Dschungelcamp an der Datumsgrenze

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Klara
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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Klara » 21 Jun 2019 16:57

mr.minolta hat geschrieben:
20 Jun 2019 23:01
Frenki hat geschrieben:
20 Jun 2019 22:13
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... ist das jetzt für 3 Erbsen ...? ... oder Liquid? Ging's dem Mister nicht gut ...? Ich mein ja nur ...

Okay! Bin gespannt auf die kompetenten und sachkundigen Darstellungen von Klara, die in den nächsten Stunden gepostet werden ... I)



Was glaubst Du denn, warum wir diese Premium-Vorlage geliefert haben? :lol:

Wir haben unsere fäkalen Connaisseure hier im Forum doch nicht vergessen, nur weil wir ein paar Tage auf einem anderen Planeten waren! :lol:
Ach was, Fäkalien mit Sand bedecken hat doch was katzenklomäßiges, da hätte ich absolut kein Problem mit. Aber doch noch ne Assoziation, gab es auch Fliegen :mrgreen:
Nur angekettet an den Herd und die Hausarbeit, da stinkt man ja schnell wie ne polnische Putzfrau (nichts gegen die Damen, auch wenn mir der Akzent der Französinnen genehmer ist), ist bei uns aber so ein geflügeltes Wort, wenn man sich durchgeschwitzt bei der Hausarbeit befindet. Darauf bezog sich meine Frage, ob man auch im Meer baden konnte, denn das Trinkwasser würde ich auch sparsam verwenden, aber sich reinigen hat schon was :lol: . Mit dem Essen hätte ich gar kein Problem, Kokosnüsse, Papaye, dann hätte ich mir Datteln mitgenommen, da müsste ich gar nicht kochen, nur mal kochendes Wasser für Kaffee wäre mir lieb. Ich hätte allerdings gedacht, man könnte da auch Fische fangen.

Danke für den kurzweiligen Bericht und die tollen Bilder
Klara

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mr.minolta
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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von mr.minolta » 22 Jun 2019 00:58

Klara hat geschrieben:
21 Jun 2019 16:57
Ich hätte allerdings gedacht, man könnte da auch Fische fangen.
Das kann man auch. Also, Karambesi, ran an die Buletten! Wie man in Berlin so schön sagt... :wink:

Ich habe zwar mein halbes Leben lang beruflich mit Fischen zu tun gehabt, darf sie aber nicht essen. Ich hab 'ne Allergie. Suse ist auch keine explizite Fischliebhaberin, deshalb haben wir das unterlassen. Zur Einweisung auf Foa gehört auf Wunsch auch der Umgang mit der Angel. Karambesi hätte das nicht nötig, aber sie geben bei Bedarf auch eine kleine Ausrüstung mit, dazu 'ne Harpune.

Wenn man tief genug gräbt und reichlich nachschaufelt, gibt es keine Fliegen! :smokin:

Die waren aber sowieso nicht vorhanden, wie auch die Mücken. Das lag am Wind. Dafür gab es aber ein Problem mit den Krebsen. Die haben das, was man vergrub, manchmal wieder ausgegraben und um das Loch herum verteilt... :wink: Weitere Details gibt es aber nur auf Frenkis ausdrücklichen Wunsch zu lesen! I)

Suse ist gestern leider nicht mit dem nächsten Text fertiggeworden, aber heute nachmittag geht's dann wirklich weiter.
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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Suse » 22 Jun 2019 01:09

Karambesi hat geschrieben:
21 Jun 2019 11:04
Vielen Dank an Euch, für mich persönlich einer der wohl schönsten Berichte seit langem, welche ich im Netz Lesen durfte. :bounce:

Habe mit meiner Frau darüber auch gesprochen, sie zollte Respekt, aber ........ 8)
Das hast Du aber nett gesagt. Wir sind ja auch noch nicht ganz fertig. Könnte sein, daß das, was demnächst kommt, mehr nach dem Geschmack Deiner Frau ist. :D
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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Suse » 22 Jun 2019 14:39

Der Strand am nördlichen Ende Foas birgt ein Geheimnis, das nur bei Ebbe freigelegt wird, und dessen Entdeckung vor knapp zehn Jahren alle bis dahin gängigen Ansichten über die Migration der polynesischen Völker auf den Kopf stellte.

Genau hier, in der weiten Linkskurve, die der Strand hinter der Matafonua Lodge beschreibt, entdeckten 2009 zwei australische Archäologen auf den flachen Platten des fossilen Korallenriffs zahlreiche Petroglyphen, fast identisch mit gleichartigen Abbildungen an verschiedenen Fundorten in Hawai’i, die auf ungefähr 1500 vC zu datieren sind.


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In den regelmäßig von Naturkatastrophen gebeutelten Inseln Ozeaniens, in denen kaum etwas die Jahrtausende überdauert, wenn man von ein paar getöpferten Werken der Lapita-Kultur einmal absieht, so daß die Geschichtsforschung somit in weiten Teilen auf Mutmaßungen und Wahrscheinlichkeitsannahmen angewiesen ist, ein Fund von unschätzbarem Wert. Sollte man meinen.

Daß die Korallenplatten nicht direkt in ein Museum auf Tongatapu geschafft wurden, erstaunt mich zuerst. Zwar wird auch in der Lüneburger Heide über bronzezeitlichen Opfersteinen nicht gleich ein schützendes Häuschen errichtet, aber diese sind auch nicht so sehr den unvorstellbaren Kräften eines Tsunamis oder eines Zyklons ausgesetzt. Daß der Fundort der Steine dann aber nicht einmal gekennzeichnet ist, finde ich wiederum gut. Das Selberfinden ist der halbe Spaß und es dauert tatsächlich eine ganze Zeit, in der ich das gesamte Riff dreimal ablaufe, bis ich die ersten Petroglyphen entdecke.

Eine Schildkröte, einen Fisch und etwas, das aussieht wie das Profil von Killroy, den wir Schüler schon in der prä-Graffiti-Ära der Siebziger Jahre gern überall hinkritzelten, meine ich zu erkennen.

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Daß die Petroglyphen nicht die Anerkennung bekommen, die sie nach Ansicht ihrer Entdecker verdienen, mag auch daran liegen, daß Ha’apai generell eine für eine polynesische Insel recht hohe Dichte an bedeutsamen historischen Ereignissen zu verzeichnen hat.
Nicht nur, daß hier die Christianisierung und damit Einigung der bis dahin verfeindeten Königshäuser der Inselgruppen ihren Ursprung nahm. Hier meuterte die Besatzung der Bounty und hier sank die Port au Prince und verschaffte den Ha’apai-Inseln ihre eigene Legende vom versunkenen Goldschatz, die sich hinter der der Seychellen und La Buse nicht zu verstecken braucht.

Die Geschichte der Port au Prince, eines englischen Kaperschiffs, ist längst nicht so bekannt wie die der Bounty, aber ebenso spannend. Wer von dem Schiff noch nicht gehört hat, kennt hingegen vielleicht den Namen William Mariners, der als Schiffsjunge an Bord der Port au Prince den Untergang überlebte und von einem tonganischen Häuptling adoptiert wurde, der ihn so schätzen lernte, daß er ihn später sogar in die Heimat zurückkehren ließ. Zum Glück für den Rest der Menschheit, denn es wurde ein recht angesehener Reiseschriftsteller aus ihm, der über noch nicht dagewesene Insiderkenntnisse über Tonga verfügte. Wer seine Erlebnisse lesen möchte, sollte „Nachrichten aus Tonga“ googeln, das Buch kann man in einer digitalisierten Version sogar im Original oder auch halbwegs bequem in Sütterlin lesen.

Die Suche nach den Petroglyphen macht vor allem bei Nacht mit entsprechender Beleuchtung Sinn, da die Einkerbungen dann gut sichtbare Schatten werfen sollen. Bei Niedrigwasser geht es tagsüber aber genauso gut, da dann der größte Teil des fossilen Riffs frei liegt und man gut darauf herumklettern kann. Da dies heute ausgerechnet um 11:30 h eintritt und mich die Suche nach den Steinzeichnungen so fesselt, daß ich alles andere vergesse, handele ich mir das ein, das ich in 10 Tagen Luahoko trotz spärlichster Bekleidung vermeiden konnte: Ich habe einen Sonnenbrand.

Das stechende Gefühl auf der Haut erinnert mich dann irgendwann daran, jetzt doch mal langsam aus der Sonne zu gehen und ich wandere durch den Wald zurück zu Fale Hiva. Auf dem schattigen Pfad, der vom Matafonua-Strand zum Friedhof der Kinderkleider führt, sehe ich dann auch endlich die ersten Farne dieses Urlaubs. Sie sind hier plötzlich zahlreich, vor allem die fertilen Wedel sehen aus wie Phymatodes, Tausendfüssler-Farn, wie er auch auf La Digue entlang der Wege von der Grand Anse bis zur Anse Cocos häufig ist. Da ich keine Botanikerin bin, kann ich das nur anhand der Ähnlichkeit schätzen, späteres Nachschlagen bestätigt es allerdings. Es ist ein Farn, der mir gut gefällt, da er durch die Verschiedenartigkeit der juvenilen Wedel und der adulten Pflanze recht abwechslungsreich aussieht und überhaupt sehr tropisch wirkt. Ich freue mich, überhaupt ein paar Farne zu sehen, in einem Tropenurlaub ohne die von mir favorisierten Pflanzen, da hätte mir direkt etwas gefehlt.

Der Tag ist ja noch jung, der Mister, der, jetzt, wo er wieder Strom satt hat, schon in Luahoko-Erinnerungen schwelgt und Purzelfotos sichtet, ist auch unternehmungslustig, so daß wir uns Fahrräder mieten. Wie überall auf der Welt sind die Mieträder eine Wundertüte, bei dem ersten, das Duncan mir gibt, verabschiedet sich direkt der Lenker. Auch sonst sind die Dinger merkwürdig, anstelle einer Kette haben sie Gummiriemen mit kettengliederartig ausgestanzten Aussparungen. Die Technik funktioniert so lala, allzu kräftig darf man nicht in die Pedale treten, dann fliegt die „Kette“ ab.

Wir radeln den schnurgerade verlaufenden Inselhighway entlang und passieren irgendwann Darrens Waldgrundstück, an dem wir an unserem Ankunftstag zur Ziegenkontrolle angehalten haben, und nun klärt sich, welches große Tier damals im Gebüsch herumraschelte und in mir die Assoziationen zu der Jurassic Park-Szene auslöste. Am Zaun, umringt von den kleinen Ziegen, steht ein junges Pferd, ein hübscher Fuchs, vielleicht zwei Jahre alt. Das bestaussehendste Pferd der Inseln, wie Darren uns später voller Besitzerstolz sagt. Was vermutlich keine Kunst ist, denn andere Pferde auf Tonga müssen in diesem zarten Alter sicher längst harte Arbeit verrichten.


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Es dauert auch nicht lange, bis wir ein Vergleichsobjekt sehen. Faleloa, das kleine Dorf, dem die beiden Resorts offiziell angegliedert sind, ist eine Ansammlung einfacher tropischer Häuser mit mehr oder weniger gepflegten Gärten und vor allem vielen kleinen schuhkartonartigen Stelzenhäusern, die, wie ein Schild erläutert, nach Zyklon Ian aus Mitteln eines US-amerikanischen Katastrophenfonds errichtet wurden. Dazwischen große Grasflächen, auf denen sich die allgegenwärtigen Schweine tummeln, die Leibspeise der Tonganer, die zu festlichen Anlässen im Umu, dem Erdofen, zubereitet werden. Außerdem angepflockte Pferde, gut genährt und generell nicht vernachlässigt, aber auch nicht wirklich gepflegt.

Die Pferde Ozeaniens gelten nicht als eigenständige Rassen, es ist inselübergreifend eher eine mehr oder weniger homogene Population, die optisch noch ein wenig an ihre Vorfahren erinnert, die vermutlich spanische Pferde gewesen sein dürften, die über Südamerika hierher gelangten. Tongas Pferde gelten als besonders sanft und freundlich, was gut ist, denn geritten wird üblicherweise ohne Sattel. Auch die Exemplare, die wir hier antreffen, werden anscheinend gut behandelt, sie sind Streicheleinheiten gegenüber jedenfalls aufgeschlossen und wirken tiefenentspannt.


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Ungefähr in der Ortsmitte erwartet uns eine Überraschung. Selbst ein kleiner Ort wie Faleloa kann mit mehreren Kirchen unterschiedlicher religiöser Ausrichtungen aufwarten, seien es die Siebentagsadventisten, die Wesleymethodisten, die Kirche der Heiligen der letzten Tage oder - man glaubt es kaum - die Kirche zum Heiligen Einsiedlerkrebs.


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Wären wir am Sonntag noch hier, müßten wir den Gottesdienst besuchen, egal welche Glaubenslehre sich dahinter nun wirklich verbergen mag. Nicht nur, weil die Tonganer schöner singen sollen als alle anderen Völker Polynesiens, sondern auch um der armen Kerlchen zu gedenken, die seit unserer Abreise vermutlich mit knurrenden Mägen unter dem Purzelbaum auf Luahoko sitzen und auf Papayas und Kokosnüsse warten.
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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von foto-k10 » 22 Jun 2019 17:07

Suse hat geschrieben:
22 Jun 2019 14:39
Die Geschichte der Port au Prince, eines englischen Kaperschiffs, ist längst nicht so bekannt wie die der Bounty, aber ebenso spannend.
An die Bounty würde man sich heute auch nicht erinnern, hätten die Verwandten von Christian Fletscher nicht so einen Rufmord an Kapitän Bligh veranstaltet.
Suse hat geschrieben:
22 Jun 2019 14:39
Auch sonst sind die Dinger merkwürdig, anstelle einer Kette haben sie Gummiriemen mit kettengliederartig ausgestanzten Aussparungen. Die Technik funktioniert so lala, allzu kräftig darf man nicht in die Pedale treten, dann fliegt die „Kette“ ab.
Dat nennt man "Zahnriemen".

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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von mr.minolta » 22 Jun 2019 18:37

foto-k10 hat geschrieben:
22 Jun 2019 17:07
Dat nennt man "Zahnriemen".
Ne, nich wirklich.

Der hatte eben keine Zähne, sondern Vertiefungen. Hab ich so auch noch nie gesehen. Der wirkte wie eine Kette mit gliederartigen Elementen aus Gummi. Irgendeine Exotenerfindung aus China, nehme ich an. :wink:
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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von foto-k10 » 22 Jun 2019 19:04

Muss auch keine Zähne haben, so eine Trapezform - wie bei Wikipedia gezeigt - ist häufig: https://de.wikipedia.org/wiki/Zahnriemen

Eine Fahrradkette, die nicht regelmäßig geölt wir, hat bei Salzdunst schnell Probleme. Ohne eingestellte Spannung ist ein Zahnriemen natürlich witzlos. Mit den ebikes werden Riemenantriebe auch in Deutschland häufiger werden ...

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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Suse » 22 Jun 2019 19:50

Als wir die letzten Ausläufer von Faleloa erreicht haben, machen wir Pause auf einer Bank am Wegesrand. Es ist nicht genau erkennbar, ob die Bänke für die Allgemeinheit aufgestellt wurden, oder zum Privatgrundstück der Einheimischen gehören, so daß wir um Erlaubnis fragen, uns hier niederlassen zu dürfen. Ich platze mit meiner Frage mitten in die ländlichen Verrichtungen hinein, er repariert am Pickup herum, sie füttert die Schweine. Man schaut erschrocken, die Frage löst auch zunächst Unverständnis aus, aber als sie verstehen, was ich wissen möchte, kommt das offenbar gut an. Mit breitem Lachen antwortet man mir, aber selbstverständlich dürften wir dort sitzen.

Als wir Cola und Knabberkram auspacken, haben wir bald Gesellschaft. Nicht nur die Ferkelbande schnürt langsam heran, auch zwei Mädchen gesellen sich zu uns. Noch gehen sie vermutlich nicht zur Schule, sie sprechen noch kein Wort Englisch, und wir schätzen sie auf höchstens sechs Jahre. Die aufgewecktere der beiden übernimmt die Konversation mit Händen und Mimik. Man möchte probieren, was wir da gerade essen. Die angebotenen Bananenchips werden dann allerdings mit entgleisten Gesichtszügen gegessen. Der ausgestreckte Finger, der auf eine benachbarte Bananenstaude zeigt, scheint uns zu sagen, daß sie mit etwas aus ihrer Sicht Exotischerem gerechnet hatten. Die Cola ist da sehr viel interessanter.

Die nonverbale Verständigung klappt hervorragend. Bald wissen wir, wieviele Schweine sie und die Nachbarn besitzen und welche zu wem gehören. Ein vorbeifahrender Jugendlicher wird uns mit einer eindeutigen Handbewegung in Stirnhöhe als Spinner beschrieben.

Als wir sie fragen, ob wir ein Foto mit ihnen machen dürfen, halten sie gerade für eine gemeinsame Aufnahme mit mir still, dann folgt die unmißverständliche Aufforderung an uns, die Plätze zu tauschen. Sie möchten mit ihm aufs Foto, nicht mit mir. Somit kauere ich bald mit der Kamera auf dem Boden und mein Mann sitzt auf der Bank zwischen zwei begeisterten Mädchen, in deren Gesichtszügen sich bereits die zukünftigen polynesischen Schönheiten abzeichnen und die ihm scheue Blicke zuwerfen. Umringt von einer Horde grunzender Ferkel. Es werden hinreißende Bilder.


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Wir radeln langsam zurück, gerade ist Schulschluss in Faleloa. Überall Indizien, daß das Land den Kampf gegen den ungesunden Lebenswandel aufgenommen hat. Große Lehrtafeln am Schulzaun fordern zum Konsum von Kokoswasser anstelle westlicher Softdrinks auf und wir haben ein etwas schlechtes Gewissen, daß wir den beiden Mädchen zuvor von unserer Cola abgegeben haben, auch wenn in der Dose nur noch wenige Schlucke waren.


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Hinter der Schule beendet eine gemischte Klasse gerade die Gartenarbeit, sie schleppen emsig Grünzeug zum Kompost, weiter hinten brennt bereits ein Feuer. Ich liebe den Geruch. Um die Schule herum zahlreiche Geländewagen in unterschiedlichen Stadien des Verfalls, darin die abholenden Mütter, die wartend auf ihren Handys herumtippen. Das ist also auch nicht anders als bei uns.

Am Nachmittag müssen wir packen. Morgen verlassen wir Foa und kehren zurück nach Tongatapu, bevor es in ein paar Tagen weitergeht nach Eua. Als wäre es für unseren Abschied organisiert worden (was es natürlich nicht ist), gibt es am Freitagabend ein Buffet. Da beide Schwesterresorts derzeit nur mit wenigen Gästen belegt sind, findet es für alle gemeinsam in der Matafonua Lodge statt, so daß wir abends im Dunklen zu zweit über den gruseligen Kinderkleiderfriedhof Richtung Nordspitze huschen.

Inzwischen sind weitere deutsche Gäste eingetroffen, weit gereiste Leute, mit denen wir uns interessant unterhalten. Auch die gesamte Sandy Beach Crew ist dabei, außerdem Darren und seine Familie. Das Buffet ist ausgezeichnet, zur Erleichterung des Misters auch weitestgehend fischfrei, was hier ja nicht unbedingt zu erwarten gewesen war. Natürlich dient die Veranstaltung in gewissem Sinne auch einem Werbezweck. Man soll die Matafonua Lodge kennenlernen und vor allem zu zukünftigen Reisen animiert werden. Als wir andeuten, bereits über eine Luahoko-Wiederholung nachzudenken, fragt uns Ruth, was denn mit uns nicht stimme…

Die eigentliche Saison in Tonga beginnt, wenn die Wale kommen, ungefähr von Juli bis Oktober. Tonga ist einer der wenigen Orte auf der Welt, der das Schwimmen mit Buckelwalen erlaubt und wir bekommen aus Darrens Archiven einige unfaßbare Aufnahmen gezeigt und die dazu passenden Geschichten erzählt. Es ist schon verlockend, was wir sehen. Die jungen Bullen und die alten Kühe, die so vertraut sind mit den Menschen hier, daß sie mit ihnen spielen und gezielt die Lagune vor dem Sandy Beach aufsuchen, um ihre Kälber nahe bei den Menschen zur Welt zu bringen.

Man kann jedoch nicht alles haben, und für uns ist das zunächst keine Option, denn während der Buckelwalsaison ist Luahoko „geschlossen“. Die Resorts sind zu dieser Zeit ausgebucht und alle Boote tagtäglich im Einsatz, so daß für den Luahoko-Transfer schlicht keine Kapazitäten frei sind. Natürlich löst dies sofort Phantasien aus, wie es denn wäre, einfach die gesamte Buckelwalsaison dazubleiben, aber das ist natürlich Nonsense, solange man kein eigenes Boot zur Verfügung hat, um sich selbst zu verpflegen oder aus anderen Gründen die Insel verlassen zu können.

Der Abschied von Foa endet am nächsten Morgen mit mehreren Schrecksekunden. Nicht nur, daß ich es schaffe, mich auf dem Flughafenklo einzusperren. Ein Kunststück, mit dem ich mich übrigens in bester Gesellschaft befinde, wie wir später feststellen, denn die Verriegelung ist auf allen öffentlichen Inseltoiletten ähnlich schrottreif, so daß dies auch Einheimischen passiert. Auch die Wiegeprozedur ist unerfreulich, denn offensichtlich habe ich es als vermutlich einziger Mensch auf der Welt geschafft, während des Luahoko-Aufenthalts zuzunehmen.

Der kleine Islandhopper ist dann auch noch eine wesentlich kleinere Maschine als auf dem Hinflug und entsetzlich eng, so daß ich in dem winzigen Mittelgang zwischen den Rückenlehnen stecken bleibe. Dies geht natürlich auch allen Tonganern so, weshalb die Rückenlehnen zu diesem Zweck nach vorn geklappt werden können. Man muß es eben nur wissen.


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Nach einer herzlichen Verabschiedung von Darren verlassen wir also Foa, die kleine Maschine befördert uns erneut über die kleinen, wie türkise Diamanten verstreuten Atolle. Nicht nur wir, auch die Einheimischen, die regelmäßig zwischen den Inselgruppen hin- und herfliegen, sind beeindruckt und fotografieren pausenlos.

Kautai holt uns ab und die Freude, sich wiederzusehen, ist beiderseits. Daß wir es überhaupt wieder mit ihm zu tun bekommen, ist wiederum Gita zu verdanken, denn eigentlich war gar nicht geplant, länger als den Ankunftstag in der relativ feudalen Seaview Lodge zu wohnen. Wir hatten uns für den Anschlußaufenthalt andere Unterkünfte ausgesucht, abgelegenere in wilderen Gegenden, in die die Tonganer selbst fahren, um Urlaub zu machen. Von Einheimischen betriebene kleine Resorts, bestehend aus traditionellen Hütten, die dem Sturm dementsprechend nichts entgegenzusetzen hatten und auch heute, ein Jahr später, noch nicht wieder aufgebaut sind.

Die stabile Seaview Lodge hatte nur wenige Schäden davongetragen, die mit Schweizer Präzision längst beseitigt wurden, und so entschließen wir uns, den abenteuerlicheren Gästehäusern nicht hinterherzutrauern, sondern uns einfach auf die schöne Unterkunft zu freuen.

Kautai erzählt uns, es habe während unserer gesamten Abwesenheit auf Tongatapu nicht geregnet, was auch während der Trockenzeit ungewöhnlich sei. Prompt fallen noch während der Fahrt vom Flughafen nach Nuku’alofa die ersten Tropfen. Na super. Wir verabreden uns mit ihm für den übermorgigen Tag für eine Inselrundfahrt. Denn morgen ist erst einmal Sonntag und wie wir inzwischen wissen - da geht in Tonga gar nichts.

In der Seaview Lodge angekommen, empfängt uns diesmal nicht James Brown, sondern ein uns bislang unbekannter Mitarbeiter, der, während er unsere Anmeldung ausfüllt, mit gerunzelter Stirn in den Unterlagen blättert. Ich inspiziere derweil unauffällig die neben der Rezeption befindliche Bar. Bislang scheinen weder Jim, Jack noch Johnny hier neu eingezogen zu sein. Nur von dem einheimischen Whisky ist immer noch etwas übrig.

Als wir zu unserem Zimmer gebracht werden, schlagen wir vermeintlich die falsche Richtung ein. Sind die Zimmer nicht eigentlich alle rechts den Gang runter? Dann geht es durch eine kleine Seitentür und eine enge Treppe hoch. Wir fragen uns schon, in welche Dachkammer man uns denn jetzt gerade verfrachtet, als wir plötzlich in einem großzügigen, mit eleganten Kolonialmöbeln und Mahagonischnitzereien eingerichteten Wohnzimmer stehen, in dem der gigantische Flachbildfernseher mit der eleganten Küche um die Wette glänzt. Zur Rechten zwei Schlafzimmerer mit Himmelbetten, zur Linken eine sich über die gesamte Längsseite erstreckende Terrasse mit Liegestühlen und Rattanmöbeln. Allein das Wohnzimmer mit dem gigantischen Esstisch ist größer als unsere gesamte Wohnung zuhause. Wir haben längst geschnallt, daß wir, nachdem uns unsere geplanten Unterkünfte durch Naturkatastrophen und tragische Unglücksfälle auf dieser Reise mit schöner Regelmäßigkeit vor der Nase zerplatzten, hier gerade voll ins Glückstöpfchen gegriffen haben. Wir grinsen bereits im Kreis, als unser Begleiter die Koffer abstellt, sich zu uns umdreht und völlig überflüssigerweise verkündet: You got an upgrade.


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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Suse » 22 Jun 2019 20:45

foto-k10 hat geschrieben:
22 Jun 2019 19:04
Muss auch keine Zähne haben, so eine Trapezform - wie bei Wikipedia gezeigt - ist häufig: https://de.wikipedia.org/wiki/Zahnriemen
So wie auf dem Wikipedia-Bild sah es auch nicht aus, eher wie eine richtige Fahrradkette aus Gummi (oder Kunststoff) und ohne bewegliche Kettenglieder. Das Fahrrad hatte auch ein ganz normales Ritzel. Ist zwar nicht so von Bedeutung (es fuhr sich nämlich nicht besonders gut damit), aber ich habs jetzt mal gegoogelt, Fahrradketten aus Kunststoff scheinen gar nicht so selten zu sein.
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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Klara » 23 Jun 2019 09:25

Suse hat geschrieben:
22 Jun 2019 19:50

Als wir sie fragen, ob wir ein Foto mit ihnen machen dürfen, halten sie gerade für eine gemeinsame Aufnahme mit mir still, dann folgt die unmißverständliche Aufforderung an uns, die Plätze zu tauschen. Sie möchten mit ihm aufs Foto, nicht mit mir. Somit kauere ich bald mit der Kamera auf dem Boden und mein Mann sitzt auf der Bank zwischen zwei begeisterten Mädchen, in deren Gesichtszügen sich bereits die zukünftigen polynesischen Schönheiten abzeichnen und die ihm scheue Blicke zuwerfen. Umringt von einer Horde grunzender Ferkel. Es werden hinreißende Bilder.
herrlich, auf uns kamen auch schon wildfremde Leute zu, ob sie mal ein Foto zusammen mit meinem Göttergatten machen könnten :lol:
Suse hat geschrieben:
22 Jun 2019 19:50
Der Abschied von Foa endet am nächsten Morgen mit mehreren Schrecksekunden. Nicht nur, daß ich es schaffe, mich auf dem Flughafenklo einzusperren. Ein Kunststück, mit dem ich mich übrigens in bester Gesellschaft befinde, wie wir später feststellen, denn die Verriegelung ist auf allen öffentlichen Inseltoiletten ähnlich schrottreif, so daß dies auch Einheimischen passiert. Auch die Wiegeprozedur ist unerfreulich, denn offensichtlich habe ich es als vermutlich einziger Mensch auf der Welt geschafft, während des Luahoko-Aufenthalts zuzunehmen.
da erkenne ich mich auch wieder :wink:
Suse hat geschrieben:
22 Jun 2019 19:50
Als wir zu unserem Zimmer gebracht werden, schlagen wir vermeintlich die falsche Richtung ein. Sind die Zimmer nicht eigentlich alle rechts den Gang runter? Dann geht es durch eine kleine Seitentür und eine enge Treppe hoch. Wir fragen uns schon, in welche Dachkammer man uns denn jetzt gerade verfrachtet, als wir plötzlich in einem großzügigen, mit eleganten Kolonialmöbeln und Mahagonischnitzereien eingerichteten Wohnzimmer stehen, in dem der gigantische Flachbildfernseher mit der eleganten Küche um die Wette glänzt. Zur Rechten zwei Schlafzimmerer mit Himmelbetten, zur Linken eine sich über die gesamte Längsseite erstreckende Terrasse mit Liegestühlen und Rattanmöbeln. Allein das Wohnzimmer mit dem gigantischen Esstisch ist größer als unsere gesamte Wohnung zuhause. Wir haben längst geschnallt, daß wir, nachdem uns unsere geplanten Unterkünfte durch Naturkatastrophen und tragische Unglücksfälle auf dieser Reise mit schöner Regelmäßigkeit vor der Nase zerplatzten, hier gerade voll ins Glückstöpfchen gegriffen haben. Wir grinsen bereits im Kreis, als unser Begleiter die Koffer abstellt, sich zu uns umdreht und völlig überflüssigerweise verkündet: You got an upgrade.


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super, dass gönnt man euch von ganzem Herzen.
Danke fürs Darstellen
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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Suse » 23 Jun 2019 22:34

Die Suite ist ein Traum, in dem wir uns nach unserem Luahoko-Abenteuer fast ein bißchen deplaciert fühlen. Da die Veranda zur Frontseite der Lodge hinausgeht, unter der dann tagsüber auch die Gäste des Cafés sitzen, verzichten wir darauf, unsere klammen Strandlaken dort aufzuhängen, dafür haben wir ja die Rückenlehnen der 6 Stühle um den massiven Eßtisch. Überall liegt abgespültes Schnorchelzeug herum, die Technik belegt jede Steckdose, müffelnde Strandschuhe stehen zum Trocknen in der Sonne. Irgendwie verhalten wir uns nicht der Unterkunft angemessen, die eigentlich danach verlangt, in weiße Leinengewänder gehüllt gekühlten Weißwein zu schlürfen. Wir schämen uns auch ein bißchen dafür, was wir den Räumen antun und verzichten am Sonntag dann auch auf Housekeeping, bis wir wieder selbst ein bißchen Ordnung geschaffen haben.

Um zumindest den äußeren Schein zu wahren, ziehe ich mich zum Frühstück besonders ordentlich an; Gelegenheit, mein feines Kleid auszuführen, das erst einmal in Hong Kong zum Einsatz gekommen ist. Es gibt wieder weltbestes Rührei und weltbesten tonganischen Kaffee. Jetzt nur nicht bekleckern, denn natürlich habe ich mich nicht nur für das Frühstück herausgeputzt. Um halb zehn lasse ich den Mann am Frühstückstisch in Gesellschaft der Minolta zurück und ziehe los in die Kirche.

Heute ist Sonntag, und wenn man sagt, daß in Tonga sonntags gar nichts geht, dann sind damit alle Bereiche außerhalb der Gemeinden gemeint, denn in der Kirche geht heute richtig was. Daß die Völker der Südsee schön singen können, ist bekannt, und auch auf den Seychellen habe ich bereits gute Kirchenchöre gehört. Über die Tonganer aber sagt man, daß sie mit ihrem Gesang alle anderen in den Schatten stellen.

Wenn man sich mit anderen Südseereisenden unterhält, bekommt man unterschiedliche Ansichten zu hören. Einige lehnen es ab, als Atheisten nur zur puren Unterhaltung in den Gottesdienst zu gehen, und bleiben vor den Kirchen stehen oder sitzen, um dem Gesang durch die offenen Fenster und Türen zu lauschen. Manche wiederum haben keine moralischen Bedenken, sondern bleiben nur deshalb gleich von vornherein draussen, weil ihnen die Gottesdienste, die hier in epischer Breite zelebriert werden, zu lange dauern. Ich persönlich habe kein Problem damit, unauffällig am Gottesdienst teilzunehmen und mir gegebenenfalls eine einstündige Predigt anzuhören, von der ich aller Voraussicht nach kein Wort verstehe. Mittendrin hinauszugehen fiele mir nicht ein. Ich hoffe also, daß sich hier niemand von mir begafft oder gestört fühlen wird.

Die Auswahl an Gottesdiensten, die ich besuchen könnte, ist groß. Von allen um den Königspalast herum angesiedelten Kirchen sind mir die Wesley-Methodisten am sympathischsten, diese Glaubenslehre gilt als besonders liberal, wenig dogmatisch und an hohen sozialen Grundsätzen ausgerichtet, an denen man als überzeugter Gewerkschafter nur seine Freude haben kann. Einen praktischen Grund, dorthin zu gehen, gibt es allerdings auch noch: Die Kirche liegt gleich um die Ecke.


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Als ich ankomme, sind die Bänke schon gut besetzt. Die untere Hälfte der Seitenwände des Kirchengebäudes bestehen fast ausschließlich aus bodentiefen Fenstertüren, die meisten stehen offen und es herrscht ein angenehmer Durchzug. Menschen kommen und setzen sich, manche gehen noch einmal hinaus. Was sofort auffällt, ist, daß es keinen richtigen Altar gibt, eher eine Art Podium. Ebenso fehlt eine Orgel.

Dafür spielt sich vor dem Altarpodium bereits eine Blaskapelle ein, sie klingen professionell, aber wenig kirchlich, es hat eher was jazziges, was sie da spielen. In den Reihen dahinter scheint der Kirchenchor zu sitzen, die Wesley-Methodisten von Nuku’alofa sind bekannt für ihren besonders schönen Chor. Noch ist der aber nicht vollständig, einige verspätete Chormitglieder eilen herbei, darunter zahlreiche junge Männer, die eine Tapa mit roter Bordüre tragen und damit als Studenten des Tonga College zu erkennen sind. Die weiblichen Mitglieder des Chores tragen elegante Kleider aus steifen Stoffen, die mit den gleichen Mustern bedruckt sind, die sich sonst auf den Tapa-Matten finden. Sollten ihre Stimmen ebenso voluminös sein wie sie selbst, wird von den College-Studenten wohl nicht mehr viel zu hören sein.

Der Chor ruckelt sich zurecht, es wird hie und da nochmal der Platz getauscht und ziemlich unförmlich gekichert und sich mit den Ellenbogen angestoßen. Es geht überhaupt recht locker zu. Nach wie vor strömen von allen Seiten Gemeindemitglieder herbei. Inzwischen ist es längst 10 Uhr, der Gottesdienst scheint aber noch nicht zu beginnen, denn eilig hat es niemand. Manche suchen ganz offensichtlich auch den Auftritt. Zwei junge Frauen, eindeutig Schwestern, schweben betont langsam durch die Gänge und wechseln mehrmals den Platz. Im Gegensatz zu allen anderen Frauen tragen sie ihr hüftlanges Haar offen, sie sind bildschön, alle beide, und ganz eindeutig wissen sie das auch. Ich finde es ein bißchen beruhigend, daß die frommen Tonganer nicht frei von Eitelkeiten sind.

Inzwischen ist auch der Prediger eingetroffen und lümmelt lässig auf einem thronartigen Stuhl auf dem Podium, den Kopf in die Hand gestützt. Es sieht aus, als sei er eingeschlafen, aber jetzt scheint es langsam loszugehen.

An der Wand neben dem Podium erscheint eine Beamerprojektion, die, wie sich später herausstellt, in erster Linie dazu dient, die Liedtexte karaokemäßig ablaufen zu lassen. Wahrscheinlich sind Gesangbücher Mangelware.

Außerdem wird so der jeweils folgende Punkt der Liturgie angekündigt, neben Tonganisch auch auf Englisch für die ausdrücklich willkommen geheißenen Palangi. Ich finde das ungeheuer sympathisch, denn obwohl die Tonganer mit Sicherheit genau wissen, daß die meisten Touristen ohnehin nur hier sind, um den Gesang zu hören, beziehen sie sie mit simplen Gesten ein: „Jetzt Predigt“ steht dann da, oder „Geschichte für Kinder“. Es ist irgendwie rührend.

Als erstes wird aber eine Liednummer angezeigt. Es kommt Unruhe auf, einige Gemeindemitglieder besitzen eigene Gesangbücher, in aufwändig verzierten Schachteln verpackt. Sie beginnen zu blättern, nehmen Haltung an, und dann singen sie los und mir richten sich die Haare an den Unterarmen auf. Ich hatte damit gerechnet, daß es schön sein würde, aber nicht mit diesen Klängen. Die Stimmen klingen nicht „schwarz“, die Statur der Tonganer verleitet schnell zu der Annahme, daß sich hinter den gewaltigen Resonanzkörpern geheime Mahalia Jacksons und Paul Robesons verbergen müssen, aber es klingt eher, als sängen da hundert Mama Cass und Elvisse, die mühelos ihre drei Oktaven-Stimmen in perfekter Harmonie aufeinander einstimmen.

Keines der Kirchenlieder ist mir bekannt, die Texte Tonganisch, aber das ist vollkommen egal. Es stört mich auch nicht, als eine verspätet eintreffende Familie mit drei Kindern sich in der Bank vor mir platziert, aufgereiht wie die Orgelpfeifen, der zwei Meter hohe und ebenso breite Familienvater genau vor meiner Nase. Ich muß nichts sehen, während ich gebannt dem Gesang lausche.

Allein die Tatsache, daß der hohe kahlrasierte Schädel des Mannes mich an irgendjemanden erinnert, lenkt mich ein bißchen ab. Irgendwann komme ich drauf, die gewaltige doppelte Nackenfalte, die ihm über den Kragen quillt, gleicht der Mundpartie einer Zeichentrickfigur. Wenn ich jetzt ein paar Wackelaugen zur Hand hätte, um sie auf den Hinterkopf zu kleben, hätten wir exakt die Gesichtszüge von Homer Simpson.

Bis der Gottesdienst, der tatsächlich eineinhalb Stunden dauert und der zu meiner Freude überwiegend aus dem Gesang von Kirchenliedern und Hymnen besteht, vorüber ist, habe ich meine pietätlosen Gedanken wieder vergessen. Die Gemeinde steht anschließend locker herum, hinter dem Predigerpodest formiert sich sowas wie eine Schlange, offenbar gibts heute Abendmahl. Gute Gelegenheit, sich zu verabschieden, und ich gehe ganz beseelt nach Hause.

Nachdem wir den Rest des Sonntags die feudale Suite genossen haben, sind wir am Montag ausgeruht und unternehmungslustig, als Kautai uns zur Inseltour abholt. Den ursprünglichen Plan, die Insel mit einem Mietwagen zu erkunden, haben wir inzwischen verworfen. Selbst ein internationaler Führerschein wird auf Tonga nicht akzeptiert, ein tonganischer muß erworben werden. Die zuständige Behörde in Nuku’alofa zu ermitteln war schon das erste Problem, Berichte auf TripAdvisor sprachen von verschlossenen Türen und kurzen Öffnungszeiten. Angesichts der Kürze unseres Aufenthalts wollten wir mit diesem Behördenkram keine Zeit vertun, aber auch aus andere Gründen erweist sich die Tour mit einem einheimischen Guide als goldrichtig. Die Hälfte aller Dinge, zu denen Kautai uns führt, hätten wir ohne ihn wohl kaum so ohne weiteres gefunden.

Ganz sicher vorbeigefahren wären wir schon an unserem ersten Halt, der Dreiköpfigen Kokospalme, die hier mal eben so am Straßenrand wächst. Lediglich ein schmales Schild weist auf die riesige Palme mit der dreifach gegabelten Krone hin, eine Kokosnuss-Hydra, die ordentlich Nüsse trägt. Sie soll sehr alt sein, sagt Kautai, bestimmt 40 Jahre. Erstaunlich, daß sie alle diese Zyklone überstanden hat, aber, wie Kautai sagt, wie stark ein Baum sei, erkenne man daran, wie sehr er sich biegen könne, und diese Palme sei sehr stark. Außerdem die einzige ihrer Art im gesamten Südpazifik, möge sie also noch lange so biegsam bleiben.


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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Suse » 23 Jun 2019 23:37

Abgesehen von dieser botanischen Kuriosität bedeutet eine Inselrundfahrt auf Tongatapu vor allem faszinierende Landschaften. Unsere nächste Station müssen wir nach Kautais Erfahrung möglichst früh am Tag erreichen, denn je höher der Wasserstand, umso beeindruckender.

Die Mapu 'A Vaea Blowholes sind die bekanntesten an Tongatapus Küsten, gelten als die beeindruckendsten und ziehen wohl auch die meisten Touristen an. Als wir auf dem Parkplatz eintreffen, sind außer uns gerade keine weiteren Palangi hier, jedoch eine größere Gruppe einheimischer Jugendlicher, wohl ein Schulausflug. Der Lehrer hat alle Hände voll zu tun, sie daran zu hindern, über die Absperrung zu klettern und sich möglichst nah an den Blowholes zu fotografieren. Das ist nämlich keineswegs ungefährlich, auch wenn die ebenen Korallenplatten zunächst harmlos aussehen.

Sobald sich auf dem offenen Meer vor der Küste eine ausreichend große Welle aufgebaut hat, schießt das Wasser geysirartig durch die erodierten Kalkplatten. Solche Blowholes gibt es an vielen Orten auf der Erde, auf der Réunion fährt man auf der Autobahn direkt daran vorbei und niemand schaut wirklich hin - aber das hier ist eine andere Hausnummer. Nicht nur, daß die Fontänen eine beeindruckende Höhe erreichen, man kann außerdem die gesamte gewundene Küstenlinie von hier aus bis zum Horizont überblicken und zuschauen, wie sich die Gischt und die Fontänen selbst wie in einer Wellenbewegung aufbauen.


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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Suse » 24 Jun 2019 23:12

Die Blowholes waren der Grund, uns ursprünglich an diesem Küstenabschnitt eine Unterkunft zu suchen. Während wir noch auf die Vaea-Blowholes schauen, fällt uns ein, uns jetzt, wo wir schon in der Nähe sind, das von Gita zerstörte Resort einmal anzuschauen, in dem wir eigentlich wohnen wollten. Dann hätten wir den Strand, der uns auf Fotos so begeistert hat, wenigstens einmal in natura gesehen. Kautai kennt es, es ist bei Einheimischen beliebt, die selbst dort gern das Wochenende verbracht haben. Er meint, die Besitzer hätten sicher nichts dagegen und er selbst willigt ein, von seinem ursprünglichen Inselrundkurs abzuweichen und uns hinzufahren.

Der Weg führt durch Maniok- und Bananenplantagen und vorbei an großen Rinderherden, die, wie uns Kautai erzählt, meist einer Kirche gehören. Gelegentlich passieren wir kleine Dörfer mit der immergleichen Struktur - einige wenige stattliche Anwesen, viele kleine Stelzenhäuser, mindestens drei Kirchen und einen schwer vergitterten chinesischen Kramladen.

Bis auf die Ringstraßen, die um die Insel führen, sind die Wege unbefestigte Sandpisten voller Schlaglöcher. Es dauert eine Weile und verwirrend häufiges Abbiegen, bis wir am Keleti Resort angegekommen sind. Hier hätten wir tatsächlich einen Mietwagen gebraucht und die Organisation des Führerscheinerwerbs hätte zuvor sicher einige teure Taxifahrten nach Nuku'alofa erfordert. Wie sich herausstellt, wäre es uns das wert gewesen.

Das Hauptgebäude, in dem sich wohl das Restaurant befunden haben dürfte, ist schwer beschädigt und hat kein Dach mehr, die Seitenwände sind eingedrückt, auch einige der Gästeunterkünfte haben einiges abbekommen. Die Betreiberfamilie wohnt in einem kleinen Anbau am Hauptgebäude und möchte für den Besuch des Strandes zwei Pa’anga von uns haben. Sie sehen nicht glücklich aus, wie sie da neben ihrem zerstörten Hotel sitzen. Wir zahlen den kleinen Obolus gern und stiefeln hinunter zum Strand.


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Die Blowholes sind hier gemäßigter als weiter nördlich, die Korallenterrassen breiter und durch eine natürliche Absperrung von den Gischtfontänen getrennt. Darin bilden sich beschwimmbare flache Pools. Wir haben noch nie so einen faszinierenden Strand gesehen, wie genial muß das sein, direkt neben den Blowholes herumzuschnorcheln.


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Die steile Felswand, die sich hinter dem Strand erhebt und auf der das Resort thront, ist überwuchert von Kriechpflanzen. Wir sind weit und breit die einzigen Menschen, es ist wunderschön.


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Wir fragen uns nicht zum ersten Mal, wo genau die hohen Geldsummen versickert sein mögen, die Neuseeland, Australien und die USA als Wiederaufbauhilfe nach Gita zur Verfügung gestellt haben. Sollten nicht gerade solche Tonganer, deren Lebensgrundlage durch den Sturm zerstört wurde, als erste davon profitieren? Während wir den Strand besucht haben, hat Kautai sich mit den Betreibern unterhalten und erzählt uns, sie warteten auf Investoren. Da werden sie lange warten können, denn solange kein im Inland lebender Tonganer zuviel Geld übrig hat, wird sich wohl kaum jemand finden. Nicht nur, daß jeder Palangi sein Geld bei solch einem Investment in ein sehr schwammiges Rechtsgefüge versickern sieht, obendrein scheint das Land es gar nicht haben zu wollen. Ein gerade erst erlassenes Gesetz über Auslandsinvestitionen erschwert es sogar im Ausland lebenden Tonganern, in der Heimat Geld zu einzusetzen.

Die tonganische Regierung gilt als korrupt, das Königshaus ist vor allem für seine, nun ja, kreativen Geldgeschäfte bekannt, die denen der Seychellen in nichts nachstehen. Da verschwindet schon mal ein vom König zum persönlichen Hofnarren ernannter US-amerikanischer Banker mit ein paar Millionen Pa’anga auf Nimmerwiedersehen, die zuvor mit Verkäufen tonganischer Pässe an exilsuchende Palangi wie Imelda Marcos verdient wurden. Die Unterstützung solider Existenzgründer wie die hiesigen Gästehausbetreiber an einem Strand, der seinesgleichen sucht, ist da wohl zu sehr Peanuts.
Zuletzt geändert von Suse am 25 Jun 2019 07:29, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Suse » 24 Jun 2019 23:25

Wir lassen den traurigen Anblick des Keleti zurück und fahren weiter. Fast an der Nordspitze Tongas suchen wir eine Besonderheit, die die Privilegien des tonganischen Adels ausnahmsweise einmal positiv aussehen läßt. Im Gegensatz zu allen anderen Ländern Ozeaniens, in denen Flughunde von jedermann gejagt und gegessen werden, ist dies hier ein Vorrecht des Königs. Wahrgenommen wurde es aber seit Generationen nicht und dieser quasi-Schutzstatus hat zu einer enormen Population geführt, die neben Buckelwalschwimmern vor allem Flughundfans nach Tonga lockt.

Ausgestattet mit unserem Uralt-Reiseführer aus dem Walther-Verlag der neunziger Jahre, der bis heute als Standardwerk im spärlichen Tonga-Reiseführersegment gilt, haben wir allerdings einen falschen Eindruck, den Kautai zum Glück schon während der Fahrt richtigstellt. Die noch bis vor wenigen Jahren mehrere tausende Tiere umfassenden Kolonien, die den kleinen Ort Kolovai beherrschten und dort jeden Baum dicht an dicht bevölkerten, gibt es nicht mehr. Die Gründe sind unklar, ob sich die ausufernde Population selbst überlebt und ihrer Nahrungsgrundlage beraubt hat, oder eine Krankheit oder etwas anderes der Grund ist - bislang hat es niemand näher erforscht. Fest steht, die Tiere sind nicht ausgestorben, auch nicht bedroht, sie sind nur umgezogen, auf viele kleine Gruppen aufgesplittert, bewohnen mal hier einen Baum und mal dort einen, weit voneinander entfernt über ganz Tongatapu verstreut. In Flughundfan-Kreisen gibt es inzwischen Webseiten, in denen man sich die aktuellen Standorte genau mitteilt.

Zu unserem Glück sind einige wenige in Kolovai verblieben und Kautai kennt die Bäume, in denen man sie noch in größerer Zahl sehen kann. Wir finden sie in einem großen Kasuarina-Baum mitten auf einem Friedhof. Gegen das Betreten hat niemand etwas. Angenagelte Kinderkleider gibt es hier nicht, aber mehrere der sehr großen Häkeldecken, mit denen die Grabhügel verschönert werden.

Die Flughunde sind tagaktiv und zetern und zappeln herum, so daß wir einige Aufnahmen der Tiere im Flug machen können. Leider ist das Wetter nicht mehr sehr schön, es ist dicht bewölkt und ab und zu regnet es, so daß die Aufnahmen mit meiner Miniknipse nur so lala werden, aber immerhin haben wir noch einen Eindruck bekommen, wie es hier einmal gewesen sein muß. Der Mister hat derweil die Minolta vor dem Tröpfelregen in Sicherheit gebracht. Kautai fragt einen vorbeikommenden Passauten, wie es aktuell in Kolovai um die Flughunde bestellt sei, aber der winkt ab, wir bräuchten nicht weiter zu suchen, das seien schon alle.


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Auch hier ganz im Norden von Tongatapu gibt es eine Reihe sehr netter kleiner Gästehäuser. Jedoch zumeist Self-Catering, worauf wir angesichts der eingeschränkten Versorgungslage mit uns vertrauten Gemüsesorten und anderen Lebensmitteln nicht so richtig viel Lust hatten, denn das wäre vermutlich sogar schwieriger geworden, als auf Luahoko. Der Tonganer selbst versorgt sich nicht beim Chinesen, dort wird der Einkauf höchstens mit westliche Produkten ergänzt. Man kauft entlang der Straße beim Gemüsehändler, die aufgeschichteten Melonen-, Maniok- und Tarowurzelberge sind enorm. Auch der Handel mit Oberbekleidung findet hier entlang der Straßen statt. Man kann im Vorbeifahren nicht immer sofort unterscheiden, ob hier Wäsche zum Trocknen oder zum Verkauf aufgehängt wurde.
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Re: Dschungelcamp an der Datumsgrenze

Beitrag von Klara » 25 Jun 2019 13:18

Suse hat geschrieben:
24 Jun 2019 23:25

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stark, ich kenne die eher in belaubteren Bäumen wo man sie nicht so gut erkennen kann wie in den eher lichten Kasuarien hier. Süß finde ich den, der sich das Gesicht nicht bedeckt.
Danke + LG
Klara

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