Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

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Suse
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Suse »

Während ich als Blackfish-geschädigter Mensch gewisse Vorbehalte gegenüber Seaworld und anderen großen Parks voller Meeressäuger habe, ohne dabei zu verkennen, daß der Sinneswandel, den die Menschheit vom Walfänger zum Walschützer durchgemacht hat, ganz voran auch diesen Parks zu verdanken ist, mag ich das Gatorland sehr gern. Die weitläufigen Gehege entsprechend dem natürlichen Lebensraum der Alligatoren und auch die Spekatakel drumherum sind so tiergerecht und lehrreich gestaltet, daß man sie amüsiert anschauen kann, ohne ein ungutes Gefühl zu bekommen.

Es sind nicht zuletzt die Menschen, die in der familiären Atmosphäre hier zumindest für mich Schauwert haben. Oft staunen die Erwachsenen mehr als die Kinder, man merkt genau, wer wenig Berührungspunkte mit Natur und Tieren hatte, obwohl die Besucher fast immer Floridianer unter sich sind, von denen anscheinend viele gar nicht zu wissen scheinen, mit welcher Vielfalt der Natur sie hier zusammenleben.

So sitze ich an einem Tag unseres Besuchs im Restaurationsbereich, hüte die Kamerataschen, während der Mister in der Breeding Marsh zwischen Küken und Japanern seine Fotos macht, bin dank meiner Senioren-Jahreskarte gut mit Refill-Getränken versorgt, und lausche einer Country-Band, als einer der Musiker die Zuhörerschaft plötzlich fragt, wer denn wohl die weiteste Anreise hatte. Die Antworten, die da kommen, sind alle irgendwelche Orte aus der Umgebung und rufen ungefähr so viel Interesse hervor, als würde man einem Berliner erzählen, man komme aus Potsdam. Irgendwann meldet sich jemand aus Iowa, was große Begeisterung auslöst. Das finden sie alle wow und awesome und incredible und überhaupt. Kurz überlege ich, mich jetzt zu melden und mal richtig einen rauszuhauen, aber dann höre ich den Südstaatenslang der Band und denke, daß jemand, der schon Probleme hat, sich einen Whopper mit Käse zu bestellen, sich hier besser mal ganz unauffällig verhält.

Am liebsten bin ich auf dem Boardwalk des Swamp-Walk unterwegs. Hier wachsen viele extrem große Exemplare des Lederfarns, einer Mangrovenfarnart, dazu Zimtfarne, Schwert- und Wurmfarne. Leider ist der Swamp in den ersten Tagen unseres Besuches aufgrund des hohen Wasserstandes geschlossen. Hier leben die Tiere annähernd wie in freier Wildbahn und die Zäune zur Umgebung des Gatorland sind für kleinere Tiere durchlässig, so daß man mit Cottonmouth-Begegnungen und auch Schnappschildkröten rechnen muß. Das Wasser reicht bis an die Unterkante des Boardwalks, da kann man so natürlich keine Besucher hineinlassen. Erst am letzten Tag wird das Wasser so weit gesunken sein, daß die Pforten wieder geöffnet werden und wir einen Tag hier verbringen können. Dieses Jahr verteilt sich alles zwischen den Zypressen und Farnen und wir kommen mit einer wesentlich geringeren Fotoausbeute zurück als bei der letzten Reise.

„Wie lange Orlando“ ist ein immer wiederkehrendes Verhandlungsthema vor jeder Florida-Reise, denn während der Mister hier problemlos fünf Monate verbringen könnte, hatte ich während der eingeplanten fünf Tage schon für mindestens einen Tag eine Alternative ausgedacht. Aber dann kam er ganz von sich aus mit dem Vorschlag, einen Tag aufs Gatorland zu verzichten und statt dessen die Gelegenheit zu nutzen, wieder einen Abstecher ins Lakeland zu machen.

Bereits auf der letzten Reise waren wir hier per Zufall auf ein Naturschutzgebiet am nördlichen Rand des Lake Hancock gestoßen, das uns unglaubliche Tierbeobachtungen ermöglichte, die Circle B Bar-Reserve, ungefähr eine Stunde Fahrzeit von Orlando entfernt.

https://visitcentralflorida.org/feature ... r-reserve/

Circle B-Bar steht für das eingekreiste B, das Brandzeichen der Familie Bellotto, der Name der Familie, die hier bis 2000 eine Rinderfarm betrieb. 2000 wurde die Farm aufgegeben und das Land an das Polk County verkauft, das draus die heutige Reserve machte.

Einige der Farmgebäude stehen noch, sind gut erhalten oder restauriert und können besichtigt werden. Der Eintritt ist kostenlos, und abgesehen von einem Besucherzentrum mit kleinem Ausstellungsraum und Toiletten gibt es hier keine weitere Unterhaltung, keine Animation, nur lange Wege durch den Sumpf, die so manche Überraschung bieten.
Wenn du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

https://s12.directupload.net/images/210215/bx7vkcag.jpg
Klara
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Klara »

foto-k10 hat geschrieben: 07 Sep 2022 13:57 Am lustigsten finde ich dieses Foto:
mr.minolta hat geschrieben: 07 Sep 2022 02:26 Bild
Es erinnert mich an den alten Bundewehrwitz:
"Einer der Rekruten ist merkwürdig, er wischt nach jedem Schuß die Fingerabdrücke vom Gewehr ... " :mrgreen:
Stimmt, die Handschuh waren mir gar nicht aufgefallen. Solche Beobachtungen der verschiedenen Verhaltensweisen bereichern doch den Urlaub.
LG
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Klara »

Suse hat geschrieben: 07 Sep 2022 16:43
... als einer der Musiker die Zuhörerschaft plötzlich fragt, wer denn wohl die weiteste Anreise hatte. Die Antworten, die da kommen, sind alle irgendwelche Orte aus der Umgebung und rufen ungefähr so viel Interesse hervor, als würde man einem Berliner erzählen, man komme aus Potsdam. Irgendwann meldet sich jemand aus Iowa, was große Begeisterung auslöst. Das finden sie alle wow und awesome und incredible und überhaupt. Kurz überlege ich, mich jetzt zu melden und mal richtig einen rauszuhauen, aber dann höre ich den Südstaatenslang der Band und denke, daß jemand, der schon Probleme hat, sich einen Whopper mit Käse zu bestellen, sich hier besser mal ganz unauffällig verhält.
Ach Schade, die hätten sich sicher sehr gefreut, dass jemand aus Deutschland da ist. Manche waren doch als Soldaten hier stationiert und sind von Deutschland ganz begeistert.
LG
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mr.minolta
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von mr.minolta »

Überregional bekannt wurde die Circle B Bar vor fünf Jahren, als dort erstmals ein wahrer Monster-Alligator beim Überqueren eines Wanderwegs von Passanten zufällig gefilmt wurde. Er bekam den Namen Humpback und machte auch den ortsansässigen Menschen schlagartig klar, in welcher Nähe zu dinosaurierartigen Tieren sie dort doch leben. Bis heute geht man davon aus, daß in diesem Park die wohl größten Alligatoren Floridas existieren und die meisten kennt man aufgrund ihrer verborgenen Lebensweise vielleicht gar nicht.

Humpback, mit einem Alter von mehreren Jahrzehnten nie zuvor gesichtet oder erwähnt, war nun in den TV-Nachrichten, im Gesichtsbuch und auf YouTube. Das Video ging um die Welt:

https://www.youtube.com/watch?v=FWS5xfIaoeA

Was im Bereich der Parkplätze und des selten geöffneten Besucherzentrums noch nach halbwegs organisierter Freizeitverbringung aussieht, entpuppt sich schon bald als Eintritt in eine andere, eine wilde Welt. Besucher werden mit Broschüren und auffälliger Beschilderung darauf aufmerksam gemacht, daß hier Vorsicht walten muß:

"This is not a zoo!"

In diesem Sinne empfinde ich die Circle B Bar unter allen Sümpfen und ähnlichen Wasserlandschaften Floridas, die ich kennengelernt habe, auch als die mit Abstand finsterste und bedrohlichste. Die Wanderwege in Form von mitten im Sumpf aufgeschütteten und von urwaldartiger Vegetation bestandenen Dämmen geben mir das Gefühl, recht hilflos ausgesetzt zu sein. Tatsächlich kann, wenn mal etwas passieren sollte, die rettende Zivilisation namens Parkplatz im Extremfall kilometerweit vom eigenen Standpunkt entfernt sein. Ob Handys da draußen funktionieren, weiß ich nicht.

Wie auch immer, spannend war es auf jeden Fall, das Gelände wiederzusehen und wenn wir auch nicht unbedingt erwarten durften, Humpback nun endlich persönlich kennenzulernen, waren wir doch guter Dinge in Hinblick auf ein besonderes Naturerlebnis und machten uns auf den Weg.

Das Foto mag einen Eindruck von der Landschaft und der Situation verschaffen, die ich eben beschrieb. So verloren, wie ich da in der Wildnis stehe und nach den Kreaturen des Sumpfes Ausschau halte.



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Natürlich gibt es hier auch ganz normale Spaziergänger. Menschen ohne schwere Kameras, Eltern mit ihren Kindern, mit Fahrrädern und Bollerwagen. Aber wirklich voll war es hier noch nie. Oft ist man eine halbe oder ganze Stunde allein, bevor mal wieder jemand an einem vorbeiläuft. Wir sehen verschiedene Wasserschildkrötenspezies, Reiher und einen Baby-Alligator dicht am Ufer, verborgen unter Vegetation. Beim Annähern an's Wasser ist jetzt wirklich größte Vorsicht geboten und wer hier keine Erfahrungswerte und umsichtige Orientierung hat, sollte es besser ganz bleibenlassen. Vorfälle mit Personenschaden in diesem Park sind uns bisher zwar nicht bekannt, aber die Option, hier mal eben von einem Humpback oder einem seiner Gesellen blitzartig attackiert und in's Wasser gezogen zu werden, besteht nicht nur theoretisch. Ein Alligator dieser Größe, der, wie auf dem Video zu sehen, ruhig und gelassen Land überquert, verhält sich dabei nicht für Beuteerwerb orientiert grundsätzlich anders als in Lauerposition im oder unter Wasser.


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mr.minolta
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von mr.minolta »

Der Weg endet für uns nach über einer Stunde zunächst an einem großen See, in dem es vor mittelgroßen Alligatoren nur so wimmelt. Zwei weitere Trails zweigen hier ab. Sie führen durch noch größere Zonen des Schutzgebietes und umrunden die Seenlandschaft, bis sie dann am Parkplatz wieder enden. Ich schätze, daß das Ablaufen aller Trails hier mehrere Tage dauern könnte, wenn man nicht nur stramm läuft, sondern auch Pausen und Fotos machen möchte. Das heben wir uns für eine spätere Reise auf und machen es uns erst mal in der Schutzhütte gemütlich, die gerne für Picknickzwecke und zum Langlegen genutzt wird. Ebenso kommt man hier mit anderen Wanderern und Fotografen schnell in's Gespräch. Ein Amerikaner aus der Umgebung ist mit seinen beiden ebenfalls fotografierenden Schwestern bereits hier. Wir führen eine nette Unterhaltung, zeigen uns gegenseitig unsere Fotos und geben uns einschlägige Wandertips.

Er würde keine Bilder von hier mehr posten, sagt er noch. Das lockt zuviele Menschen an. Tatsächlich war zur Zeit des Humpbackvideos in der Circle B Bar die Hölle los. Alle kamen sie hierher und wollten Riesenalligatoren sehen. Ganze Großfamilien, unbeaufsichtigte Kinder am Gewässerrand, lärmende Schulklassen, das ganz große Tamtam. Irgendwann beruhigte sich das wieder und wir kennen das Gelände seitdem ja auch eher so ziemlich menschenleer.

Er erwähnt noch, daß er jede freie Minute nutzt, um hierher zu kommen. Dann verabschiedet er sich mit den Worten "Ich muß jetzt nachhause, hoffentlich passiert nicht wieder sowas wie beim letzten Mal..." Ich sag "Was war denn?" Er antwortet "Auf dem Rückweg zum Parkplatz liegt plötzlich ein Alligator quer auf dem Damm, ich kam nicht dran vorbei und mußte nach einer halben Stunde des Wartens dann den Umweg zurück um die Seen nehmen." Tolle Geschichte, denken wir noch. Haben wir ja noch nie erlebt.

Wenige Minuten später packen auch wir unsere sieben Sachen und gehen ihm nach. Auf dem Damm ist er bereits außer Sicht, dafür sehen wir etwas anderes und Ihr könnt Euch nun denken, was! Nicht irgendein Alligator, nein. Es ist mindestens Humpbacks kleiner Bruder, der uns hier den Weg versperrt. Vorsichtig pirschen wir uns immer näher ran und stoppen in einer Entfernung von ca. sieben Metern. Unsere Herzen klopfen bis zum Hals. Ich weiß nicht, wieviele Hundert oder Tausend Alligatoren ich in den letzten 30 Jahren gesehen und fotografiert habe, aber sowas gab es noch nicht. Von Zäunen oder ähnlichen Barrieren will ich erst gar nicht reden, schon die bloße Uferböschung zwischen einem so großen Tier im Wasser und einem selbst auf dem Weg würde eine sichere Distanz schaffen, aber das hier?? Ihr müßt meine Euphorie entschuldigen, das war nicht mehr Circle B Bar, das war Jurassic Park.

Während Suse noch mahnende Worte verliert, ich solle nicht zu nah rangehen, denke ich nur: Krass! Jetzt erleben wir präzise dieselbe Geschichte, die uns eben erst geschildert wurde. Nur mit einem viel größeren Alligator. Ich pack die große Knipse aus und los geht's. Kein Mensch weiß, wie lange er da liegenbleiben wird. Die Kamera glüht.


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Der kleine Bruder ist knapp vier Meter lang und man muß sich bewußt machen, daß ein solcher Alligator doppelt so viel wiegen kann, wie ein drei Meter langer. Ein Tier dieser Größe ist entsprechend selbstbewußt, der macht so schnell keinen Platz. Völlig entspannt streckt er die Beine nach hinten, blinzelt in die Sonne und schließt die Augen schließlich ganz. Dann wacht er auf und öffnet das Maul, während wir ihn bis dahin schon mit allen fünf Kameras verewigt haben.


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Nach 15 Minuten hören wir hinter uns das Scheppern von Rädern auf dem buckligen Damm. Eine Frau und ihre Tochter fahren heran. Vollbremsung. Offener Mund. Dann werden hastig die Handys rausgekramt und ein paar Bilder geschossen. Die junge Mutter entscheidet sogleich, den Rückweg anzutreten und ihr Mädchen in Sicherheit zu bringen. Weg sind sie. Auf den Rädern werden sie trotz des Umwegs recht schnell zurück am Parkplatz sein. Aber das Kino geht weiter. Eine weitere junge Frau nähert sich uns von hinten. Flüsternd erklärt sie, daß sie in der Nähe lebe und jedes Wochenende hierher komme, aber sowas habe sie noch nie erlebt, und welche Ehrfurcht sie doch vor diesen Urwelt-Kreaturen habe. Bedächtig läßt sie sich nieder und beobachtet das Tier, macht Handyfotos und lächelt. Sie ist keine religiöse Spinnerin, wie wir sie vor vier Jahren in ähnlicher Umgebung mal kennenlernen mußten. Sie ist einfach nur unglaublich freundlich und fasziniert von der Natur.


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Zuletzt geändert von mr.minolta am 08 Sep 2022 20:59, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von mr.minolta »

Nach über einer halben Stunde laufen immer mehr Menschen auf. Mittlerweile von beiden Seiten. Einige späte Besucher kommen jetzt auch noch aus Richtung des Parkplatzes dazu. Die Reaktionen sind immer dieselben: erst Staunen, dann Fotografieren und schließlich nervöse Diskussionen über das weitere Vorgehen. Manche müssen noch in den Job und kommen nun zu spät. Andere haben Begleitung, die jetzt irgendwo auf dem weiten Gelände wartet und fürchten muß, daß etwas passiert sein könnte. Dabei herrscht unter allen Beteiligten völlige Einigkeit über das, das nicht möglich ist: Drüberklettern bedeutet den sicheren Tod. Links oder rechts dran vorbei müßte man durch's trübe Wasser. Bedeutet auch den sicheren Tod oder zumindest eine sehr wahrscheinliche Gefahr, denn da liegen ja womöglich seine Schwestern oder gar der große Bruder selbst im Schlamm. Die Urheber eines weiteren Humpbackvideos nun blutigen Inhalts wollen wir nicht werden und obwohl wir total in unserem Element sind, frage ich mich inzwischen auch, ob wir hier im Sumpf werden übernachten müssen.

Die ganze Situation wird immer mehr bizarr und surreal, während ich mich in erweitertem Sicherheitsabstand vor der Videokamera selbst interviewe. Zwei weitere junge Frauen erscheinen und werden sich nicht einig. Die eine will bleiben, die andere will zurück. Beide sind für einen zünftigen Nature Walk ausgerüstet und treten nach hitziger Debatte schließlich den Rückweg an.


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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von mr.minolta »

Eine Übernachtung im Sumpf? Wirklich?

Ja gut, DAS wäre ja sowieso der sichere Tod. Ich will ja nicht, frei nach Joey Heindle, morgen aufwachen und in der Zeitung lesen, daß ich in der Nacht zuvor gefressen wurde.

Etwa eine Stunde ist inzwischen vergangen, als endlich Bewegung in die Sache kommt. Die Augen werden geöffnet, ebenso das Maul. Alle Extremitäten bewegen sich nach vorne und leichte Zuckungen gehen durch den Körper. Das Ende steht kurz bevor, als weitere Besucher in die Szenerie eintreten. Jetzt wird sogar noch ein Stativ aufgebaut, doch kurz darauf beginnt es zu rascheln und zu scharren. Das Tier setzt sich in Bewegung. In meine Richtung und ich bin von allen Schaulustigen am dichtesten dran.


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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von mr.minolta »

Es ist kurz vor der Dämmerung und der Alligator läuft los.

Eine jetzt noch erfolgende Attacke auf die umstehenden Menschen ist nahezu undenkbar. Alligatoren verfolgen niemals Beute über Land, egal wie groß, selbstbewußt oder hungrig sie sind. Sie stoßen aus dem Wasser heraus und machen dabei schon mal einige Meter Boden über die Böschung gut, aber daß ein solches Tier aus dem See steigt und planvoll einem Menschen oder auch nur einem natürlichen Beutetier ausdauernd über die Wiese, den Weg oder die Straße hinterherrennt, um ihn/es zu greifen und zu fressen, ist völlig ausgeschlossen.

Dennoch ist mir etwas mulmig, als er sich auf alle vier Beine stemmt und erst dadurch seine ungeheure Körpermasse sichtbar macht. Der Anblick ist brutal, das Tier ist, wie der Berliner sagt, ein übles Gerät. Ein Raunen geht durch die Menge, als würde jeder der Anwesenden spätestens jetzt den Gedanken haben, hier den Dreharbeiten des nächsten Saurier-Blockbusters beizuwohnen und Suse ruft nur "Sieh zu, daß Du da wegkommst!!".


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Die über einen Zeitraum von mehr als einer Stunde immer wieder abgeschätzten knappen vier Meter Länge bestätigen sich nun definitiv, ebenso schätze ich ein Gewicht von bis zu 300 kg, als ich mich erhebe und einen beschleunigten Rückzug antrete. Im Laufen dreh ich mich mehrmals kurz um und betätige den Auslöser der Kamera, ich kann nicht anders. Dann halte ich an. Das Monster dreht sich ein, schreitet ruhig die Böschung herab, gleitet mit sanftem Platsch in's trübe Wasser und läßt sich ruhig treiben, um dann entspannt auf den finsteren Grund zu sinken.

Klingt wie in einem schlechten Kitsch-Roman, oder?


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Jetzt bestätigt sich auch, daß er nie im Sinn hatte, mich zu verfolgen, auch wenn es für die Anwesenden zunächst so ausgesehen haben muß. Das Maximum an menschlicher Gegenwart war für ihn erreicht, er wollte zurück in's Wasser. Dazu mußte er aber um das Gestrüpp links von ihm in einem Bogen herumlaufen, um eine Lücke in der Böschung zu finden.


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Die Menschen seufzen, einige applaudieren und alle scheinen glücklich über das Erlebte zu sein. Vor allem auch die junge Dame in blau, die von Anfang an bis jetzt dabeigeblieben ist. Wie eine lang vertraute Freundin wirkt sie inzwischen auf uns, kommt uns freudig strahlend entgegen und es platzt aus ihr heraus: "Hast Du wirklich Fotos geknipst auf Deiner Flucht?? Die muß ich sehen!". Ich klicke die Bilder schnell auf den Monitor und bin selber hocherfreut über das Ergebnis, als sie mich spontan umarmt und küßt. Auch ein nettes Ergebnis! :wink: "Komm, schlag ein!" sagt sie. Unsere Hände klatschen, sie verabschiedet sich und auch Suse und mr.minolta packen ein letztes Mal die Taschen. Dann geht es auf den langen Weg zurück zum Auto.

Was für ein Tag!

Beim Verlassen des Parkplatzes drehe ich die Progressive House Music im Radio bis zum Anschlag auf. Suse greift die Videokamera und filmt unsere Ausfahrt aus dem Park, unter den uralten Eichen hindurch. Meterlanges Spanish Moss streift den kleinen Chevrolet.

Wir fahren in den Sonnenuntergang.
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Suse
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Suse »

Der nächste Tag ist dann auch schon unser letzter hier und bevor wir den Deckel auf dem Kapitel Orlando zuklappen, muß unbedingt nochmal der riesige Dollar Tree gleich um die Ecke unseres Motels und der nächste Walmart unsicher gemacht werden. Wir kaufen Off Deep Woods, Klappstühle, einen Cooler und auch gleich den Inhalt dazu, leckeres Kokoswasser, Grillsoßen und Beef Jerky, dazu Ziploc-Beutel für Eiswürfel, Servietten und Grillzubehör. Halt alles was man so braucht für die kommenden Ausflüge in die Wälder und zu den Quellen.

Praktischerweise liegt das Days Inn ja direkt neben der Auffahrt zum Turnpike, von da aus geht es auf die Interstate 75 und dann nur noch geradeaus. Je weiter wir nach Norden kommen, desto üppiger blühen lila Phlox und gelbe Astern am Straßenrand.

https://eu.tcpalm.com/story/life/column ... 003436002/

Die ersten Hinweisschilder auf ein Citrus Center erscheinen und wir strahlen um die Wette, als wir Windelgators sehen, wie wir die gemalten Babygators getauft haben, die in ihren Eierschal-Windeln von den Plakaten lachen. Wir lieben diese süßen Figuren, sie dokumentieren den Übergang in das Florida, wie wir es am schönsten finden.

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The real Florida, das beginnt für uns ab Ocala, dem Teil des Landes, der an Einsamkeit wahrscheinlich nur noch von den Wäldern des Panhandle übertroffen wird.

Eine Woche sind wir jetzt in Florida, auch wenn es uns nach den intensiven Eindrücken länger vorkommt. Und der weitaus längere Teil des Aufenthalts liegt noch vor uns.

Bei der letzten Reise hatte das Land eine monatelange Dürre hinter sich, die fast zeitgleich mit unserer Ankunft endete und in einen wochenlangen Dauerregen, begleitet von den Ausläufern zweier karibischer Hurricanes überging und uns den Urlaub, den wir zum Teil in einem einsam gelegenen Camper am Ufer des Santa Fé River verbrachten, doch etwas beeinträchtigte. Dieses Jahr sind die Vorzeichen ungleich günstiger, nach einem verregneten Frühjahr, das für eine üppig sprießende Natur gesorgt hat, wird für die kommende Zeit nichts als Sonnenschein angekündigt. Nur unseren Camper im Wald, den kleinen Turtle Palace, den gibt es nicht mehr.

Gern hätten wir den Aufenthalt hier bei besserem Wetter wiederholt, aber Pam und Lance, die Betreiber der Lazy Turtle Lodge, auf deren Gelände der Camper stand, geben aus Altersgründen auf und verkaufen ihr wunderschönes Stelzen-Blockhaus am Fluß mit allem, was dazu gehört. Hätten wir die Mittel, wir würden das Grundstück sofort kaufen, aber das ist weit jenseits unserer Möglichkeiten. Was die zukünftigen Eigentümer daraus machen werden und ob es weiterhin touristisch genutzt werden wird, konnte Pam mir natürlich auch nicht beantworten, so bleibt nur zu hoffen, daß wir irgendwann nochmal an diesen wunderbaren Ort zurückkehren können.

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Wir fahren also noch weiter nach Norden, an den Ort, wo wir unser Basislager aufschlagen werden, so wie schon auf allen Reisen zuvor, passieren Don Garlits Dragstermuseum und die Paynes Prairie.

Die Namen der Orte rechts und links der Straße sind die Namen von Häuptlingen der Seminolen und der Creek, allen voran Chief Micanopy, der den Haß der gerade unabhängig gewordenen amerikanischen Regierung auf sich zog, weil er hunderte von den Plantagen im Norden entflohener Sklaven auf seinem Land in den verzweigten Sümpfen und Wäldern versteckte. Wenn man weiß, daß auch Al Bellotto, der Betreiber der Farm, die heute die Circle B Bar-Reserve ist, zur Hälfte Creek war, versteht man, wie er es geschafft hat, in den Sümpfen voller 4 Meter-Alligatoren über Jahrzehnte erfolgreich eine Rinderfarm zu betreiben. 🐊

Osceola, McIntosh, Micanopy, und Alligator, die Anführer der indigenen Bevölkerung im zweiten Seminolenkrieg, am Ende verloren sie ihr Land dann doch, auch wenn heute Counties und Städte nach ihnen benannt sind. Auch Chief Alligator wurde die Ehre zuteil, Namensgeber für eine Stadt sein zu dürfen. Aber wie man vielleicht nachvollziehen kann, wirkte der Name auf weiße Siedlerfamilien Mitte des 19. Jahrhunderts wenig anziehend, so daß man ihr einen harmloseren gab: Lake City. Und genau da wollen wir hin.

Lake City bezeichnet sich selbst als „Gateway to Florida“, weil sich hier die I75 und die I10 kreuzen. Das macht die Stadt zum idealen Zwischenstop für alle Durchreisenden auf dem Weg zu Micky oder mit einer Truckladung voller Waren in den Süden, und die meisten widmen ihr darüber hinaus keine besondere Aufmerksamkeit. Für den Mister ist es nach vielen Jahren des Höhlen- und Quellentauchens hier im Norden die zweite Heimat, für mich inzwischen ein vertrauter Ort, der mir mit jedem Urlaub ein bißchen mehr ans Herz wächst.

Unsere Stamm-Absteige, die Econo-Lodge direkt an der Autobahnabfahrt, sieht unverändert aus. Zwei Autos parken ganz am Ende der Zimmerfluchten auf den letzten zwei Stellplätzen, ansonsten ist alles leer. Der Mister handelt für uns einen enormen Langzeit-Rabatt heraus und wir bekommen ein Zimmer im Erdgeschoß mit Blick auf den Pool. In manchen Jahren blieb der Pool bis zum Memorial Day geschlossen und wurde nur mir als Dauergast zuliebe auf Nachfrage etwas widerwillig geöffnet. Dieses Jahr ist das Tor bereits auf und es ist fast niemand hier außer uns.

Ein Subway nur wenige Meter vor dem Motel, an der Rezeption complimentary coffee den ganzen Tag, ein ordentliches Zimmer mit zwei Kingsize Betten, Badewanne, Kühlschrank und Mikrowelle. Und on top ein Pool und ein Grillhäuschen, die wir, so wie es aussieht, fast jeden Tag ganz für uns allein haben werden. Luxus pur! Ich bin glücklich.

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Die Stadt und Umgebung werden wir erst morgen erkunden, schauen, ob noch Schildkröten im Lake de Soto schwimmen und ob es im Blanche Hotel noch spukt. Heute Abend reicht die Energie nur noch für den Walmart. Nachdem wir schon in Orlando kein Walmart Supercenter mehr gefunden haben, hatten wir auf Lake City gehofft, aber auch hier hat die Europäisierung stattgefunden. Kein Supercenter mehr, keine 24/7 Öffnungszeiten. Und keine Crablegs. Dafür werden hier kaum noch Masken getragen und es dauert nicht lange, bis wir uns der Bevölkerung diesbezüglich anpassen. :wink:

Da ich dem Ehemann zu seinem Geburstag ja keinen Gutschein für eine Dampflokfahrt um den Lake Okeechobee schenken konnte, gab es einen Gutschein für Snowcrabs, und der wird nun im Publix eingelöst; der Preis hat sich im Vergleich zu 2018 mehr als verdoppelt, aber Geschenk ist Geschenk.

Wir richten uns also häuslich ein, stellen die Klappstühle vor das Zimmer, ich beginne Buch zwei des Urlaubs und wieder werden Seagrams Breezer entkorkt. Der Mister ist auch glücklich, er ist wieder zuhause, pult Krabbenbeine aus und im Hintergrund läuft die neueste Staffel von Deadliest Catch. Besser geht's nicht.

Aber jetzt fliegen wir ja gleich für eine Woche nach New York und bevor es hier voraussichtlich Ende September weitergeht im Text kommt jetzt erstmal die Dame mit dem Eiskonfekt, extra für Klara:

https://www.youtube.com/watch?v=H94RF3InQm8
Wenn du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

https://s12.directupload.net/images/210215/bx7vkcag.jpg
Klara
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Klara »

Suse hat geschrieben: 08 Sep 2022 22:10 Aber jetzt fliegen wir ja gleich für eine Woche nach New York und bevor es hier voraussichtlich Ende September weitergeht im Text kommt jetzt erstmal die Dame mit dem Eiskonfekt, extra für Klara:
https://www.youtube.com/watch?v=H94RF3InQm8
Klasse, Daaaaaaaanke, euern Bericht muss ich noch mal in Ruhe lesen und anschauen, aber die "gute Laune Werbung" habe ich schon mal genossen.
LG + super Urlaub, ihr schein ja richtig auf den Geschmack gekommen zu sein.
Klara
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Pico
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Pico »

Schöööön... :D

Und Piepmätze auf urtümlichen Wassertaxen, klasse!

Der dicke Gator sieht schon echt beeindruckend aus. Selbst auf dem Monitor. Wirklich wie aus einer anderen Welt.

Eine tolle Reise, entsprechend in Worte & Bilder gepackt!!
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mr.minolta
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von mr.minolta »

Wir danken Euch!! :D

In ca. zwei Wochen geht's weiter.

Liebe Grüße und bis bald!


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Es scheint, daß es neben der Republik der Seychellen auf der Welt kein zweites Land gibt, das für sich selbst derart ausdrücklich mit besonderem Umweltschutz wirbt und in der Realität so unfaßbar dreist das absolute Gegenteil davon praktiziert.
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Klara »

Ich hoffe, es geht bald weiter. Mit der ganzen Eisesserei in der Pause habe ich mir schon 1 kg angefressen. Hoffe, ihr hattet eine tolle Urlaubszeit.
LG
Klara
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Suse
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Re: Gators, Goethe, and the Grove - Florida 2022

Beitrag von Suse »

Klara hat geschrieben: 23 Sep 2022 10:02 Ich hoffe, es geht bald weiter. Mit der ganzen Eisesserei in der Pause habe ich mir schon 1 kg angefressen. Hoffe, ihr hattet eine tolle Urlaubszeit.
LG
Klara
Frag mal lieber nicht, was eine Woche New York City mit einem macht. 🥐 🍔 🌭🌭🌭 🤣

Das war ganz unglaublich toll und wir müssen erstmal wieder mental in die Einsamkeit von Nordflorida zurück. In paar Tagen geht's weiter, versprochen.
Wenn du keine Kokosmilch hast, machste einfach normales Wasser.
- Grubi -

https://s12.directupload.net/images/210215/bx7vkcag.jpg
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