vermuten, daß sich am grundlegenden Tenor der Geschichten im Vergleich zum ersten Band nicht viel geändert hat. Begründung siehe oben.
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Anubis » 12 Nov 2019 10:16

Suse hat geschrieben:
12 Nov 2019 09:43
Ich grübele noch, ob ich das lesen möchte.
Mich würde eher dieses interessieren:

https://www.amazon.de/letzte-Reise-neue ... Doris+Rink


Chagos und Diego Garcia wollte ich schon immer mal bereisen. Ist nicht ganz einfach. Man braucht ne Menge Permits und so. Ich kenne niemanden der schon dort war. Ich frage mich ob der Autor wirklich dort war, oder nur darüber schreibt wie es dort aussehen könnte.
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Suse » 12 Nov 2019 10:23

Anubis hat geschrieben:
12 Nov 2019 10:16
Ich frage mich ob der Autor wirklich dort war, oder nur darüber schreibt wie es dort aussehen könnte.
Ja, verstehe ich, das frage ich mich auch manchmal bei manchen Leuten. :wink:
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Suse » 12 Dez 2019 17:14

Wieder was für die Freunde der maritimen Fortbewegungsmittel:

Seychelles, Ships and the Sea von Adrian Skerrett

https://www.maheship.com/news

Der Adrian Skerrett wird hier als Autor von inzwischen 21 Seychellenbüchern genannt, mir ist er bislang nur bekannt als Autor des Buches "Birds of Seychelles". Auch Seychelles, Ships and the Sea dürfte eher in die Kategorie Sachbuch gehören, auch wenn wohl persönliche Anekdoten der Mitverfasser dort verarbeitet werden. Spannend ist es sicher auch für Freunde von La Buse und Konsorten.

Interessant dürfte das Buch vielleicht auch für Wracktaucher sein, da es ein Kapitel über Schiffswracks um die Seychellen herum gibt.

Von Vertriebswegen weiß ich wie immer nichts, vermutlich, weil es wie üblich keine gibt, mal abgesehen vom Inland. Kosten soll es umgerechnet 25 Euro.
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Mrs.Z. » 17 Dez 2019 19:05

Suse hat geschrieben:
26 Mär 2019 16:18
Frenki hat geschrieben:
25 Mär 2019 13:50
So, jetzt aber ....

Offensichtlich habe ich verfrüht für den Schmöker "Glasträume" Werbung gemacht, denn es gibt Ungereimtheiten. Das Werk von Ellen Thaler und Robbie Bresson (ISBN 9783900122140) existiert nicht im deutschen Handel. Das ist verwunderlich, da es in Österreich (Alpina Druck, Innsbruck) produziert wird. Auch die aufgedruckte ISBN gibt es nicht ... :shock: ! Keine Verlagsangabe. Okay, Eigenregie.

Vielleicht ändert sich das ja noch. Denn das Werk ist wirklich empfehlenswert. Gut, über die Texte von Frau Thaler lässt sich streiten. Das beginnt bereits beim Titel. Die Subhead lautet: Geschichten von Noddis Island. Wieso Bird hier ein neuer Name verpasst wird ist fraglich. Aber die Fotos von Robbie sind wirklich genial!

Ich versuche mal, am Ball zu bleiben. Auf den Seychellen gibt es das Buch in jedem Souvenirshop - zu sehr unterschiedlichen Preisen.
Das übliche Problem halt mit Seychellenbüchern, das zieht sich ja wie ein roter Faden durch diesen Thread. Die wenigsten sind außerhalb der Seychellen erhältlich. Ich weiß auch nicht, weshalb die sich da so bucklig anstellen, auch im Selbstverlag herausgegebene Bücher könnte man ja problemlos über Amazon vertreiben. Aber trotzdem gut zu wissen, daß es das Buch überhaupt gibt, so weiß man, daß man sich gleich während der Reise entscheiden muß, ob man es haben will.
Ich war mit meinem Mann im November 2019 auf Bird Island. Dort lag das Buch “Glasträume“ zur Ansicht bei der Rezeption auf. Daheim angekommen, wollte ich es als Weihnachtsgeschenk für meinen Mann bestellen.
Über einen Tipp bin ich bei der Wagner’schen Universitätsbuchhandlung, Innsbruck gelandet.
Und siehe da: Das Buch ist lagernd (als „Kommissionsware“), ich habe bestellt und heute (2 Tage später) wurde es geliefert.
Gerne der link: https://www.wagnersche.at/
Kleine Anmerkung am Rande ;-)
Die im Artikel als „die Österreicherin“ bezeichnete Autorin ist Frau Prof. Dr. Ellen Thaler, studierte Zoologin und Psychologin. Sie ist als a.o. Professorin für Ethologie und Tiergartenbiologie an der Universität Innsbruck tätig und publiziert regelmässig in aquaristischen Fachzeitschriften (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ellen_Thaler)

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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Suse » 23 Dez 2019 12:46

Passend zu Weihnachten mal wieder was für die kleineren Seychellenfreunde:

Penelope and the Rock von Alain Butler-Payette und Alessandra Azais


Bild


Penelope gibt es wirklich, sie ist die Enkeltochter des Verfassers und diente als Inspiration für das Bilderbuch. Das Buch schildert die Erlebnisse des Mädchens auf Mahé, ist in einfachem Englisch gehalten und mit großformatigen Zeichnungen versehen (zwei sieht man im Screenshot).

Das Buch gibt es im Chanterelle und im Antigone Bookshop und kostet 150 Rupien.
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von foto-k10 » 27 Dez 2019 12:09

Die Seychelles Island Foundation hat im letzten Newsletter vom 23.12.2019 ein Buch über Aldabra als Weihnachtsgeschenk angeboten. Über den Inhalt schreiben sie nichts. Da es das Buch auch in deutscher Sprache geben soll, richtet sich das Angebot wohl auch an Touristen, bestellen kann man es aber nicht, nur vor Ort kaufen. Auf der Homepage finde ich kein Hinweis auf das Buch und das Timing ist ... naja :(
Dateianhänge
adbdb7d5-3e89-496c-bca3-64d1b90210cb.jpg
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Suse » 15 Apr 2020 16:29

Nicht nur in Zeiten von coronabedingten Einschränkungen ein außergewöhnliches Zeitdokument:

From the Tropics to the North Sea von Fanny Barkly, erschienen 1898.

http://sites.dlib.nyu.edu/viewer/books/ ... ok000005/2

Fanny war eine dieser typischen tropenerprobten Gattinnen weitgereister britischer Regierungsbeamter. So erlebt sie unter anderem 1883 die Pockenepidemie, deren Auswirkungen auf den Inseln weitaus gravierender waren als die aktuelle COVID-19-Situation, zumindest bis jetzt.

Was sie nicht war, ist überheblich. Auch wenn man beim Lesen historischer Bücher generell eigentlich keine heutigen Maßstäbe auf damalige Verhältnisse anwenden darf, wenn man sich die Lektüre nicht verderben will, wird man an diesem Buch auch ohne dies Freude haben. Irgendwelche Bemerkungen, die aus heutiger Sicht rassistisch oder anders herabsetzend gegenüber der einheimischen Bevölkerung wirken würden, fallen hier nicht. Die Schilderungen der zahlreichen Erlebnisse sind generell wenig emotional, aber in der Grundhaltung allen Menschen gegenüber positiv, was ich für eine Frau dieser Zeit und dieser Stellung für bemerkenswert halte. Im Gegenteil, da werden die Hausangestellten nicht etwa nur als fleißig, sondern gerade für ihre Intelligenz gelobt, und auch der auf den Inseln verbreitete Aberglaube wird eher mit Interesse und einer gewissen Affinität (sie sieht den Geist von Long Island, damals noch Quarantänestation, selbst :wink: ) zur Kenntnis genommen.

Besonderes Highlight für mich ist, daß sie Gastgeberin meiner Heldin Marianne North sein durfte, die von 1883-84 die Inseln besuchte. Auch für Miss North hat sie nur gute Worte, auch wenn zwischen den Zeilen durchaus erkennbar wird, daß sie deren ausgeprägte Leidenschaft für die Pflanzenwelt ein bißchen schräg findet. :lol:

Highlight Nummer zwei findet sich dann in der zweiten Hälfte des Buches, dem es auch seinen Titel verdankt.

Fanny Barklys Ehemann war von 1881-86 Gouverneur der Seychellen, nachdem er bereits einige andere tropische Stationen hinter sich hatte. Zufälligerweise ist er auch in Deutschland kein ganz Unbekannter gewesen, nach seiner Dienstzeit auf den Seychellen wurde er der letzte britische Gouverneur Helgolands. Er war es auch, der die Insel im Rahmen des Sansibar-Helgoland-Abkommens an den Kaiser übergab. Zum Glück für uns :wink:

Alles in allem ein historisches Zeitdokument einer anscheinend außergewöhnlichen Frau, die das Leben im ausgehenden 19. Jahrhundert auf zwei vollkommen unterschiedlichen Inseln schildert.

Das Buch ist in der Indian Ocean Digital Library hinterlegt. Die PDF der dort erfaßten historischen Bücher sind sehr gut lesbar.

Bei dem im Buch enthaltenen Bildmaterial dürfte es sich mit um die ältesten Fotodokumente von den Seychellen handeln.
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Anubis » 26 Apr 2020 16:07

Hat jemand schon dieses Buch, geschrieben von einer Schweizer Reiseleiterin, gelesen?

http://www.nation.sc/articles/3804/tour ... h-new-book
Mahé. Praslin. Silhouette. La Digue. Bird. Cerf. Sea Shell. Maya's Dugong. Life is a journey and experience is more valuable than money.

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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Suse » 30 Mai 2020 12:12

blueshark hat geschrieben:
07 Mai 2020 14:14
Hallo zusammen,

es gibt wohl ein kürzlich erschienenes Buch über Brandon Grimshaw und Moyenne....

https://www.openpr.de/news/1086380/Aben ... ellen.html

LG Blue

Dank des Hinweises von blueshark hab ich es umgehend bestellt und gelesen, es ist tatsächlich brandneu, nach Angaben des Autoren jetzt erst während des Corona-Lockdowns verfaßt:

4 Grad Süd von Nicolas Montemolinos

Link siehe oben, man kann es auszugsweise auch über google books online lesen, es gibt auch eine Kindle-Version. Wieviel Geld man, wenn überhaupt, dafür ausgeben möchte, muß ja jeder selbst entscheiden.

Wenn man es der heimischen Buchsammlung hinzufügen möchte, bekommt man ein schmales Softcoverbuch, frisch gedruckt von der Self-publishing-Plattform Book on Demand, gut 150 Seiten dick, in ansprechendem Türkisblau gehalten und mit einem Foto von Moyenne auf dem Cover. Wenn man es aufklappt, bekommt man einen Epilog des Autoren, der auf einer Seychellenreise während eines Tagesausflugs nach Moyenne vor über 10 Jahren noch ein persönliches Zusammentreffen mit Brendon Grimshaw hatte und sich hiervon so tiefst beeindruckt zeigt, daß er die Lebensgeschichte des Autoren nun in eigenen Worten wiedergeben möchte.

Was der Einleitung folgt, ist dann zunächst erst einmal nichts weiter, als eine nicht sehr gelungene Übersetzung von Brendon Grimshaws 1996 erschienener Autobiographie A Grain of Sand, die Nicolas Montemolinos durch Weglassen einzelner Sätze oder gelegentlich auch ganzer Absätze des Originaltextes sowie andererseits durch Hinzufügen eigener fiktionaler Einschübe verfremdet. Selbst bei aller Einflußnahme auf den Originaltext bleibt dieser dennoch erkennbar, und da weder das Originalbuch älter als 70 Jahre noch der Autor bereits 70 Jahre verstorben ist, dürfte sich hier wohl die Frage des Plagiats stellen.

Aber selbst wenn man die rechtlichen Aspekte einmal beseite läßt, ist das ganze zumindest ein gewaltiger Etikettenschwindel, denn einen Disclaimer sucht man vergeblich. Montemolinos verfremdet den Text bevorzugt in sensiblen Bereichen, bei "neutralen" Themen, wie der Renaturierung Moyennes beispielsweise, bleibt der Originaltext fast vollständig unangetastet. Genau genommen ist das, was er hier tut, also Fan Fiction.

Für die, die das nicht kennen: Fan Fiction nennt man die Umschreibung oder Fortführung von geliebten Büchern oder Filmen, deren Handlung oder Ende Fans so nicht akzeptieren wollten und deshalb ihre eigene Phantasieversion davon erschaffen. Real Person Fiction, die Erschaffung von Phantasieversionen real existierender Personen, stellt ein Subgenre dar, und in geschlossenen Foren ohne Gewinnerzielungsabsicht betrieben, ist ja auch nichts dagegen einzuwenden, wenn die Phantasie Blüten treibt und beispielsweise Personen, die im Originalwerk eher nüchtern-rational oder gar asexuell dargestellt werden, die wildesten Dinge tun läßt. Es ist aber eine Sache, ob man sich zu dem logischen Mister Spock Swingerclubgeschichten auf Deep Space Nine ausdenkt, oder Sam und Frodo auf dem Weg nach Mordor mit Gollum Fesselspiele spielen läßt. Es ist etwas ganz anderes, wenn man aus einem bereits verstorbenen Brendon Grimshaw, der sich nicht mehr wehren kann, einen notgeilen alten Bock macht und dies auf einer Selbstveröffentlichungsplattform, die offenbar keine Kontrollinstanz hat, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Und dafür auch noch Geld haben möchte.

4 Grad Süd ist letztlich nichts anderes als die semipornographische Fan Fiction von Herrn Montemolinos, der den Phantasie-Brenton in epischer Breite sein promiskes homosexuelles Leben schildern läßt, in dem der alles vernascht, was nicht bei drei auf der rettenden Palme war. Klingt lustig, ist es aber nicht.

Das Buch ist nicht direkt pornographisch, explizite sexuelle Handlungen erspart Montemolinos dem Leser, ich würde den Inhalt eher als schlüpfrig bis zotig bezeichnen, und manches ist einfach nur unsagbar dumm. So ist das Phantasie-Moyenne in der Montemolinos-Version eigentlich von Anfang an nur gekauft worden, um später ein Gästehaus zu errichten und junge schwule Backpacker anzulocken, die dann als Gegenleistung für entsprechende Gefälligkeiten zur Verfügung zu stehen hätten, und gipfelt in dem (in der Realität niemals stattgefundenen) Besuch von Rock Hudson, der mehrere Wochen das Bett des Phantasie-Brendons teilt.

Wohlgemerkt, es ist natürlich nicht die sexuelle Ausrichtung, die mich stört, ich würde es als ebenso abstoßend empfinden, hätte Brendon Grimshaw in Thailand gelebt und bekäme in der Phantasieversion nun eine Legion sehr jugendlicher Thailänderinnen ins Bett gelegt. Schlimm finde ich vor allem die Kombination aus schlechter Übersetzung mit läppischer Wortwahl, die Schilderung (so nie stattgefundener) semilegaler Handlungen und die ausufernde Promiskuität, die aus dem wahren Brendon Grimshaw, Journalist, Theater- und Buchkritiker, einen dümmlich wirkenden Sexprotz macht.

Ob Brendon Grimshaw die Wahrheit gesagt hat, als er sich in seiner Autobiographie als heterosexuell dargestellt hat, ob er bi- oder einfach homosexuell war, ob zwischen ihm und René Lafortune, der mit ihm auf Moyenne gelebt und gearbeitet hat, mehr als eine platonische Beziehung bestand, dies alles könnte man in einer gut recherchierten Biographie beleuchten, wenn man Quellen nennen kann, auf denen die Annahme basieren, wie es gewesen sein könnte. Es ist ja durchaus nicht unüblich, ergänzend zu einer bereits existierenden Autobiographie weitere Biographien zu einer Person zu erstellen. Ich wage aber zu bezweifeln, daß Herr Montemolinos so etwas je im Sinn hatte, und zwar aus folgendem Grund:

Nicolas Montemolinos hat weitere Bücher geschrieben, deren Titel er strategisch geschickt mehrmals in "4 Grad Süd" einbaut. So wird sein Buch "Drama auf Floreana" kurzerhand zum Lieblingsbuch des Phantasie-Brendon gemacht. Sein Co-Autor namens George Egnal, mit dem Montemolinos ein Buch über die Atlantik-Insel Ascension plant (basierend auf den Erinnerungen eines wegen homosexueller Handlungen dorthin verbannten Matrosen :wink: ), erhält einen Auftritt in 4 Grad Süd, und der Phantasie-Brendon von ihm einen Vortrag über winterharte Kakteen, der für die Renaturierung einer Seychelleninsel sicher von unschätzbarem Wert war. :lol:

Dies ist insofern erwähnenswert, als alles, was aus den vermutlich schmuddeligen Tastaturen dieser zwei phantasiebegabten Herren geflossen ist, von gleicher Machart ist. Das ist einfach das, was sie tun, das Umschreiben wahrer Begebenheiten unter Betonung erfundener sexueller Handlungen. Total strange. "Drama auf Floreana" macht aus dem Leben der Galápagos-Auswandererin Margaret Wittmer einen Schmuddelroman, während George Egnal der Verfasser eines ähnlich gelagerten Machwerks über die Kokovoren-Kolonie von August Engelhardt auf dem Bismarck-Archipel aus Sicht einer Thüringer Nymphomanin :!: ist, das den schönen Titel "Tödlicher Lustrausch auf der Kokosnussinsel" trägt. Bild

Wer jetzt nicht sowieso schon vor Lachen unter dem Tisch liegt und womöglich immer noch in Betracht zieht, diesen Schund zu kaufen, dem sei gesagt: Brendon Grimshaw gehörte zu jenen Personen, die noch zur Zeit der englischen Kolonialherrschaft auf die Seychellen kamen und dort in aller Abgeschiedenheit die Schönheit der Natur genossen, ihren eigenen Angelegenheiten nachgingen in einer spät-Hippie-Ära, die heute längst vergangen ist. So wie Tom Bowers, Michael Adams, Barbara Jenson und viele mehr, deren Liebe zu den Inseln sie auch die sozialistischen Zeiten überstehen ließ, und von denen nur noch wenige wie Relikte in die modernen Seychellen hinein überdauert haben, in denen der Hochglanz-Luxustourismus dominiert. Wenn man sich für diese Zeit und diese Menschen interessiert, sollte man das echte Buch lesen, auch wenn es keine deutsche Übersetzung davon gibt. Ein Brendon Grimshaw hat es verdient, daß er so in Erinnerung bleibt, wie er sich selbst gesehen wissen wollte. Es wäre sehr zu bedauern, wenn das Montemolinos-Machwerk mangels alternativer Literatur womöglich das zukünftige Bild dieser Zeit und dieses Mannes prägen sollte.

Wer den echten Brendon Grimshaw kennenlernen möchte: Schaut Euch die BBC-Doku an!

https://www.youtube.com/watch?v=GjRke2b36tM

Das Buch gleichen Titels A Grain of Sand

https://www.amazon.de/Grain-Sand-Story- ... 430&sr=8-7

ist ein knapp 200 Seiten langer autobiographischer Bericht über die Zeit vor und auf Moyenne, sein abenteuerliches Leben als Zeitungsherausgeber in Tanzania und später auf Moyenne, wo er, entgegen der allgemeinen Annahme, keineswegs allein mit seinem "Freitag" gelebt hat, sondern umgeben von dessen Familie. Das Buch ist eine muntere Schilderung voller spannender Anekdoten, ein bißchen sprunghaft erzählt, aber sehr unterhaltsam. Brendon Grimshaw war ein Mann, der über sich selbst lachen konnte und der die Natur liebte.
A Grain of Sand wird nicht mehr aufgelegt, es gibt aber genügend Exemplare antiquarisch auch auf Amazon.

2007 hat Brendon Grimshaw ein zweites autobiographisches Buch herausgebracht mit dem Titel Another Grain of Sand. Dies ist wohl vergriffen. Wer das besitzt und eventuell abgeben möchte, ich wäre sehr interessiert. :wink:
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Klara
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Klara » 31 Mai 2020 11:57

Suse hat geschrieben:
30 Mai 2020 12:12
blueshark hat geschrieben:
07 Mai 2020 14:14
Ziel des Aufenthaltes war der Besuch der „Schatzinsel“ Moyenne, die auf dem vierten, südlichen Breitengrad liegt. Der Brite Brendon Grimshaw schuf hier in jahrzehntelanger Arbeit zusammen mit seinem Freund aus einem verödeten Felsen im Meer eine tropische Trauminsel (Moyenne) und sein persönliches "Love Island" mitten im Archipel der Seychellen. Er pflanzte über 16.000 Palmen und legte den Grundstein für die größte
Suse hat geschrieben:
30 Mai 2020 12:12

Dank des Hinweises von blueshark hab ich es umgehend bestellt und gelesen, es ist tatsächlich brandneu, nach Angaben des Autoren jetzt erst während des Corona-Lockdowns verfaßt:

4 Grad Süd von Nicolas Montemolinos

Link siehe oben, man kann es auszugsweise auch über google books online lesen, es gibt auch eine Kindle-Version. Wieviel Geld man, wenn überhaupt, dafür ausgeben möchte, muß ja jeder selbst entscheiden.

Wenn man es der heimischen Buchsammlung hinzufügen möchte, bekommt man ein schmales Softcoverbuch, frisch gedruckt von der Self-publishing-Plattform Book on Demand, gut 150 Seiten dick, in ansprechendem Türkisblau gehalten und mit einem Foto von Moyenne auf dem Cover. Wenn man es aufklappt, bekommt man einen Epilog des Autoren, der auf einer Seychellenreise während eines Tagesausflugs nach Moyenne vor über 10 Jahren noch ein persönliches Zusammentreffen mit Brendon Grimshaw hatte und sich hiervon so tiefst beeindruckt zeigt, daß er die Lebensgeschichte des Autoren nun in eigenen Worten wiedergeben möchte.

Was der Einleitung folgt, ist dann zunächst erst einmal nichts weiter, als eine nicht sehr gelungene Übersetzung von Brendon Grimshaws 1996 erschienener Autobiographie A Grain of Sand, die Nicolas Montemolinos durch Weglassen einzelner Sätze oder gelegentlich auch ganzer Absätze des Originaltextes sowie andererseits durch Hinzufügen eigener fiktionaler Einschübe verfremdet. Selbst bei aller Einflußnahme auf den Originaltext bleibt dieser dennoch erkennbar, und da weder das Originalbuch älter als 70 Jahre noch der Autor bereits 70 Jahre verstorben ist, dürfte sich hier wohl die Frage des Plagiats stellen.

Aber selbst wenn man die rechtlichen Aspekte einmal beseite läßt, ist das ganze zumindest ein gewaltiger Etikettenschwindel, denn einen Disclaimer sucht man vergeblich. Montemolinos verfremdet den Text bevorzugt in sensiblen Bereichen, bei "neutralen" Themen, wie der Renaturierung Moyennes beispielsweise, bleibt der Originaltext fast vollständig unangetastet. Genau genommen ist das, was er hier tut, also Fan Fiction.

Für die, die das nicht kennen: Fan Fiction nennt man die Umschreibung oder Fortführung von geliebten Büchern oder Filmen, deren Handlung oder Ende Fans so nicht akzeptieren wollten und deshalb ihre eigene Phantasieversion davon erschaffen. Real Person Fiction, die Erschaffung von Phantasieversionen real existierender Personen, stellt ein Subgenre dar, und in geschlossenen Foren ohne Gewinnerzielungsabsicht betrieben, ist ja auch nichts dagegen einzuwenden, wenn die Phantasie Blüten treibt und beispielsweise Personen, die im Originalwerk eher nüchtern-rational oder gar asexuell dargestellt werden, die wildesten Dinge tun läßt. Es ist aber eine Sache, ob man sich zu dem logischen Mister Spock Swingerclubgeschichten auf Deep Space Nine ausdenkt, oder Sam und Frodo auf dem Weg nach Mordor mit Gollum Fesselspiele spielen läßt. Es ist etwas ganz anderes, wenn man aus einem bereits verstorbenen Brendon Grimshaw, der sich nicht mehr wehren kann, einen notgeilen alten Bock macht und dies auf einer Selbstveröffentlichungsplattform, die offenbar keine Kontrollinstanz hat, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Und dafür auch noch Geld haben möchte.

4 Grad Süd ist letztlich nichts anderes als die semipornographische Fan Fiction von Herrn Montemolinos, der den Phantasie-Brenton in epischer Breite sein promiskes homosexuelles Leben schildern läßt, in dem der alles vernascht, was nicht bei drei auf der rettenden Palme war. Klingt lustig, ist es aber nicht.

Das Buch ist nicht direkt pornographisch, explizite sexuelle Handlungen erspart Montemolinos dem Leser, ich würde den Inhalt eher als schlüpfrig bis zotig bezeichnen, und manches ist einfach nur unsagbar dumm. So ist das Phantasie-Moyenne in der Montemolinos-Version eigentlich von Anfang an nur gekauft worden, um später ein Gästehaus zu errichten und junge schwule Backpacker anzulocken, die dann als Gegenleistung für entsprechende Gefälligkeiten zur Verfügung zu stehen hätten, und gipfelt in dem (in der Realität niemals stattgefundenen) Besuch von Rock Hudson, der mehrere Wochen das Bett des Phantasie-Brendons teilt.

Wohlgemerkt, es ist natürlich nicht die sexuelle Ausrichtung, die mich stört, ich würde es als ebenso abstoßend empfinden, hätte Brendon Grimshaw in Thailand gelebt und bekäme in der Phantasieversion nun eine Legion sehr jugendlicher Thailänderinnen ins Bett gelegt. Schlimm finde ich vor allem die Kombination aus schlechter Übersetzung mit läppischer Wortwahl, die Schilderung (so nie stattgefundener) semilegaler Handlungen und die ausufernde Promiskuität, die aus dem wahren Brendon Grimshaw, Journalist, Theater- und Buchkritiker, einen dümmlich wirkenden Sexprotz macht.

Ob Brendon Grimshaw die Wahrheit gesagt hat, als er sich in seiner Autobiographie als heterosexuell dargestellt hat, ob er bi- oder einfach homosexuell war, ob zwischen ihm und René Lafortune, der mit ihm auf Moyenne gelebt und gearbeitet hat, mehr als eine platonische Beziehung bestand, dies alles könnte man in einer gut recherchierten Biographie beleuchten, wenn man Quellen nennen kann, auf denen die Annahme basieren, wie es gewesen sein könnte. Es ist ja durchaus nicht unüblich, ergänzend zu einer bereits existierenden Autobiographie weitere Biographien zu einer Person zu erstellen. Ich wage aber zu bezweifeln, daß Herr Montemolinos so etwas je im Sinn hatte, und zwar aus folgendem Grund:

Nicolas Montemolinos hat weitere Bücher geschrieben, deren Titel er strategisch geschickt mehrmals in "4 Grad Süd" einbaut. So wird sein Buch "Drama auf Floreana" kurzerhand zum Lieblingsbuch des Phantasie-Brendon gemacht. Sein Co-Autor namens George Egnal, mit dem Montemolinos ein Buch über die Atlantik-Insel Ascension plant (basierend auf den Erinnerungen eines wegen homosexueller Handlungen dorthin verbannten Matrosen :wink: ), erhält einen Auftritt in 4 Grad Süd, und der Phantasie-Brendon von ihm einen Vortrag über winterharte Kakteen, der für die Renaturierung einer Seychelleninsel sicher von unschätzbarem Wert war. :lol:

Dies ist insofern erwähnenswert, als alles, was aus den vermutlich schmuddeligen Tastaturen dieser zwei phantasiebegabten Herren geflossen ist, von gleicher Machart ist. Das ist einfach das, was sie tun, das Umschreiben wahrer Begebenheiten unter Betonung erfundener sexueller Handlungen. Total strange. "Drama auf Floreana" macht aus dem Leben der Galápagos-Auswandererin Margaret Wittmer einen Schmuddelroman, während George Egnal der Verfasser eines ähnlich gelagerten Machwerks über die Kokovoren-Kolonie von August Engelhardt auf dem Bismarck-Archipel aus Sicht einer Thüringer Nymphomanin :!: ist, das den schönen Titel "Tödlicher Lustrausch auf der Kokosnussinsel" trägt. Bild

Wer jetzt nicht sowieso schon vor Lachen unter dem Tisch liegt und womöglich immer noch in Betracht zieht, diesen Schund zu kaufen, dem sei gesagt: Brendon Grimshaw gehörte zu jenen Personen, die noch zur Zeit der englischen Kolonialherrschaft auf die Seychellen kamen und dort in aller Abgeschiedenheit die Schönheit der Natur genossen, ihren eigenen Angelegenheiten nachgingen in einer spät-Hippie-Ära, die heute längst vergangen ist. So wie Tom Bowers, Michael Adams, Barbara Jenson und viele mehr, deren Liebe zu den Inseln sie auch die sozialistischen Zeiten überstehen ließ, und von denen nur noch wenige wie Relikte in die modernen Seychellen hinein überdauert haben, in denen der Hochglanz-Luxustourismus dominiert. Wenn man sich für diese Zeit und diese Menschen interessiert, sollte man das echte Buch lesen, auch wenn es keine deutsche Übersetzung davon gibt. Ein Brendon Grimshaw hat es verdient, daß er so in Erinnerung bleibt, wie er sich selbst gesehen wissen wollte. Es wäre sehr zu bedauern, wenn das Montemolinos-Machwerk mangels alternativer Literatur womöglich das zukünftige Bild dieser Zeit und dieses Mannes prägen sollte.

Wer den echten Brendon Grimshaw kennenlernen möchte: Schaut Euch die BBC-Doku an!

https://www.youtube.com/watch?v=GjRke2b36tM

Das Buch gleichen Titels A Grain of Sand

https://www.amazon.de/Grain-Sand-Story- ... 430&sr=8-7

ist ein knapp 200 Seiten langer autobiographischer Bericht über die Zeit vor und auf Moyenne, sein abenteuerliches Leben als Zeitungsherausgeber in Tanzania und später auf Moyenne, wo er, entgegen der allgemeinen Annahme, keineswegs allein mit seinem "Freitag" gelebt hat, sondern umgeben von dessen Familie. Das Buch ist eine muntere Schilderung voller spannender Anekdoten, ein bißchen sprunghaft erzählt, aber sehr unterhaltsam. Brendon Grimshaw war ein Mann, der über sich selbst lachen konnte und der die Natur liebte.
A Grain of Sand wird nicht mehr aufgelegt, es gibt aber genügend Exemplare antiquarisch auch auf Amazon.

2007 hat Brendon Grimshaw ein zweites autobiographisches Buch herausgebracht mit dem Titel Another Grain of Sand. Dies ist wohl vergriffen. Wer das besitzt und eventuell abgeben möchte, ich wäre sehr interessiert. :wink:
Danke, dass du dir für uns die Mühe gemacht hast, diese wunderbare Buchbesprechung zu verfassen. Ich hatte damals nach bluesharks Hinweis kurz die Pressemitteilung überflogen und dachte ist ja blöd formuliert , " Der Brite Brendon Grimshaw schuf hier in jahrzehntelanger Arbeit zusammen mit seinem Freund aus einem verödeten Felsen im Meer eine tropische Trauminsel (Moyenne) und sein persönliches "Love Island" mitten im Archipel der Seychellen." Ich dachte, seine persönliche Trauminsel wäre gemeint und "Love Island" sei fälschlich verwendet :lol: Naja, war wohl doch gemient wie geschrieben. Ich hatte das Buch durchaus als Geschenk im Hinterkopf, wäre mir ja echt peinlich gewesen, so etwas zu verschenken, nachdem ich bei google books mal reingelsesn habe.
Danke auch für die Ausführung zu Fan Fiction, kannte ich Blödi natürlich nicht.
LG
Klara

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Suse
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Suse » 01 Jun 2020 12:19

Klara hat geschrieben:
31 Mai 2020 11:57
Ich hatte das Buch durchaus als Geschenk im Hinterkopf, wäre mir ja echt peinlich gewesen, so etwas zu verschenken, nachdem ich bei google books mal reingelsesn habe.
Danke auch für die Ausführung zu Fan Fiction, kannte ich Blödi natürlich nicht.
LG
Klara
Diese Fan Fiction ist ja eigentlich auch eine Sache, die in mehr oder weniger kleinen geschlossenen Foren betrieben wird, wo sie sich das dann gegenseitig zum Lesen geben und nicht veröffentlichen. Und wenn etwas sehr erfolgreich ist und der Verfasser meint, es nun doch der breiten Öffentlichkeit verkaufen zu wollen, dann wird es eben entsprechend überarbeitet, so daß es keinen Bezug mehr zum Original erkennen läßt. Fifty Shades of Grey ist so ein Beispiel, das hat als aufgepeppte Fan Fiction eines Jugendbuchs angefangen.

Wenn der Montemolinos es ähnlich gemacht hätte, einen anderen Namen, ein anderes Setting, dann wäre doch alles kein Problem. Wenn einer einen Schwulenporno auf einer Seychelleninsel schreiben will, soll er doch machen, dafür gibts mit Sicherheit Leser. Aber eine reale Person hernehmen und ihre eigenen Worte so verdrehen, vor allem, ohne an irgendeiner Stelle irgendwo einen Hinweis einzubauen, geht für mich irgendwie gar nicht.

Es gibt ein (nicht deutschsprachiges) Galápagos-Forum, da stören sie sich an dieser verfälschten Wittmer-Geschichte genau so wie ich an der Grimshaw-Geschichte. Aber das passiert ja nur, wenn man die Ursprungsgeschichte auch kennt. Es wird ja vermutlich nicht mehr so lange dauern, bis niemand sich mehr an den echten Brendon und sein Buch erinnert, das ja schon lange nicht mehr aufgelegt wird. Und dann lesen die heutigen Seychellen-Erstbesucher, die vielleicht einen Tagesausflug nach Moyenne gemacht haben, nach der Reise dieses Montemolinos-Machwerk, denken, dies wäre die wahre Geschichte, und in der kollektiven Erinnerung bleibt das dann so hängen.

Ich frage mich auch, ob Book on Demand überhaupt keine Auflagen hat, daß die Werke irgendwie gegengelesen werden müssen. Wenn man bei Amazon etwas veröffentlichen will, muß man einen Lektor benennen können, muß kein professioneller sein, aber zumindest irgendeine unabhängige Person.
Wenn Du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

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Anubis
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Anubis » 01 Jun 2020 13:47

Vielen Dank für die ausführliche Rezension, Suse. Planst Du jetzt eigentlich eine Galapagosreise? Oder warst Du nur zufällig im Forum, wegen dem Wittmer Buch?
Zuletzt geändert von Anubis am 01 Jun 2020 13:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Anubis
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Re: Literatur von den Inseln

Beitrag von Anubis » 01 Jun 2020 13:48

Gelöscht - Doppelpost.
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